Zeitung Heute : Plädoyer für Polyzentralität: Eigenart statt Einheit

Herr Oswalt,Herr Stegers[sind die Interessen]

Herr Oswalt und Herr Stegers, sind die Interessen des lnvestors mit guter Architektur wirklich nicht zu vereinbaren?

Oswalt: Für das Entstehen von guter Architektur ist der Bauherr so wichtig wie der Architekt. Gute Gebäude sind meist Bauherrenpersönlichkeiten zu verdanken, die zu mutigen Entscheidungen bereit sind. Anonyme Immobilienfonds hingegen neigen dazu, nur das am Markt Bewährte zuzulassen. Doch im Berlin der neunziger Jahre war es vor allem die Senatsbaupolitik, die durch ästhetische Vorschriften für ein steinernes Berlin gute Architektur oft verhinderte.

Führt eine Gestaltungssatzung denn zwingend zu schlechter Architektur?

Stegers: Nehmen Sie das Hotel Adlon. Der Bau entspricht der Satzung durch und durch, doch er ist belanglos. Es ist eine leidige Erfahrung: Gestaltungssatzungen verhindern nicht das Schlechte und befördern nicht das Gute. Stattdessen hätte man Energie in strukturelle Fragen investieren müssen. Diese Chance wurde vertan.

Oswalt: Es ist nicht die Aufgabe des Staates, privaten Bauherrn eine Ästhetik vorzuschreiben. Ich vertrete damit keine avantgardistische Meinung; das hat Herr Schinkel schon geäußert. Aufgabe des Staates ist es vielmehr, Bedingungen zu schaffen, die die Interessen des Gemeinwohls sicherstellen.

Sollte sich die Politik auch aus anderen Fragen der Stadtplanung heraushalten?

Oswalt: Nein. Im Gegenteil. Stillschweigend ist in Berlin ein Dowtown District vom Spreebogen bis zum Potsdamer Platz entstanden, mit monotoner Nutzung von Regierung und Büros. Im Ostteil der Stadt sind massenhaft Einkaufs- und Kinocenter und in der Peripherie über 100 000 Einfamilienhäuser gebaut worden. Es fand kein städtebaulicher Diskurs zu diesen Phänomenen statt. Der Senat entwickelte dafür in der Zwischenzeit das Planwerk Innenstadt, die Neuplanung für eine schrumpfende Stadt nach rein ästhetischen Prämissen. Es bleibt an guter Architektur nur wenig übrig; das durchschnittliche Niveau ist erschreckend.

Welche städtebaulichen Instrumente fordern Sie stattdessen?

Oswalt: Stadtplanung funktioniert nicht durch Gestaltungssatzungen. Stadtentwicklung wird von Kräften wie Wirtschaft, Technik oder Gesetzgebung beeinflusst. Man kann sie nicht ignorieren, sondern muss mit ihnen arbeiten. Etwa mit dem Phänomen der Stadtflucht in den letzten zehn Jahren. Bis heute gibt es keine regionalplanerische Vorstellung, wie man damit umgehen soll. Das klassische Bild einer zentralistischen Stadt muss revidiert werden.

Im Buch "Berlin - Stadt ohne Form" beschreiben Sie wiederkehrende historische Phänomene der Berliner Stadtentwicklung, Stichwort "Leere" oder "Doppelung". Sehen Sie darin Potentiale für den Immobilienmarkt?

Oswalt: Immer wieder gibt es Areale, die leerstehen, weil sie zur Zeit nicht vermarktet werden können. Diese Leeren bieten wertvolle Räume für subkulturelle Entwicklungen, die der Stadtentwicklung Impulse geben. Ob es die Hausbesetzer der achtziger Jahre waren, die den Erhalt alter Bausubstanz durchsetzten, oder die Club- und Kulturszene der neunziger Jahre, die das Bild vom neuen Berlin mitgeprägt hat: Aus den temporären, teils nicht legalen Nutzungen entwickeln sich neue Unternehmen oder gar Wirtschaftszweige, etwa die Kultur- und Medienbranche. Diese Veränderung strahlt auf den Stadtteil aus und zieht Investoren nach. Doppelung im Sinne der gleichzeitigen Existenz unterschiedlicher Stadtzentren bietet Wahlmöglichkeiten und Raum für lnnovation. Man sollte dieses Potential der Polyzentralität nutzen und einzelnen Stadtbereichen ihre Eigenart zugestehen, statt ein einheitliches Leitbild durchzusetzen.

Stegers: In Berlin zeigt sich diese Sehnsucht nach innerer Einheit in einem immer homogener werdenden Stadtbild. Während der letzten zehn Jahre hat man die räumlichen Besonderheiten möglichst schnell zum Verschwinden gebracht - wie zum Beispiel den Grenzraum beiderseits der Mauer.

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