Zeitung Heute : Plätze in der Not

Die Tester sehen in Berlin die „programmierte Katastrophe“ – und auch die anderen Stadien sind nicht perfekt. Gespielt wird trotzdem

André Görke

WM-Stadien in Deutschland sind unsicher, fand die Stiftung Warentest heraus. Ist jetzt die Fußball- Weltmeisterschaft in Gefahr?


Holger Brackemann, der Projektleiter von Stiftung Warentest sieht in Berlin die „programmierte Katastrophe“, vergleicht die kurzen Tribünenstufen im Frankfurter WM-Stadion mit „einer Hühnerleiter“ – er findet am Dienstag starke Worte in der Zentrale der Stiftung Warentest. Später hält er sieben farbige Papierzettel in den Händen – die Stadionstudie der Fußball-WM 2006, die er erstellt hat und um die es schon vor ihrer Veröffentlichung einiges an Aufruhr gegeben hat. Auf der ersten Seite stand in fetten Buchstaben: „Viermal die Rote Karte“.

Die WM-Stadien in Berlin, Leipzig, Gelsenkirchen und Kaiserslautern sind beim Sicherheitscheck durchgefallen. Sie haben „deutliche Mängel“, sagt Brackemann, vor allem im Falle einer Panik.

Nach dem für die Arenen vernichtenden Urteil der Tester versuchte das WM- Organisationskomitee, zwar die Zuschauer zu beruhigen, teilte eilig mit, dass „die Stadien sicher“ seien. Die Stadionbetreiber jedoch einigten sich darauf, bei einer Tagung am 18. Januar in Köln über die entdeckten Mängel zu sprechen.

Eins ist klar: Weder die Ausrichtung der WM 2006, noch der normale Bundesligabetrieb ist in Gefahr. Zwar schnitt das Stadion in Kaiserslautern am schlechtesten ab, doch radikal werden die Organisatoren ihr WM-Konzept nicht mehr ändern. Es bleibt bei den zwölf ausgewählten Standorten. Der Landeshaushalt von Rheinland-Pfalz ist auf die WM abgestimmt, Parkplätze werden gebaut, neue Autobahnabfahrten und neue Bahnhöfe. Bei der Behebung der Mängel ist Kaiserslautern sogar im Vorteil: Das WM-Stadion ist noch im Bau. Fehlende Brandschutzvorkehrungen müssen in den kommenden fünf Monaten nachgerüstet und „Bewaffnungsgegenstände“ wie Gullydeckel befestigt werden. Dass die Warentester allerdings bemängeln, die Feuerwehr könne nicht um das Stadion herumfahren, ist ein wenig absurd – war doch schon länger bekannt, dass das Stadion an einem Hang liegt. Seit der Errichtung 1920 trägt es deshalb den Spitznamen „Betzenberg“.

Doch auch in den WM-Stadien, die längst fertig sind, soll nun über die Mängel diskutiert werden, sagte zum Beispiel Berlins Stadionmanager Peter von Löbbecke. „Ich wehre mich allerdings gegen den Eindruck, alle WM-Stadien seien ein Sicherheitsrisiko. Jede Behörde, Feuerwehr und Polizei, hat Stadien besichtigt und geprüft. Leider verbreitet die Stiftung nach einer eintägigen Besichtigung viel Angst und Panik.“ Auch der Sportausschuss des Bundestages will sich nun mit den „gravierenden Schwächen“ im Berliner Olympiastadion beschäftigen. Das Stadion, in dem am 9. Juli 2006 das WM-Finale stattfindet, wurde mit knapp 200 Millionen Euro überwiegend vom Bund finanziert.

Die Tester hatten in Berlin vor allem den so genannten Reportergraben kritisiert, der zwischen Zuschauertribüne und Spielfeld verläuft. Der Graben ist fast drei Meter tief. Der ehemalige Projektchef von Walter Bau, Hans-Wolf Zopfy, der den Umbau fünf Jahre lang geleitet hat, hält den nun geforderten Einbau von festen Brücken über den zwei Meter breiten Graben für realistisch bis zur WM. Dafür müsste ein Teil der steinernen Brüstung herausgeschnitten werden. „Je nach Qualität und Ausführung würden die Kosten je Brücke bei 70 000 bis 100 000 Euro liegen“, sagte Zopfy. Bisher sehen die Evakuierungsmaßnahmen vor, dass die Fans im Notfall über provisorische Brücken in den Innenraum gelangen sollen. Diese müssten allerdings erst einmal vor dem Block aufgebaut werden. Wenn also ein Unglück geschieht, dauert es etwa acht Minuten, bis die Zuschauer befreit werden können. Das wurde bei einem Test im November ermittelt. Für Menschen in Panik eine unerträglich lange Zeit. Sogar das Verfüllen des Grabens schloss Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) nicht aus.

In Stadien wie Hamburg und Berlin kritisierten die Tester die steilen Tribünen, die allerdings bei Fans wegen der Sicht beliebt sind. Die Tester hatten vorgeschlagen, Geländer in der Mitte zu installieren. Die Treppenaufgänge würden so aber enger. Außerdem würden viele Fans spätestens bei der WM klagen, dass sie nichts sehen, weil ihnen das Geländer die Sicht versperrt.

Die Tester gingen bis ins kleinste Detail bei der Inspektion der zwölf Stadien. Bis zur WM seien es nur noch 150 Tage, sagte Brackemann, „das ist nicht lang, aber doch ausreichend, um einige Mängel zu entfernen.“ Fotos: Klaas, dpa, ddp/ Montage: Mika

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