Zeitung Heute : Politik, Privatgeschäfte, Untersuchungshaft

Der Tagesspiegel

DIE ERMITTLUNGEN GEGEN DAS AUBIS–IMPERIUM

Von Ulrich Zawatka-Gerlach

Vor dem Mauerfall hatten sie ihre beste Zeit, in der Berliner CDU waren sie wichtige Leute: Der Diplom-Ingenieur und promovierte Kaufmann Neuling (58) aus Neudamm/Kü strin und der ehemalige Polizeibeamte und Parteifunktionär Wienhold ((51) aus Berlin. Seit Mittwochabend sitzen beide in Moabit in Untersuchungshaft. Für Neuling ist das nicht der erste Kontakt mit der Justiz. Schon im März 1985 wurde die Immunität des damaligen Berliner CDU-Abgeordneten aufgehoben, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn als Geschäftsführer der „Paul Neuling Handelsgesellschaft“ wegen des Verdachts der Ölpanscherei ermittelte. Neuling bestritt jede Beteiligung und argwöhnte, das Opfer einer Wahlkampfkampagne der SPD und der Alternativen Liste zu sein. Die Ermittlungen wurden schließlich eingestellt.

Weniger glimpflich endete ein Ermittlungsverfahren gegen Neuling sechs Jahre später. Da saß er im Deutschen Bundestag, als Vorsitzender des Treuhand-Untersuchungsausschusses. In jener Zeit machte die Firma „Neuling-Minol-Chemie“ (NMC), eine gemeinsame Tochter der „Paul Neuling Handelsgesellschaft“ und der Minol AG, dubiose Geschäfte. Es ging um ein Tanklagergrundstück in Seefeld (Brandenburg), das eigentlich zum Verkauf an ein internationales Konsortium vorgesehen war, aber trotzdem der NMC rechtsverbindlich angeboten wurde.

Die Minol AG gehörte zu 100 Prozent der Treuhand; im Aufsichtsrat saß auch Neuling. Die Staatsanwaltschaft äußerte damals den Verdacht, bei dem - für die Neuling-Firma äußerst vorteilhaften - Immobiliengeschäft hätten „Insiderkenntnisse“ eine Rolle gespielt. Dem CDU-Bundestagsabgeordneten Neuling wurde vorgeworfen, seine öffentlichen Ämter mit privaten Interessen verquickt zu haben. Er legte den Vorsitz des parlamentarischen Untersuchungsausschusses nieder, nannte die Vorwürfe gegen ihn aber „absurd“ und sah sich erneut als Opfer einer bösartigen Intrige.

In die Berliner Politik stieg Neuling, der seit 1973 CDU-Mitglied ist, 1979 ein. Bis 1987 saß er im Abgeordnetenhaus, war zeitweilig stellvertretender CDU-Fraktionschef, Kreisvorsitzender in Wedding und Landeschef der Wirtschafts- und Mittelstandsvereinigung der Union. 1987 ging er in den Bundestag, dem er bis 1994 angehörte. Zwei Jahre saß Neuling gemeinsam mit dem Partei- und Geschäftsfreund Wienhold in der CDU-Abgeordnetenhausfraktion. Dieser war nach 13 Jahren als Bereitschafts- und Kriminalpolizist 1981 in die Politik gewechselt.

Seine CDU-Karriere begann als Spandauer Bezirksverordneter, Vorsitzender des Ortsvereins Haselhorst und Persönlicher Referent des ehemaligen Arbeitssenators Edmund Wronski. 1984 wurde Wienhold Abgeordneter, Landesgeschäftsführer der Union und Chef des Parteiverlages bpi. Seit 1987 nahm der CDU-Mann als Mitglied (später Vorsitzender) des parlamentarischen Verfassungsschutz-Ausschusses eine zweifelhafte Rolle ein. Einmal warfen ihm SPD und AL vor, im Zusammenhang mit der Schmücker- Affäre Geheimnisbruch begangen zu haben. Ein anderes Mal geriet Wienhold in die Schlagzeilen, weil er mit dem Briefkopf des CDU-Landesverbands an das Landesamt für Verfassungsschutz schrieb, um dort - erfolgreich - seinen Neffen unterzubringen.

1992 wechselte Wienhold in die Privatwirtschaft; als Geschäftsführer der Gebäudereinigungsfirma Gegenbauer. Fast zeitgleich baute er seit 1991 zusammen mit Neuling die Aubis-Gruppe auf, um in Ostdeutschland mit dem kreditfinanzierten Ankauf und der Sanierung von Plattenbauten eine schnelle Mark zu verdienen. In der CDU fiel der Ex-Polizist allmählich in Ungnade; 1995 wurde er nicht mehr für das Abgeordnetenhaus nominiert und in Spandau drohte ihm sogar ein Parteiausschlussverfahren.

Ohnehin hatten Wienhold und Neuling keine Zeit mehr, sich politisch zu betätigen. Sie waren vollauf damit beschäftigt, wenn auch erfolglos, das schlingernde Aubis-Imperium zu retten und dabei selbst nicht zu verarmen. 1995 war offenbar noch genug Geld da, um der Berliner CDU 40000 Mark in bar zu spenden, die teilweise in einer schwarzen Parteikasse verschwanden. Die beiden hätten „am Beginn der Kette der Verfehlungen“ gestanden, urteilte im März 2001 Edmund Wronski, der ehemalige Chef Wienholds, als Vorsitzender des CDU-Ehrenrats. Trotzdem kamen Wienhold und Neuling ohne innerparteiliche Strafmaßnahmen davon. Der CDU-Landesvorstand verzichtete ausdrücklich darauf. Aber die Berliner Staatsanwaltschaft ließ nicht locker. Pech gehabt.

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