Zeitung Heute : Platz der himmlischen Kriege

Fabian Leber[Berlin],Harald Maass[Peking]

Der Abschuss eines Satelliten durch eine chinesische Mittelstreckenrakete hat weltweite Proteste ausgelöst. Was will China im Weltraum?


Selten hat man die Diplomaten des chinesischen Außenministeriums so hilflos erlebt. Mitten in den Empfang zum Frühlingsfest platzte die Nachricht vom Abschuss eines Wettersatelliten durch eine chinesische Mittelstreckenrakete. Während die USA, Australien, Japan und andere Länder Protestnoten nach Peking schickten, konnte der sonst eloquente Außenamtssprecher Liu Jianchao nur verlegen lächeln. Dass Chinas Militär so offen vor aller Welt mit einer Rakete einen Satelliten im Weltall in tausend Stücke zerreißen würde, überraschte offenbar nicht nur ihn, sondern auch andere Regierungsbeamte.

Nach Angaben des Nationalen Sicherheitsrats der USA hatte China bereits am 11. Januar mit einer am Boden stationierten Mittelstreckenrakete den veralteten Wettersatelliten zerstört. Der Satellit, dessen Name übersetzt „Wind und Wolken“ bedeutet, befand sich rund 850 Kilometer über der Erde in einer Umlaufbahn. „Der Raummüll bringt andere Satelliten und auch die Internationale Raumstation in Gefahr“, sagt jetzt Leonard David von der Website space.com. Hunderttausende von Einzelteilen des Satelliten flögen nunmehr auf unkontrollierbaren Bahnen durchs All. Der letzte bekannte Abschuss eines Satelliten als militärische Übung war am 13. September 1985 durch die USA erfolgt – danach wurden alle Versuche aus Sicherheitsgründen eingestellt.

Der jetzt erfolgte Test gibt der Militarisierung des Weltraumes eine neue, eine chinesische Dimension. Schon lange fürchtet die US-Regierung die Entwicklung von Antisatellitenwaffen durch China. Chinesische Wissenschaftler verteidigten dagegen den Militärtest. Der Abschuss stelle einen „großen Wandel in Chinas Fähigkeiten“ dar, sagte Wang Chaozhi von der Raumfahrtuniversität in Peking der dpa. „Es wird den politischen und militärischen Status Chinas steigern.“

Chinas Raumfahrtprogramm ist ein Prestigeprojekt der KP-Mächtigen, das mit riesigen Summen gefördert wird. Die Regierung in Peking ist vor allem wegen der zahlreichen Aufklärungssatelliten der USA besorgt. Nach Angaben des Rüstungsexperten Otfried Nassauer verwenden die Amerikaner große Ressourcen für die Aufklärung über China. Vor drei Jahren schickte China als dritte Nation hinter Russland und den USA einen Menschen ins All. An der Internationalen Raumstation ISS ist das Land, auch wegen Bedenken seitens der USA, nicht beteiligt. In den kommenden Jahrzehnten will China außerdem eine bemannte Mondexpedition starten.

Doch Chinas Weltraumprogramm ist längst nicht so friedlich, wie es die Regierung glauben machen will. In Wirklichkeit ist das Programm fest in der Hand der Volksbefreiungsarmee, die nach dem Willen des Regimes zu einer modernen Hightech-Armee ausgebaut werden soll.

Die USA sind alarmiert, weil sie mit ihrem großen Satellitennetz besonders verwundbar sind. Ein wichtiger Teil einer solchen modernen Kriegsführung ist die Zerstörung von Kommunikationssystemen. Die USA besitzen seit längerem starke Laser, mit denen sie Satelliten blockieren und zerstören können. „Die US-Regierung begründet einen großen Teil ihrer strategischen Rüstungspolitik mit einer angeblichen Gefährdung durch China“, sagt Nassauer: „Sie wird auch dazu benutzt, die teure strategische Rüstung Washingtons zu rechtfertigen.“ Aber auch China arbeitet längst an starken Laserwaffen – und hat im vergangenen Sommer einen amerikanischen Satelliten geblendet und ausgeschaltet.

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