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Pina Bausch : Tanz oder gar nicht

26.02.2012 00:00 Uhrvon
Pina Bausch blickte aus ihrem Arbeitszimmer in Wuppertal auf die Schwebebahn. Foto: Deike DieningBild vergrößern
Pina Bausch blickte aus ihrem Arbeitszimmer in Wuppertal auf die Schwebebahn. - Foto: Deike Diening

Pina Bausch ist mit ihren Choreografien weltberühmt geworden. Basis für sie und ihre Tanzkompanie ist jahrzehntelang die Stadt Wuppertal geblieben. Bausch hat diesen Ort geprägt – und für ihre Arbeit gebraucht. Eine Spurensicherung.

Vermutlich war Günter Haaso der Einzige in ganz Wuppertal, der nie „Pina“ gesagt hat, sondern immer „Frau Bausch“. Das liegt an seinem Berufsverständnis der Personenbeförderung und nicht daran, dass sie sich nicht gut genug gekannt hätten. Im Gegenteil, die Stunden, die sie gemeinsam verbrachten, sind ungezählt: Er auf dem Fahrersitz. Sie auf dem Beifahrersitz, „nie hinten“. Wuppertal – Düsseldorf. Frankfurt – Wuppertal. All die langen Fahrten, die sie aus der Stadt heraus machte, bei der Rückkehr von Gastspielen, Tourneen, Preisverleihungen, fuhr Günter Haaso sie. Dreieinhalb Stunden vom Frankfurter Flughafen, je nach Verkehr, mit Pause.

Wollen wir eine rauchen? – Sie haben sich dann auf den Rastplatz gestellt, Haaso holte Kaffee und stellte ihn auf die Motorhaube, „und da standen wir dann eine halbe Stunde herum“. Und Pina Bausch habe in zehn Jahren in seinem Auto nicht ein einziges Mal telefoniert.

Wer auf der ganzen Welt die Schraubenschlüssel von Stahlwille benutzt, Zangen von Knipex oder auf Jac-Klebeetiketten schwört, denkt dabei ja nicht an Wuppertal. Die Welt denkt erst an Wuppertal, seit Pina Bausch 1973 ihre Bühne betrat.

Aus der ganzen Welt reisten die Fans zu ihrem legendären Tanztheater. In Los Angeles haben die Oscar-Juroren gerade auf eine Wuppertaler Straßenkreuzung geblickt: Der Dokumentarfilm „Pina“ von Wim Wenders ist für einen Oscar nominiert.

Zweieinhalb Jahre nach ihrem plötzlichen Tod sagt man in Wuppertal: Pina Bausch wäre in einer anderen Stadt nicht möglich gewesen. Umgekehrt wäre Wuppertal ohne sie nicht die Stadt, die es heute ist.

Wuppertal, ein Name wie ein Schluckauf. Wuppertal, dessen ganze Topografie Bewegung erzwingt: Ständig geht es steil hinauf und hinab, vom Bett der Wupper die Hügel hoch, die noch niemand gezählt hat. Für 29 Tänzer der Kompanie von Pina Bausch bedeutet sich in die Arbeit zu stürzen zweieinhalb Jahre nach ihrem Tod noch immer, sich täglich hinunterzustürzen – ins Tal der Wupper, über das die Schwebebahn ihre stählernen Beine spreizt. Jeder Arbeitsweg vermittelt die Ahnung einer Kirmesfahrt. Hoch oben ein Schild:  „Vorsicht beim Aussteigen. Bahn pendelt.“ Alles bewegt sich, unten strudelt die Wupper.

Wuppertal sei eine „Alltagsstadt“, keine „Sonntagsstadt“, hat Pina Bausch gerne gesagt. Dafür mochte sie Wuppertal. Es war aber zugleich eine Arbeitsstadt, in der man sich ein Ticket zum Schweben kaufen konnte. Und eine Karte für Pina Bauschs Theater, dessen erste Jahre sie als „hart und schmerzhaft“ empfand.

An einer Bushaltestelle im Stadtteil Barmen, zwischen der Romantika-Bar und einer Video-Peepshow, gehen die Tänzer in ihr altes Kino, das ihr Probenraum ist, den sie die „Lichtburg“ nennen. Nebenan liegen die Büros. Und wenn es noch einen Beweis brauchte, dass Pina Bausch von äußerer Schönheit nicht abhing, ist es diese bauliche Beliebigkeit ihres Arbeitszimmers: niedrige Decken, die Wände mit Metalleinbauschränken verstellt. Aus drei Flügeln brauner Fenster fällt der Blick hinaus auf die Schwebebahn der Stadt, der sie trotz allen Weltruhms 36 Jahre und 46 Stücke lang treu geblieben ist. Was hat Pina Bausch hier gesehen?

