Zeitung Heute : Poker um Macht, Geld und Gefühle

SCHAUBÜHNE Thomas Ostermeier inszeniert Lillian Hellmanns Psychothriller „Kleine Füchse“ als Emanzipationsstück – mit Nina Hoss als cooler Zockerin.

PATRICK WILDERMANN

Diesmal darf die Frau überleben. Und nicht nur das. Sie geht sogar als große ökonomische Gewinnerin aus dem Poker um Macht, Geld und Gefühle hervor. „Eine Feier“, nennt Thomas Ostermeier diesen frühen emanzipatorischen Theater-Triumph, schon weil er als Regisseur eine so lange Vorgeschichte mit Unglücksheldinnen hat. „In ‚Wunschkonzert' und ‚Hedda Gabler' müssen sich die Protagonistinnen umbringen, Maria Braun fliegt zum Schluss in die Luft, und Nora ist wahrscheinlich auch keine rosige Zukunft beschieden“, zählt der Schaubühnen-Chef auf. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Regina Giddens tanzt aus der Reihe. Zwar erleben wir sie in Lillian Hellmans Stück „Die kleinen Füchse“ anfänglich auch gefangen im Korsett einer klassischen Versorgungsehe. Aber als die Brüder ihrer Schwägerin Reginas Beteiligung an einem lukrativen Deal benötigen, schlägt die Stunde der Schattenfrau. Was Ostermeier für Hellmans dramatischen Psychothriller entflammen lässt, kann er auf einen schlagkräftigen Nenner bringen: „Wie sie die Themen Familie und Geld verbindet“. Beides seit langem Lieblingsmotive der Schaubühne.

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„Die kleinen Füchse“ stammt aus dem Jahr 1936, die letzte maßgebliche Aufführung in Deutschland fand 1956 in Ostberlin statt, am Deutschen Theater. Die lange Spielplan-Abwesenheit erklärt sich Ostermeier auch mit antikommunistischen Reflexen. „Hellman wurde in der McCarthy-Ära vor das Komitee für antiamerikanische Umtriebe geladen“, erzählt er, „ihr Lebensgefährte Dashiel Hammett musste sogar in den Knast und verlor sein Vermögen.“ Vielleicht sei deshalb eine „Erinnerungskette abgerissen“. Hinter den männlichen Kollegen wie Tennessee Williams, Eugene O'Neill oder Arthur Miller muss sich Hellman in Ostermeiers Augen jedenfalls nicht verstecken.

Der Text begleitet ihn schon, seit er als Baracken-Leiter in den Dramaturgierunden des DT-Intendanten Thomas Langhoff saß. „In jeder vierten Sitzung sagte jemand: ‚Kleine Füchse’ – Wahnsinnsstück!, erinnert sich Ostermeier. Was auch die Frage beantwortet, ob der Regisseur diese Trouvaille nur deshalb ausgegraben hat, um Nina Hoss bei ihrem Schaubühnen-Debüt in einer prominenten Rolle zu besetzen. „Keine Sorge! Ich habe noch ein paar Stücke mit starken Frauenparts in petto“, lächelt Ostermeier.

Tatsächlich gibt der gegenwärtige Zustand der Schaubühne keinen Anlass zu Befürchtungen. Nicht nur, weil mit Hoss ein Star gewonnen wurde, von dem Ostermeier aufrichtig schwärmt. „Mich überrascht natürlich nicht, dass sie die tolle Schauspielerin ist, als die ich sie momentan auf den Proben erlebe“, so der Regisseur. „Aber mich begeistert, dass sie die interessierte Kollegin geblieben ist, als die ich sie erlebt habe, bevor sie so berühmt wurde.“ Hoss und Ostermeier kennen sich bereits seit Ernst- Busch-Schultagen, 1999 haben sie gemeinsam den „Blauen Vogel“ am DT erarbeitet.

Vor allem aber macht die Schaubühne gerade wieder international von sich reden. Mit Ostermeiers unermüdlich tourendem „Volksfeind“ zum einen, der in den verschiedensten Ländern einen Nerv trifft. „In Montreal gab es am Tag der Premiere wegen eines Wasserskandals in der ganzen Stadt das Verbot, das Leitungswasser zu trinken, entsprechend war jeder Satz über die Badeanstalt ein unfreiwilliger Lacher“, erzählt Ostermeier. In Sao Paulo und Rio tobten gerade Straßenschlachten zwischen molotowcocktailbewehrten Lehrern und Schülern und der Polizei, was dem eingewobenen Pamphlet „Der kommende Aufstand“ einen brisanten Echoraum verschaffte. Und in Ländern mit virulenter Korruptionsthematik wie Griechenland oder Italien wurde die Inszenierung erst recht als drängend aktuell verstanden.

Etwas heikler geriet die Lage dagegen in St. Petersburg, wo Ostermeiers „Tod in Venedig“ gastierte und er eine Rede wider die in Russland mittlerweile gesetzlich verankerte Homophobie hielt. In der Folge kam es zu einem Farbanschlag auf das St. Petersburger Theater, die Täter ließen zudem einen Schweinekopf zurück, was Ostermeier doch schockiert hat. „Es gibt im Ensemble mittlerweile viele Stimmen“, berichtet er, „die fordern, nicht in jedes Land zu fahren, in das wir eingeladen werden.“

Ensemble in Bewegung

Nicht, dass Ostermeier und seine Truppe nicht auch in Berlin genug vorhätten. Ins Ensemble ist Bewegung gekommen, neben Nina Hoss durch Neuzugänge wie Regine Zimmermann und Rückkehrer wie Mark Waschke. Und auch auf der Regieseite tut sich viel. Mit Michael Thalheimer inszeniert ein Künstler am Haus, dem Ostermeier alle Türen öffnen würde, „wenn er sich fester an uns binden möchte“. Ab nächster Spielzeit arbeitet der Stuttgarter Exilant Armin Petras am Lehniner Platz, auch Milo Rau wird hier andocken – was kein geringer Gewinn für ein Haus ist, das sich politisches Theater auf die Fahne geschrieben hat. Dazu schickt der Kassenchef gerade monatlich neue Rekordmeldungen.

Wenn man am erfolgreichsten Punkt aufhören wollte, wäre jetzt der Zeitpunkt. Was natürlich nicht infrage kommt, wo die Schaubühne doch gerade den Neuanfang wagt. Mit Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen.PATRICK WILDERMANN

Premiere 18.1., 20 Uhr

Auch 20. - 22.1., jeweils 20 Uhr

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