POESIEFESTIVALPasolini in szenischer Aufführung : Zitter niht, mîn Son

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Als Schriftsteller wie als Regisseur gilt Pier Paolo Pasolini seit einem halben Jahrhundert als das italienische Universalgenie seiner Generation. Von seinem Kinodebüt „Accatone – Wer nie das Brot mit Tränen aß“ bis zu den „120 Tagen von Sodom“, die 1975 sein Vermächtnis wurden, nachdem er in Ostia bei Rom an Allerseelen mit 53 Jahren ermordet wurde, ist sein filmisches Werk fast vollständig kanonisiert. Weniger einmütig hat man seine Bücher wahrgenommen. In Wellen haben sie, angefangen 1963 mit dem römischen Roman „Vita violenta“, Aufmerksamkeit erlangt, um 1978 mit den „Freibeuterschriften“ posthum seinen Ruhm als Gegner einer Konsumgesellschaft zu befestigen, die sich in ihrem „hedonistischen Faschismus“ gefällt.

Das Schöne ist, dass sich nun auch mit seiner Lyrik eine neue Generation auseinandersetzt. Der 28-jährige Berliner Dichter Christian Filips – in Urs Engelers neuem Verlag Roughbooks ist gerade „Heiße Fusionen – Gesänge von der Krisis“ erschienen, hat unter dem Titel „Dunckler Enthusiasmo“ friulanische Gedichte übersetzt. Wie er auf Pasolinis Kunstsprache mit mittelhochdeutschen und lutherdeutschen Versen antwortet, misst überzeugend die Entfernung zur Hochsprache aus: „Neine, zitter niht, mîn son, / des loupes himel zittert / under die lîhten sunne, / die lacht ûf unser houpt.“ Mit der Überschreibung von Pasolinis jugendlichen „Poesie a Casarsa“ in der zweiten Form der „Bessern Jugent“ (La meglio gioventù) macht Filips deutsche Leser erstmals mit diesem Dokument von Pasolinis spätem Pessimismus bekannt. Zum Abschluss des Poesiefestivals kommt es nun, inszeniert von Leopold von Verschuer, auf die Bühne. Gregor Dotzauer

Akademie der Künste Hanseatenweg, Sa 12.6.,

20 Uhr, 14/8 €

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