Zeitung Heute : Placebo-Effekt

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Wissenschaftlich belegen lassen sie sich nicht: die mittelalterlichen Quacksalbereien mit Krokodilkot, Krötensperma oder Mumienpulver. Dass die „Drecksapotheke“ mitunter half, basierte auf dem festen Glauben, dass Erkrankungen durch brachiale Gegenmittel am besten auszutreiben seien. Der Glaube und nicht das Mittel erzielte Erfolge – Die Therapien wirkten nur aufgrund des Placebo-Effektes. Placebo ist aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Ich werde gefallen". Im neunzehnten Jahrhundert stand der Begriff für banale medizinische Methoden, die Ärzte weniger als Therapie gegen eine Erkrankung als zum Gefallen ihrer hypochondrisch veranlagten Patienten verschrieben. Heute versteht man unter einem Placebo eine pharmakologisch unwirksame Substanz. Allerdings kann so ein Scheinmedikament durch den Placebo-Effekt heilende Wirkung erzielen.

Bereits der Gang zum Arzt kann die Heilung fördern. Voraussetzung hierfür ist ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Denn Zweifel an der Autorität behindern die Heilung und können die Hypochondrie sogar noch fördern. So ist die ständige Angst vor der Krankheit in den traditionellen Kulturen, wo rationales Denken keinen hohen Stellenwert einnimmt, nahezu unbekannt. Hier wird die Diagnose nicht in Frage gestellt. Spricht der Medizinmann einen Patienten gesund, dann ist er es auch. Indem sich hier zu Lande ein Arzt ausreichend Zeit für seinen Patienten und die Diagnose nimmt, verschafft er sich aber in der Regel die notwendige Glaubwürdigkeit. Allein dessen Versicherung, dass Besserung eintritt, verhilft vielen Patienten zur leichteren Genesung, wie eine Studie an der Universität von Southampton bewies. An ihr nahmen 200 Patienten teil, bei denen trotz physischer Beschwerden keine spezielle Erkrankung diagnostiziert werden konnte. Von den Patienten, denen die Ärzte eine schnelle Heilung versprachen, erfreuten sich zwei Wochen später 64 Prozent bester Gesundheit. In der anderen Patientengruppe, die sich mit der Auskunft begnügen musste, dass die Ursache ihres Leidens unklar sei, fühlten sich dagegen nur 39 Prozent wieder fit.

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