Man muss davon ausgehen, dass Pina Bausch noch viel mehr gesehen hat als Gerüste, unten die Wupper, hinten eine Fabrik, und alle paar Minuten rumpelt die Bahn durchs Bild.

Wenn man jetzt in ihrem ehemaligen Arbeitszimmer mit Dominique Mercy spricht, der sich in ihrem alten Spiegel spiegelt, einem Tänzer der ersten Stunde, der heute gemeinsam mit Robert Sturm die Kompanie leitet, sieht man einen Mann im 62sten Jahr, dem Bauschs Erbe in den Knochen steckt. Die Körper der Tänzer, die noch immer ihre Stücke tanzen, sind ihr Erbe für Wuppertal, das Mercy anfangs nur als grau empfand. Wenn er 1973 „als unerzogener Franzose“ bei Rot über die Ampel ging, haben manche Wuppertaler geschimpft. Auch die ersten Stücke von Pina Bausch entsprachen keiner Erwartung. „Der Saal war nie voll und leerte sich während der Vorstellung unter Krach und Türenschlagen.“ Es gab Briefe und Drohungen. Darunter einen legendären Anruf im Ballettsaal vor einer Asienreise: Ich hoffe, ihr stürzt ab.

Pina Bausch, die alle Vorstellungen sehen wollte, hat sich irgendwann nicht mehr alleine ins Publikum getraut. Eines Tages nahm sie als Begleitung Nazareth Panadero mit, 24, eine Tänzerin, die aus Spanien kam. Panadero hatte Bausch in Paris gesehen und stand vor einem Rätsel: Wo hatten die Tänzer sich so zu bewegen gelernt? Was war das für ein Beruf? Sie waren offenbar Sänger, Schauspieler, Tänzer zugleich.

Panadero, eine klassische Ballettausbildung hinter sich, lernte erst einmal Rennen. „Ich konnte nicht rennen, wie sie auf der Bühne bei Pina immer rannten.“ Bis sie begriff: Was sie da sah, konnte niemand sonst lehren. „Das kam alles von Pina und von uns.“

Es entstand etwas Neues, das die Tänzer noch nirgendwo gesehen hatten. Bauschs Stücke, sagte man, hatten eine Ehrlichkeit und eine Innerlichkeit, die nur entstehen konnte, weil sie die Tänzer in die Entstehung mit einbezog. Sie strich das Wort „Solisten“, von nun an verbeugten sich auch immer alle in einer Reihe, sie selbst in der Mitte. Sie wollte mündige Tänzer, die selbst auf Ideen kamen.

Es entstanden „Kontakthof“, „Café Müller“, „1980“, bis 1980 jedes Jahr zwei neue Stücke. Viele davon sind Klassiker geworden, die das Ensemble heute noch tanzt.

Wim Wenders’ Film fehlt Pinas Härte, sagt Lutz Förster, Tänzer in Wuppertal seit 1975. Ihn überraschte an dieser zarten Person am meisten dieses schier unglaubliche Solinger Platt. Diese Sprache war sein erster Eindruck von ihr, als sie sich kennenlernten. Erst später teilte man ihm mit, dass sie ein Auge auf ihn geworfen habe, den Langen mit der großen Nase „und der schönen zweiten Position“. Und als würden alle bedeutenden Dinge im Auto passieren, kamen sie erst spätabends im Taxi zum Reden. „Ich würde gerne in die Kompanie kommen“, sagte Förster. „Aber das will ich doch auch“, sagte Pina Bausch. „Was brauchen wir da noch zu reden?“

Trotzdem war da immer noch Wuppertal. Viele Tänzer haderten und mussten eine Weile weggehen und wiederkommen. Dominique Mercy ging zwischendurch nach Paris. Nazareth Panadero ging für zwei Jahre nach Spanien, Lutz Förster, dem Wuppertal gefiel, ging nach New York.

Und Pina Bausch ging ja auch, irgendwie: Sie gab Gastspiele in der ganzen Welt. „Wer Wuppertal nicht mochte, wurde dafür unglaublich entschädigt“, sagt Lutz Förster. Man war ja die Hälfte des Jahres unterwegs.

