Zeitung Heute : Politik wie aus dem Märchenbuch

GERD APPENZELLER

Die Geschichte erinnert an das schöne Märchen vom Hasen und vom Igel.Darin kann der Igel nur deshalb immer triumphierend "Ick bin all hier" sagen, weil er und seine Igeldame am Start und am Ziel der Rennstrecke im Versteck liegen, während der arme Hase sich zwischen beiden Punkten die Lunge aus dem Hals läuft.In der politischen Realität dieser Tage spielt die SPD die Rolle des Igels und die CDU die des Hasen.Helmut Kohl, der nimmermüde christdemokratische Einzel-Kämpfer für eine weitere Regierungszeit, unterbricht seinen Österreich-Urlaub für Wahlkampfauftritte an der Küste, in Bayern und in Berlin.Währenddessen mischt die sozialdemokratische Spitzenmannschaft die innenpolitische Szenerie mit einem Feuerwerk von Ideen und Vorschlägen auf, das den politischen Gegner schier fassungslos macht.

Politische Überraschungskandidaten wie Jost Stollmann oder Michael Naumann besetzen unter lautem Beifall des bürgerlichen Lagers Positionen, über die gestandene Sozialdemokraten stirnrunzelnd den Kopf schütteln.Walter Riester, Querdenker in der IG-Metall-Spitze und Arbeitsminister in spe, applaudiert arbeitgebernahen Vorstellungen des präsumtiven Wirtschaftsministers Stollmann.Otto Schily, sozialdemokratischer Kandidat für das Amt des Bundesinnenministers, proklamiert gestern ein Grundrecht auf Sicherheit, das dem auf Freiheit gleichrangig sei.Zwischen all dem schwirren Reizworte wie Abbau der Kohlesubvention und verlängerte Ladenöffnungszeiten, mit der PDS auf Landesebene koalieren und sie dennoch vom Verfassungsschutz beobachten lassen, Reform des Sozialsystems und niedrigere Steuern.Was ist mit der deutschen Sozialdemokratie los? Verteilt sie, angeführt von ihrem Spitzenmann Gerhard Schröder, aus einem großen Füllhorn wählerwirksam kleine Köstlichkeiten, die sie nach dem 27.September wieder einsammeln muß? Oder gilt alles nicht mehr, was einmal war?

Zunächst: Es ist nicht die SPD als Ganzes, die dabei ist, sich zu transformieren.Es sind, innerhalb der Partei, nur ganz wenige, die sich dafür aber um so rigoroser an den Umbau des Traditionsunternehmens machen.Gerhard Schröder und Franz Müntefehring beherzigen, daß man Wahlen mit den Bürgern und nicht mit den Parteifunktionären gewinnt.Sie haben die überhebliche Hintze-These, die SPD könne in der Sache nichts bieten und ihr Kandidat sei ein aalglatter Strahlemann, rigoros als platte Propaganda enttarnt und bedienen seit Wochen alle Themen gleichzeitig.Die Partei selbst beginnt erst langsam zu merken, was da geschieht.Der Widerstand von den üblichen Bewahrern der reinen Lehre ist weniger hinhaltend als resignierend.Wenn nicht alles täuscht, hat die Führungsriege Schröders in einem gnadenlosen Parforceritt über alle in der jüngeren Parteigeschichte aufgestellten Hindernisse, Stolpersteine und Hinweisschilder auf Sackgassen so ziemlich alles in Frage gestellt, woran sich traditionelle sozialdemokratische Politik festmachen ließ.Als habe jemand den großen Kehrbesen zum längst überfälligen Frühjahrsputz in die Hand genommen, fliegt da durch die weit offene Tür, was die Hausherren längst schon loswerden wollten.

Möglicherweise gehen dabei nicht nur sperriger Müll und ein paar postsozialistische Ladenhüter zu Bruch, sondern auch zu Recht gepflegtes Mobiliar.Völlig unabhängig davon, ob man das manchmal schon dreiste Besetzen von Sowohl-als-auch-Positionen statt des ehrlicheren Entweder-oder nun für besonders clever oder für besonders prinzipienlos hält, wird die SPD nach der Wahl, wie immer sie ausgeht, nicht mehr die gleiche sein.Wenn Gerhard Schröder am Abend des 27.Septembers eine regierungsfähige Mehrheit präsentieren kann, ist ihm mit diesem Wahlergebnis auch die Kraft zugewachsen, einen konsequenten Modernisierungskurs zu steuern.Weder die Gewerkschaften, die weitsichtiger denken, als ihre Gegner glauben, noch die Programmdognatiker, deren Zahl geringer ist, als allgemein angenommen, werden den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit unter dem Deckel halten können.Scheitert Schröder hingegen, scheitert mit ihm auch eine ganze Generation sozialdemokratischer Politiker endgültig.An dem Richtungskampf, der dann folgt, könnte die SPD zerbrechen.Aber so weit ist es noch nicht.Vorerst sagt der Igel noch fröhlich: Ick bin all hier.

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