Zeitung Heute : Politische Begleitung

Sarah Kramer[Matthias Meisner],Werner van Bebb

Führende CSU-Politiker haben einen Bericht der „Bild“-Zeitung verurteilt, wonach Landwirtschaftsminister Seehofer eine außereheliche Affäre haben soll. Wie politisch ist das Privatleben von Politikern?


Ein verheirateter Unionspolitiker, eine junge, hübsche Geliebte und obendrein ein noch nicht geborenes, uneheliches Kind: Die angeblichen Enthüllungen über Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU), der als möglicher Nachfolger von Parteichef Edmund Stoiber gehandelt wird, wecken Erinnerungen. Zum Beispiel an die Geschichte des ehemaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel (CSU). Der lernte Mitte der 80er Jahre seine jetzige Gattin Irene Epple kennen und lieben – obwohl er damals noch mit seiner ersten Frau verheiratet war. In einem Interview sagte Waigel später, „einige Stellen in der eigenen Partei“ hätten die Beziehung zu Epple instrumentalisiert, als es 1993 um die Nachfolge des damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl ging. Waigel zog im Machtkampf den Kürzeren, Stoiber wurde Regierungschef. Heute müsse er sich eingestehen, dass es ein großer Fehler gewesen sei, die Beziehung mit Epple „nicht vier oder fünf Jahre vorher“ publik gemacht zu haben, sagt Waigel.

Auch CSU-Vize Barbara Stamm weiß, was es bedeutet, wenn politische Gegner im Privatleben einen Angriffspunkt finden. Die frühere bayerische Gesundheitsministerin war im Sommer 2000 wegen einer angeblichen Liebesaffäre mit einem Autohändler in die Schlagzeilen geraten. Der damalige CSU-Generalsekretär Thomas Goppel sagte auf einem CSU-Parteitag in Straubing mit Verweis auf die hohen Heiratszahlen in Niederbayern: „Gell, Barbara. Ich bin schon vergeben. Du auch!“ Stamm führt ihren späteren Rücktritt als Ministerin unter anderem auf persönliche Verletzungen zurück.

Und Friedbert Pflüger kann ein Lied davon singen, wie schnell das Privatleben zum politischen Thema werden kann. Mitten im Wahlkampf 2006 erlebte er als Spitzenkandidat der Berliner CDU einen „Scheidungskrieg“ mit großem öffentlichen Getöse. Und gegen Ende des Wahlkampfs wurde er – zur Freude der Fotografen vom Boulevard – zum zweiten Mal Vater eines Kindes, das seine Freundin ihm schenkte. Doch einiges war bei Pflüger 2006 anders als bei Seehofer heute. Erstens lebte Pflüger in Scheidung und mit seiner neuen Lebensgefährtin zusammen. Beide hatten schon damals einen kleinen Sohn zusammen. Und Pflüger hatte aus seiner Trennung von der bekannten Professorin Margarita Mathiopoulos nie ein Geheimnis gemacht. Das half ihm – zweitens – aber nicht, als bekannt wurde, dass er von Mathiopoulus einen finanziellen Ausgleich verlangte. 150 000 Euro wollte er von ihr. Letzten Endes einigte man sich, doch die ganze Angelegenheit wird dem CDU-Mann eher Antipathien eingetragen haben. Drittens hat Pflüger in seiner Berliner Zeit immer gesagt, er wolle seine Lebensgefährtin so schnell wie möglich heiraten. Das hat er vor kurz vor Weihnachten auch getan – und damit alles Affärenhafte aus seinem Privatleben entfernt.

Was an der mutmaßlichen „Affäre Seehofer“ dran ist und wer sie lanciert hat, ist ebenso unklar wie die Frage nach möglichen Konsequenzen. „Ich glaube nicht, dass der Minister deswegen einen Karriereknick erleidet“, sagte der Politikwissenschaftler und CSU-Kenner Heinrich Oberreuter dem Tagesspiegel. „Die CSU ist so modernisiert und säkularisiert, dass sie wegen einer angeblichen außerehelichen Verbindung niemand aus der Führungsebene zurückziehen muss.“ Auch Forsa-Chef Manfred Güllner stellt fest: „In Bayern ticken die Uhren zwar noch anders, aber entscheidend interessiert das die Leute heute nicht mehr“, sagt er.

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