Zeitung Heute : Platzangst

Auf Hitzfeld ruhten alle Hoffnungen – nun braucht es einen Neuanfang

Helmut Schümann

Ottmar Hitzfeld will nicht Bundestrainer werden. Ist das das Ende des Traums vom WM-Titelgewinn 2006 oder die Chance für einen wirklichen Neubeginn?

Haben wir nicht heldenhaft ertragen, dass wir so frühzeitig ausgeschieden sind aus der Europameisterschaft? Oder war es eher hoffnungsfroh, weil zumindest eine Besserung erkennbar war? Die moderaten Töne der vergangenen Tage weisen eher auf trotzigen Optimismus hin: Die EM ist verloren, aber in zwei Jahren haben wir Weltmeisterschaft – und die veranstalten wir nicht nur, wir gewinnen sie auch.

Ein ohnehin kühnes Motto, das nun inmitten der Führungskrise des Deutschen Fußball–Bundes stark gefährdet ist. Der Verzicht des Lieblingskandidaten Ottmar Hitzfeld, hervorgerufen durch das Krisenmanagement des DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, scheint jetzt schon das Scheitern zu programmieren. Das große Ziel, anvisiert von einer Allianz aus Franz Beckenbauer, der Politik und der Wirtschaft scheint verfehlt zu sein.

Ungelöste Fragen: Wer wird sich hergeben, nun den Trainerjob zu übernehmen? Das muss ein Mann sein, der namhaft ist – um die Fangemeinde zu beruhigen. Er muss gewillt sein, Kritik von allen Seiten zu ertragen. Er muss öffentlich einen Titel versprechen, von dem er intern wissen muss, dass er nur durch einen sehr zufälligen und glücklichen Lauf des Balles möglich sein wird. Er hat nicht die Möglichkeit, den Ernstfall zu testen, weil Deutschland automatisch qualifiziert ist. Wer will so viel Mut aufbringen?

Wie ist das gerade erst begonnene Jugendkonzept fortzusetzen, wenn doch ein Trainer sich mit allen möglichen Meinungsbildern beschäftigen muss, aber nicht mit seiner Arbeit?

Wer löst das Strukturproblem des deutschen Fußballs, der verheddert ist zwischen einem trägen Verband, schnittigeren Vereinen und einer instabilen Liga?

Ungelöste Fragen eben, deren Antworten nicht in Sicht sind. Kein Trainer, kein Krisenmanagement, keine Konzepte die Weltmeisterschaft 2006 ist verloren.

Und keine Hoffnung? Jedem Ende wohnt ein Neuanfang inne. Die größte Krise des deutschen Fußballs könnte ja vielleicht reinigend wirken. Wenn das Strukturproblem als Problem begriffen wird. Die Führungsriege des DFB gleicht mehr einem gerontologischen Experiment als flexiblem Management. Ein personeller Austausch erscheint dringend geraten – der Präsident, der offensichtlich völlig unvorbereitet in eine vorhersehbare Trainerdebatte schlidderte, wird – das ist keine Prophetie, nicht mehr lange haltbar sein. Dann ist auch die Chance gegeben, zänkische Verhältnisse zwischen DFB-Chefs und Fußballmanagern wie Uli Hoeneß von Bayern München zu befrieden.

Mit neuem Personal können dann neue Wege beschritten werden, gerade bei der Trainersuche, die nirgends als allein nationale Frage festgeschrieben steht. Bisher weigerte sich der DFB auch nur daran zu denken, dass auch ein ausländischer Trainer erfolgversprechend arbeiten könnte.

Damit einher ginge das Ende der fatalen Selbstverliebtheit, dem langjährigen Glauben nämlich, der deutsche Fußball sei per Gottesurteil auf ewig Weltklasse. Eine Chance also ist da, jetzt müssen nur noch die Personen gefunden werden, die sie nutzen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar