PKK-Konflikt : Ein bisschen Krieg

Türkische Soldaten sind in den Nordirak einmarschiert. Ist das der Beginn einer militärischen Großoffensive?

Susanne Güsten,Christoph von Marschall

Der Einsatzbefehl kam nicht überraschend, die Soldaten der türkischen Eliteeinheiten hatten auf ihn schon seit Wochen gewartet. Schließlich hatte die Armee bereits im Herbst Kommandotruppen in Südostanatolien unmittelbar an die Grenze zum Irak verlegt. In der Nacht zum Dienstag war es dann so weit. Kurdischen Angaben zufolge überschritten mindestens 300 türkische Soldaten in der Nähe des Dreiländerecks Türkei-Irak-Iran die Grenze und drangen rund drei Kilometer auf irakisches Gebiet vor. Das Areal für den Einsatz war offenbar sorgsam ausgewählt worden: Einerseits sind dort keine Truppen der nordirakischen Kurden stationiert – Auseinandersetzungen zwischen den Türken und den nordirakischen Peschmerga wurden damit vermieden. Andererseits bietet die Gegend der PKK eine Reihe von Routen über die sie in die Türkei gelangen könnten. Die Militärs gehen offenbar davon aus, das PKK-Rebellen in die Türkei flüchten wollen, nachdem einige ihrer Stützpunkte im Nordirak am Wochenende durch türkische Luftangriffe zerstört worden waren. Das solle durch die Kommandoeinheiten verhindert werden, begründen türkische Medien den Militäreinsatz.

Der ist allerdings nicht als Beginn einer türkischen Großoffensive zu verstehen, vielmehr handelt es sich um eine begrenzte Intervention von leicht bewaffneten Spezialtruppen. Dennoch macht der Einsatz türkischer Bodentruppen im Irak – der erste in diesem Jahrzehnt – deutlich, dass die Auseinandersetzungen mit der PKK eine neue Qualität bekommen haben: Ab sofort müssen die Rebellen, aber auch die nordirakischen Kurden ständig mit militärischen Aktionen rechnen.

Die PKK nutzt seit Jahren den Norden Iraks als Rückzugsraum, in den schwer zugänglichen Kandil-Bergen nahe der irakisch-iranischen Grenze liegt auch ihr Hauptstützpunkt. Als bei Angriffen der PKK im Oktober 13 türkische Soldaten ums Leben kamen, hatte das türkische Parlament einer Militärintervention im Nordirak zugestimmt. Ziel der Türken ist es, die PKK-Infrastruktur im Irak möglichst nachhaltig zu zerstören und die Rebellen durch variable Angriffe in der Defensive zu halten. Weitere Militäreinsätze sind daher in den kommenden Tagen und Wochen wahrscheinlich.

Die USA haben der Türkei die nötigen Informationen für die Angriffe zur Verfügung gestellt: George W. Bush hatte Anfang November Premier Recep Tayyip Erdogan versprochen, US-Geheimdienstinformationen und Bilder von PKK-Lagern „in Echtzeit“ zu liefern. „Wir geben ihnen die Zielkoordinaten. Was die Türken damit machen, ist ihre Sache“, beschreibt ein US-Militär in der „Washington Post“ die Zusammenarbeit. Im Gegenzug erwarten die USA, dass die Türkei eine großflächige Invasion im Nordirak unterlässt.

Es ist ein schwieriger Balanceakt für die USA, das zeigt sich auch beim Besuch der Außenministerin Condoleezza Rice im Irak. Kurdistan ist dort die stabilste Region und die irakischen Kurden sind verlässliche Verbündete der Amerikaner. Der Präsident ihrer Regionalregierung, Massud Barzani, nannte die türkischen Angriffe „eine Verletzung der irakischen Souveränität“. Ebenso scharf reagierte das Parlament in Bagdad.

Bei ihrem Treffen mit regionalen Führern in Kirkuk, einem ökonomischen und politischen Zentrum im irakischen Kurdistan, musste sich Rice viel Kritik für das US-Entgegenkommen gegenüber der Türkei gefallen lassen. Kirkuk ist ein potenzieller Krisenherd: Die Kurden betrachten die Ölmetropole als ihre historische Hauptstadt. Dort leben jedoch viele Araber, die Saddam Hussein gezielt als Gegengewicht angesiedelt hatte. Sie sehen die kurdische Autonomie mit Misstrauen und würden bei einer Teilung des Landes für die Abspaltung Kirkuks von Kurdistan kämpfen.

Auf die Türkei müssen die USA Rücksicht nehmen, weil rund 70 Prozent des Nachschubs für den Irakeinsatz über Militärbasen in der Türkei fließen. Die Sympathien für die Türkei haben aber nachgelassen, nachdem das türkische Parlament die Erlaubnis zur Nutzung türkischen Territoriums für den Angriff auf Saddam Hussein 2003 in letzter Minute zurückgezogen hatte. Das zwang die USA zu riskanten Änderungen ihrer Kriegsstrategie.

US-Medien äußern einerseits Verständnis, dass die Türkei den PKK-Angriffen aus dem Nordirak nicht tatenlos zusieht. Andererseits monieren sie, dass der Nato-Partner Türkei die Lage im Irak mit dem Militärschlag erschwere. Sie kritisieren eine nationalistische, antikurdische Stimmung in der Türkei, die von Politik und Militär geschürt werde, und ein rücksichtsloses Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung im Nordirak.

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