Zeitung Heute : Plastikkarten werden intelligenter

JOACHIM ZEPELIN

Bezahlen, Telefonieren, Autofahren ­ die Chipkarte der Zukunft vereint viele Funktionen / Doch sind die Daten sicher?VON JOACHIM ZEPELINSeit Jahren sammeln Verbraucher Plastikkarten.Eine für die Bank, eine als Kreditkarte, eine für die Krankenversicherung und eine Telefonkarte gehören inzwischen zur Grundausstattung jeder Brieftasche.Damit soll es nun bald vorbei sein, denn Chip-Entwickler und Kartenhersteller arbeiten an der einen Karte, die alle Funktion in sich vereint und sogar noch mehr kann.Im kommenden Jahr soll die "Smart Card" getestet werden, von 1999 an wollen Kreditkartenfirmen mit ihr die Brieftaschen in großem Stil entlasten. Allein Visa hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2001 weltweit 400 Millionen dieser Karten in Umlauf zu bringen.Für die Vereinigten Staaten bedeutet das einen viel größeren Sprung als etwa in Europa oder in Asien.Chip-Karten sind jenseits des Atlantiks nämlich noch so gut wie unbekannt.Erst im Oktober starteten Visa und Mastercard zusammen mit der Chase Manhattan und der Citibank einen Feldversuch in Manhattan ­ mit der Geldkarte.Da wunderte sich prompt ein Kommentator der New York Times: "Das Geld wird elektrisch."Treibende Kraft dieser Entwicklung sind leistungsfähigere Chips, die auf die Plastikkarten aufgetragen werden können.Derzeit passen acht Kilobytes auf das flache goldene Viereck mit schwarzen Äderchen.Doch geplant wird schon mit einem 32-Kilobytes-Mikroprozessor.Philip Yen, im Hauptquartier von Visa International im Silicon Valley zuständig für die Smart Card, redet darum auch gern vom kleinen Computer auf der Plastikkarte.Yen ist damit beschäftigt, diesem Mini-Rechner zusätzliche Aufgaben zu verschaffen.Dafür wird dem Chip nun auch noch die Internet-Programmiersprache Java beigebracht.Das besondere Merkmal dieser unter Softwareentwicklern geschätzten Sprache: Alle Computer verstehen sie unabhängig von ihrem Betriebssystem.Übersetzungsprobleme zwischen verschiedenen Anwendungsgebieten können so umgangen werden.Im Frühjahr einigten sich Softwareunternehmen, Kartenhersteller und Chipproduzenten auf einen Standard für die "Java-Card"."Aber wir wollen auf diesem Gebiet ein Monopol wie das von Microsoft verhindern", sagt Yen.Es wird darum verschiedene Anbieter geben.Visa vergab seinen eigenen Entwicklungs-Auftrag an Siemens und nicht an Sun Microsystems, denen die Rechte an Java gehören.Der Phantasie für Einsatzfelder der neuen Karte sind kaum Grenzen gesetzt.Gedacht ist an Monatskarten für öffentliche Verkehrsmittel, an die Smart Card als Führerschein oder als universeller Zugangsschlüssel.Schließlich sieht Philip Yen in der Smart Card auch den Ausweis für den elektronischen Handel.Hardwarehersteller haben bereits für 1998 interne Laufwerke angekündigt, die ähnlich wie Bankautomaten diese Karten lesen können.Der neue Chip wird alte Grenzen zwischen Banken, Handel, Industrie und Behörden einreißen.Wenn es nach den Vorstellungen von Visa geht, sollen jedoch Geldinstitute weiter die entscheidende Rolle als Ausgabestelle spielen.Das Unternehmen gehört nämlich seinen 20 000 Mitgliedsbanken."Die können dann damit in den Wettbewerb gehen und ihren Kunden unterschiedliche Funktionen anbieten", beschreibt Yen die Vermarktungsstrategie.Dabei sei für Ausweise eine Zusammenarbeit mit Behörden denkbar.Von einer Blanko-Karte aus dem Supermarkt, auf die sich dann individuell Funktionen laden lassen, hält Yen nicht viel.Ihr fehle das Vertrauen, das die Kunden in die Banken haben.Trotzdem werden Verbraucher der Universal-Karte zunächst mißtrauisch gegenüber stehen, denn Datensicherheit, gesteht Yen, sei das größte Akzeptanzproblem."Viele Leute haben Angst, daß die Behörden alles erfahren, was mit der Karte geschieht", zitiert er Marktuntersuchungen.Neue Funktionen müßten darum behutsam eingeführt werden.Vor allem sollen längst nicht alle Daten auf der Karte gespeichert werden.Krankendaten haben nach Ansicht des Visa-Forschers nichts auf dem Chip verloren.Die Nummer der Krankenversicherung hingegen schon. Technologie-Enthusiasten kann auf der anderen Seite fast nicht genug auf dem Chip gespeichert werden.Scott McNealy, Chef von Sun Microsystems und für seinen ländlichen Musikgeschmack bekannt, gestand kürzlich auf einer Tagung: "Ich möchte so eine Karte als Zündschlüssel benutzen können, mit dem dann automatisch die ideale Sitzpostion für mich und der örtliche Sender für Country- und Western-Musik eingestellt wird."

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