Für die in Solingen geborene Pina Bausch war Wuppertal vielleicht eine Art, bei sich zu bleiben, vermutet Panadero. Diese unaufgeregte Stadt ermöglicht die innere Einkehr, die nötig ist, um die Welt zu verarbeiten. Ihr Werk handele ja von Innerlichkeit.

Aber weil innere Einkehr und Ausgehen sich nicht ausschließen, war Pina Bausch unterwegs. Immer arbeitend, umgeben von ihrer Truppe. Wuppertal war eine Alltagsstadt und sie eine ihrer fleißigsten Arbeiterinnen. In den Jahren, die Lutz Förster als „die grandiosen“ bezeichnet, bis 1981, als Bauschs Sohn geboren wurde, da trennte man sich nur, um jeweils ein paar Stunden im eigenen Bett zu schlafen.

Pina Bausch – ganz oder gar nicht – brauchte, um endlos weiterzuarbeiten, keine exklusiven Räume. Zwei Jahre traf sich die Kompanie im Café des Bahnhofs Barmen, später gingen sie mittags immer zu einem Jugoslawen essen, der heute genauso wenig existiert wie Jugoslawien. Irgendwann fielen sie ins Mövenpick ein, das inzwischen auch schon aufgegeben hat. Abends, nach der Vorstellung, zogen sie weiter ins Café du Congo oder ins Café Ada, das groß genug war für Musikvorführungen. Öfter tanzten die Gäste spontan in dieser Kleinkunstatmosphäre.

Alle nannten sie jetzt nur noch Pina.

Pina, sagt Nazareth Panadero, inzwischen 57 Jahre alt, ging es um den Menschen. Sie habe immer etwas in ihren Tänzern gesehen, mehr als diese selbst. Deshalb lohnte es sich, zu bleiben. Lange zu bleiben. Deshalb ist die Kompanie so verschworen und überhaupt noch zusammen. Vermutlich konnte sie nur deshalb weitertanzen nach Pina Bauschs Tod.

Nazareth Panadero verweist darauf, dass in allen anderen Künsten die Künstler mit zunehmendem Alter wegen ihrer Erfahrung mehr zu sagen haben. Nur im Tanz gebe es diese Grenze, da sei meist mit 40 Schluss. Bei Pina aber durften die Tänzer mit ihr altern. Warum sollten nur die Bewegungen junger Menschen interessant sein? „Vertraust du mir nicht?“, fragte sie, wenn einer schwächelte. „Ich sage dir schon, wenn es nicht mehr geht.“

Obwohl man Pina Bausch in Wuppertal ständig sah, wusste man wenig von ihr. Den Sohn hielt sie aus der Schusslinie, nie schrieben die Zeitungen über sie wie über andere Prominente. Sie taugte dafür nicht. In Wuppertal ging das.

Außerhalb Wuppertals war sie ein Star. Ständig gab es Interviewanfragen, die sie meistens ablehnte. Sie wurde die Frau, die so wenig sagte, dass jedes ihrer raren Worte umso mehr Gewicht bekam. Und weil sie sich vor deren Gewicht fürchtete, redete sie noch weniger.

„Erzählen konnte sie gut“, sagt Lutz Förster, „sie wollte nur nichts erklären.“ „Mach’s schön, Lützchen“, sagte sie vor einer Vorstellung. „Viel Spaß, Pinchen“, antwortete Förster, heute 58. 

Die angereisten Jünger aus der ganzen Welt waren irgendwie entsetzt darüber, sagt Claudia Brenke, wie ihre Ikone Pina Bausch, deretwegen sie um die halbe Welt geflogen waren, in Wuppertal mit ihren Tänzern und Gästen einfach nur in der Stadt herumsaß.

Claudia Brenke hat bei den Tanzfestivals den Fahrdienst organisiert. Sie macht auch Stadtführungen. „Die müsste mal einer mitnehmen zum Einkaufen“, hatte sie zuerst noch gedacht. Aber dann begriff sie, dass auch das Äußere ein Teil von Pina Bauschs eigener Ästhetik war.

Und dass das Auto für sie ein Ort war, an dem sie sich nicht erklären musste.

Einmal hat Brenke sie abends nach einer Vorstellung vom Opernhaus abgeholt. Es sollte im Café Ada weitergehen, wie immer. „Darf ich hier rauchen?“, fragte Pina. „Na klar“, sagte Brenke, obwohl das Auto noch ganz neu roch. „Das sind die ersten ruhigen fünf Minuten heute“, sagte Bausch. „Soll ich Sie vielleicht einfach ein bisschen herumfahren?“, fragte Brenke. Und weil in Wuppertal die Wege so kurz sind, fuhr sie auf die Autobahn, drehte eine Schleife, fuhr zehn Minuten durch die Gegend. „Vielen Dank“, sagte Pina Bausch, stieg vor dem Café Ada aus „und wurde sofort wieder Teil des Schwarms“.

