Zeitung Heute : Plattenwechsel

Exodus der Musikbosse: Nach Universal-Chef Renner geht auch BMG-Präsident Stein

Bodo Mrozek

Tim Renner hat einen Sinn für Inszenierungen. Als der Chef des Plattenkonzerns Universal einmal in Hamburg vor seine Belegschaft trat, erlosch plötzlich das Licht. Dann leuchtete ein Bild auf der Wand. Man sah den Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz und die Straßenschluchten von Friedrichshain: Berlin. Die effektvolle Imageshow sollte die überraschten 500 Mitarbeiter für einen Umzug aus den Hamburger Bürgervierteln ins weniger schicke Berlin begeistern. Dafür haben die Hamburger ihren Chef im dunklen Saal ausgebuht. Das war vor drei Jahren.

Am vergangenen Donnerstag trat Renner wieder vor seine Belegschaft. Abermals folgte der Auftritt einer eigenen Dramaturgie. Eine E-mail hatte die ahnungslosen Mitarbeiter am Morgen zur Vollversammlung gerufen. „Ich gehe“, sagte Renner wenige Stunden später in der gekachelten Kantine zu seinen Mitarbeitern, sichtlich bewegt: „Es fällt mir schwer.“ Diesmal haben sie ihn nicht ausgebuht. Diesmal rollten Tränen.

„Ich habe heute gute Laune“, behauptet Renner am Tag nach seinem Abschied. Im Gespräch klingt Renner geradezu fröhlich – wenn ihm der Abgang zu schaffen macht, so lässt er sich das wenigstens nicht anmerken. Einen Familienurlaub an der See plane er gerade, danach vielleicht eine Weltreise. Renner ist zu Scherzen aufgelegt: Ob er Thomas Stein vielleicht mitnehmen solle, habe er gerade überlegt.

Es ist schon eine eigenartige Gleichzeitigkeit der Ereignisse: Am Freitag wurde bekannt, dass auch Thomas M. Stein, der mächtige Präsident der Bertelsmann Music Group (BMG) für Deutschland, Österreich und die Schweiz, überraschend seinen Hut nehmen musste. Rolf Schmidt-Holtz, Steins Vorgesetzter, dankte dem Präsidenten in einem „herzlichen“, aber sachlichen Schreiben für die Zusammenarbeit. Formeln, die in der Wirtschaft einen Rauswurf übertünchen. Ob auch bei der BMG Tränen flossen, ist nicht bekannt. Mitarbeiter sprechen von einem „undramatischen Vorgang“.

Erst Renner, jetzt Stein. Zwei Namen, die für gänzlich gegensätzliche Konzepte stehen. Hier der berufsjugendliche Turnschuhmanager und Hobby-DJ Renner (38), dort der „Graukopf unter den Kreativen“ und Bergwanderer Stein (54), der sich in „Deutschland sucht den Superstar“ als Juror einem Millionenpublikum mit derben Sprüchen präsentierte: Zwei Musik-Mächtige, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Tim Renner pflegte stets ein wildes Image. Eine Krachband mit dem programmatischen Namen „Quälende Geräusche“ soll er gegründet und seine Lehrer mit stalinistischen Thesen provoziert haben. Im zarten Alter von 16 Jahren soll der heutige Chef-Gegner des Raubkopierens ein selbstkopiertes Kassetten-Fanzine herausgegeben haben. Als Musikjournalist recherchierte er über die DDR–Punkszene – und wurde deshalb angeblich mehrfach von DDR-Behörden festgenommen.

Legenden? Irgendwann ging auch Renner der Rummel um seine Person zu weit. Die wilde Jugend als gepiercter Punk dementierte er einmal im Interview mit dem Tagesspiegel: „Meine Wirkung als Gesellschaftsschreck war äußerst begrenzt.“ In Wahrheit habe er sich nur einmal eine Sicherheitsnadel an die Backe geklebt. Als ihn eine alte Dame an der Bushaltestelle besorgt fragte, ob das nicht weh tue, habe er das Punkerleben nach zwei Tagen jäh beendet.

Auch Kompromisse gehören zum Geschäft: So konnte der Musikproduzent gleichzeitig die Nähe sozialdemokratischer Machthaber suchen und eine Band wie Rammstein produzieren: „Da habe ich kein Problem mit.“ Schließlich verstünden sich die bei Rechten äußerst beliebten Gleichschrittsrocker selbst auch irgendwie als links. Und ganz nebenbei war der deutsche Düstersound in den USA ein Bombengeschäft. Entdeckt hat sie für Universal Tim Renner, ebenso wie Element of Crime oder die Sportfreunde Stiller. Sein Loft-ähnliches Büro dekoriert der Turnschuhmanager nicht mit Humidor und goldenen Schallplatten im Teakholzrahmen, sondern mit zwei DJ-Plattenspielern.

Da wurde gerne übersehen, dass Renner nebenbei nicht nur braver Familienvater, sondern auch Teil einer Doppelspitze war. An der Seite des 38-Jährigen, aber weit weniger im Rampenlicht, stand der elf Jahre ältere Betriebswirt Victor Antippas, vormals Schweizer Direktor der traditionsreichen Polygram, der als kühler Rechner gilt. Der „Vico“, wie ihn die Kollegen nennen, darf bleiben. Den „teuersten Posten der Doppelspitze“, so Renner, könne Universal sich nicht mehr leisten.

Dies darf man getrost bezweifeln. Branchenkennern zufolge steht Universal außerdem wirtschaftlich gar nicht so schlecht da. Natürlich kämpft auch die deutsche Universal, die keine separaten Zahlen veröffentlicht, mit dem allgemeinen Umsatzrückgang wegen illegaler CD-Brenner. Doch hat sie Insidern zufolge ihren Marktanteil von rund 30 Prozent stabil gehalten. Was also legt man den Bossen zur Last?

„Es sind auch inhaltliche Differenzen“, sagt Renner, der zuvor schon Management-Entscheidungen durchsetzen musste, die ihm gegen den Strich gingen. Die Abwicklung des kleinen aber feinen Elektronik-Labels Compost etwa. Noch mehr Mainstream wolle er nicht mittragen. Vielleicht gibt es doch eine Gemeinsamkeit zwischen Stein und Renner. In der Branche vermutet man, dass beide über ihre Vorliebe für deutsche Eigenproduktionen stolperten.

Demnach will die globalisierte Branche weg von nationalen Superstars und Independent-Erfolgen – und stattdessen auf internationalen Mainstream setzen. Und das war weder Steins noch Renners Sache. Mit Mäzenatentum hat das nur wenig zu tun. Die Tochterfirmen in Europa müssen für nationale Eigenproduktionen keine Abgaben an die Mutterkonzerne zahlen. Das scheint den internationalen Bossen nicht mehr zu passen, sie setzen jetzt auf ein zentralisiertes Geschäft. Tim Renners Sessel wird denn auch der internationale Vorstandschef Jorgen Larsen einnehmen – vorerst für ein halbes Jahr. Allzu lange arbeitslos werden die beiden gechassten Top-Manager wohl nicht bleiben. Thomas Stein flirtet schon mit neuen Jobs beim Fernsehen, Renner will sich „jetzt bloß nicht festlegen“. Nur eines ist für ihn klar: „Bitte nicht zurück nach Hamburg.“

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