Zeitung Heute : Politisch zu steuern

Die Bundesmarine soll in den Nahen Osten – zur heikelsten Mission ihrer Geschichte

Sarah Kramer,Fabian Leber

Deutschland will sich vor allem mit Einheiten der Marine an der Nahostmission der UN beteiligen. Was könnten die Aufgaben der deutschen Soldaten sein?


Zu teuer, zu unbedeutend: So wurde die Marine der Bundeswehr in den vergangenen Jahren gerne von ihren Kritikern abgetan. Vor allem die Kollegen von Heer und Luftwaffe blickten eher verächtlich auf die Kapitäne und ihre Mannschaften herab. Das könnte sich nun ändern. Denn Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) will seine Streitkräfte zur See im Rahmen einer UN-Friedensmission in den Nahen Osten schicken. Als möglichen deutschen Beitrag einer Friedensmission nennt er die „seeseitige Sicherung“ der Grenze zwischen Syrien und dem Libanon. So könnten die Fregatten, Schnellboote und Minenräumer der Marine vor der libanesischen Küste die schiitische Hisbollah-Miliz daran hindern, Waffen aufs Festland zu schmuggeln. Helfen könnte die Marine auch bei der Beseitigung des Ölteppichs vor der libanesischen Küste: Sie verfügt über zwei Spezialschiffe, deren Verlegung ins Mittelmeer allerdings viel Zeit kosten würde.

Ein Einsatz im Nahen Osten wäre die vermutlich heikelste Aufgabe in der 50-jährigen Geschichte der deutschen Marine. „Wir gehen in unseren Einsatz mit einem besonders wachsamen und geschärften Blick“, heißt es beim Flottenkommando in Glücksburg. Für Marine-Offiziere eine eindeutige Ansage: Nach Einschätzung ihrer Vorgesetzten könnte der Einsatz vor der libanesischen Küste „brenzlig“ werden.

Wie gefährlich eine Stationierung im Nahen Osten für die Marine tatsächlich wird, hängt nach Meinung von Experten vor allem von der Art des UN-Mandats ab – nach Einschätzung der Bundesregierung dürfen die Soldaten demnach auch verdächtige Schiffe kontrollieren. Am 14. Juli wurde vor Beirut die „Hanit“, ein israelisches Kriegsschiff der „Sa’ar-5-Klasse“, mit einer Rakete beschossen und schwer beschädigt. An Bord brach Feuer aus, vier Seeleute starben. Gegen ähnliche Angriffe sind die deutschen Schiffe mit dem sogenannten RAM-Verteidigungssystem ausgestattet. Es hat sich bei der Abwehr von Flugkörpern bewährt – trotzdem zeigt der Angriff, dass auch eine Marinemission nicht frei von Gefahren ist.

Sollte der Bundestag Jungs Vorschlag zustimmen und ein entsprechendes Mandat erteilen, könnten die deutschen Kriegsschiffe innerhalb kürzester Zeit am Einsatzort ein. Eine Fregatte braucht von ihrem Heimathafen in Wilhelmshaven bis ins südöstliche Mittelmeer etwa eine Woche. Die Schnellboote benötigen vom Stützpunkt Warnemünde 14 Tage, um ans Ziel zu gelangen.

Unterstützt werden könnte der Marineverband von Tornado-Aufklärungsflugzeugen, die das Einsatzgebiet in niedriger Höhe überfliegen und Luftbilder liefern. Möglich wäre die Stationierung von Tornado-Jets auf Zypern, um von dort aus Überwachungsflüge über der Pufferzone im Libanon zu unternehmen.

Wenn die deutsche Marine im Nahen Osten zum Einsatz kommt, wird es vor allem auf ihre Fregatten ankommen. Ein solches Schiff kann mit 230 Mann an Bord mehrere tausend Quadratkilometer See und Luftraum überwachen. Dank neuartiger Radaranlagen und EDV-Systeme können die Fregatten mehr als 1000 Ziele gleichzeitig in einer Entfernung von bis zu 400 Kilometern erfassen. Mit ihren Informationssystemen kann eine Fregatte auch als schwimmende Führungsplattform eingesetzt werden. Sie verfügt außerdem über zwei Hubschrauber für Patrouillenflüge sowie zwei Hochgeschwindigkeitsboote, mit denen bewaffnete Inspekteure auf Frachtern abgesetzt werden können, um Papiere und Ladung zu überprüfen.

Die Schnellboote haben jeweils zwischen 30 und 40 Besatzungsmitglieder. Es wird erwartet, dass die Marine auch einen sogenannten Einsatzgruppenversorger entsendet, um die operierenden Einheiten auf See mit Betriebsstoffen, Frischwasser, Proviant, Munition sowie Ersatzteilen zu versorgen. Die Versorgungsschiffe verfügen außerdem über ein gut ausgerüstetes Bordlazarett, in dem auch chirurgische Eingriffe vorgenommen werden können.

Eine Mission in Nahost wäre für die Marine nicht der erste Auslandseinsatz. Mitte der 90er Jahre sorgten deutsche Marinesoldaten an der Adria dafür, dass das UN-Waffenembargo gegen Restjugoslawien eingehalten wurde. Seit 2002 fahren mehrere Schiffe am Horn von Afrika Patrouille, kontrollieren im Rahmen des Anti-Terror-Einsatzes „Enduring Freedom“ Handelsschiffe. Auch im östlichen Mittelmeer ist die Marine präsent: Seit Oktober 2001 überwachen eine deutsche Fregatte und ein Unterseeboot im Rahmen der Nato-Operation „Active Endeavor“ den Schiffsverkehr. 2004 kamen deutsche Marine-Schnellboote in der Straße von Gibraltar zum Einsatz: Auf Anforderung geleiteten sie im Nato-Auftrag Schiffe durch die dortige Meerenge.

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