Pina Bausch ist in den letzten Jahren fast gar nicht mehr zu Fuß gegangen. Auch für die zehn Minuten zur Arbeit hat sie ein Taxi genommen. Zu Pina Bauschs Blick auf Wuppertal gesellte sich die Perspektive aus dem Autofenster.

„Es gab zwei Zustände: Entweder, wir haben uns unterhalten. Oder sie hat geschlafen“, sagt Günter Haaso, ihr Fahrer für die längeren Fahrten.

Er fragte, wie sie zum Tanzen gekommen sei, und sie erzählte ihm von der Gastwirtschaft ihrer Eltern in Solingen direkt gegenüber dem Theater. Alle, vom Beleuchter angefangen, seien dort eingekehrt nach der Vorstellung. Und sie, das Kind von vier Jahren, habe vor dem Tresen getanzt. „Willst du“, fragte jemand, „nicht mal probieren, wie sich das drüben auf der Bühne anfühlt?“

Sie habe gewollt, und so fing es an.

Haaso erzählte ihr, dass seine drei Töchter etwas ganz anderes in ihren Stücken sehen würden als er selbst. Sie solle doch einmal eine Vorstellung nur für Kinder machen.

Warum, fragte sie ihn, heißt Nordrhein-Westfalen eigentlich Nordrhein-Westfalen?

Zum Abschied Küsschen rechts, Küsschen links. Haaso macht das sonst nicht, aber bei ihr machte er eine Ausnahme. Es war wohl ein hinzunehmender Habitus der Tanzszene.

Warum ist Pina Bausch so lange geblieben? 36 Jahre. 46 Stücke. Trotz anderer Angebote. Vielleicht, weil Wuppertal auch eine Grauzone bot, in der zu leben in anderen Städten nicht möglich gewesen wäre: Pina Bausch brachte es fertig, jahrelang keinen Vertrag mit der Stadt zu unterschreiben und ihr Theater als GmbH zu führen.

Nur deshalb gehörten die Rechte an ihren Stücken alle ihr. Nur deshalb konnte sie sie jetzt ihrem Sohn Salomon vermachen, der eine Stiftung gegründet hat, die ein lebendiges Archiv aus Bühnenbildern, Kostümen, Aufzeichnungen, Dokumenten und Aufzeichnungen schaffen will. Anders als Pinselstriche addieren sich Bewegungen ja nicht zu einem Gemälde. Eine Bewegung ersetzt die vorhergehende. Wie hält man so etwas fest?

Im ersten Jahr der Stiftungsarbeit erkannten sie, dass allein ihre Videoaufzeichnungen auf mehreren Generationen von Videotechnik vermutlich eine Datenmenge von 260 Terabyte umfassen.

Wuppertal, die schrumpfende Stadt mit Haushaltssperre, ist durch Pina Bausch nicht nur darum bereichert worden. 29 Tänzer, die nach Wuppertal zogen, bildeten Paare und brachten in Wuppertal mehr als zehn Kinder zur Welt. Bewegungen außerhalb des Balletts gelten nicht mehr als seltsam. Es gibt jetzt Yogalehrer, mit deren Hilfe sich sogar Normalbürger verbiegen. Bauschs Stücke sind keine Provokation mehr, sondern Poesie.

Noch immer wollen die meisten Touristen mit dem Kaiserwagen der Schwebebahn fahren, Vohwinkel – Oberbarmen, Kaffee und Kuchen, einmal hin und zurück. Auf dem Niveau eines zweiten Geschosses kreuzen sie durch das Häusermeer. Aber an der Theaterkasse gebe es nach dem Tod von Pina Bausch eine „Jetzt-oder-nie-Stimmung“. Wer weiß, wie lange die Kompanie noch zusammenhält und das Repertoire spielen kann?

Wenn der Fahrer Günter Haaso die schlafende Pina Bausch auf dem Beifahrersitz hatte, fuhr er vorsichtig um die Kurven. Bei der Abfahrt von der Autobahn ist sie meist aufgewacht, hat ihn gedrückt, „war toll“, und ist in ihrem austauschbaren Mehrfamilienhaus verschwunden.

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