• Politologen haben ihr Herz in Heidelberg verloren Neue Ergebnisse im Hochschulranking: Berlins Jura-Studenten sind unzufrieden, Münchner Volkswirtschaftler freuen sich

Zeitung Heute : Politologen haben ihr Herz in Heidelberg verloren Neue Ergebnisse im Hochschulranking: Berlins Jura-Studenten sind unzufrieden, Münchner Volkswirtschaftler freuen sich

Der Tagesspiegel

Von Anja Kühne

Politologie studieren? In Heidelberg, Konstanz und Tübingen geht das besonders gut, jedenfalls wenn man dem Ergebnis des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) folgt. Als einzige Hochschulen schafften es diese drei in die Spitzengruppe der deutschen Universitäten. Sie erzielten im Urteil der Studierenden und der Professoren jeweils gute Ergebnisse, haben eine gute Reputation in der Forschung, gute Bibliotheken und im Durchschnitt keine überlangen Studienzeiten. Schlusslicht in der Bewertung sind die Unis Bonn, Frankfurt, Leipzig und Kiel.

Das CHE-Ranking gilt als vergleichsweise seriös, weil es versucht, die Fachbereiche der Universitäten auf Stärken und Schwächen hin differenziert zu untersuchen. Dafür gibt es 30 Kriterien. So kann eine Uni mit guter Bibliothek gleichwohl lange Studienzeiten haben. Außerdem hängt es auch von den Bedürfnissen der Studenten ab, ob sie sich an einer Hochschule wohl fühlen oder nicht: Der Typ des „Forschers" ist oft besser in großen Städten aufgehoben, wo traditionell die Koryphäen ihrer Disziplin unterrichten. Dafür ist dort aber in der Regel die Betreuung nicht sehr intensiv. Der „Zielstrebige" fühlt sich dagegen an kleinen Hochschulen wohl, selbst wenn dort nicht so viele Drittmittel eingeworben werden und die Bibliotheken ein bescheidenes Angebot haben. An der neuen Untersuchung, deren Ergebnisse nun im „Stern" veröffentlicht werden, waren 30 000 Studenten und 3400 Professoren von 240 Hochschulen beteiligt.

Spitzenwerte für Alice-Salomon-FH

Die Freie Universität, deren Otto-Suhr-Institut fast ein Drittel der deutschen Politologen ausbildet, erzielt Spitzenwerte in der Forschung und in der Drittmitteleinwerbung, und besonders viele deutsche Politologie-Professoren würden ihren Kindern empfehlen, hier zu studieren. Aber im Gesamturteil der Studierenden schneidet das Otto-Suhr-Institut schlecht ab. Auch die Bibliothek ist schwach, ergibt das Ranking.

„Der Zielstrebige", der gut betreut werden und schnell studieren will, wird in Chemnitz, Greifswald, Rostock, Regensburg oder Trier glücklich, „der Forscher" aber neben Berlin eher in Mannheim, München und Tübingen.

Wer Sozialwesen studieren möchte, das überwiegend an Fachhochschulen gelehrt wird, ist in Berlin am richtigen Ort: Die evangelische Fachhochschule Alice-Salomon fällt durch kurze Studienzeiten und ein gutes Betreuungsverhältnis auf, nicht anders als zwei weitere konfessionelle Hochschulen: die Katholische Fachhochschule in München und die Evangelische Fachhochschule in Freiburg. Der Typus des „Praktikers", der sich besonders intensiven Kontakt zur Arbeitswelt in seinem Studium wünscht, ist mit der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt gut bedient.

Von Soziologie-Professoren ihren Kindern empfohlen und von Studenten geschätzt sind die Unis Mannheim, Bielefeld und Konstanz. Die Freie Universität und die Humboldt-Universität erzielen sehr gute Noten im Urteil der Professoren, aber schlechte im Urteil der Studenten. Schwach in Soziologie und den Sozialwissenschaften sind besonders Hamburg und Hannover.

Neben diesen Fächern veröffentlichte das CHE auch neue Zahlen zu Jura und den Wirtschaftswissenschaften, die erstmals 1998 untersucht wurden. Dabei verbesserten sich manche Unis, während andere absackten. Die Jura-Studenten der Humboldt-Universität etwa sind im Vergleich zur letzten Untersuchung deutlich unzufriedener, nicht anders als die in Heidelberg, während die Jura-Studenten in Augsburg und Osnabrück zufriedener geworden sind. Das bundesweite Schlusslicht in Jura ist aber die Freie Universität: Die dortigen Juristen publizieren dem Ranking zufolge wenig Maßgebliches, die Studenten leiden unter einer schlechten Bibliothek und stellen ihrem Fachbereich entsprechend eine schlechte Gesamtnote aus.

Mit 102 700 Studenten bleibt Jura nach BWL das beliebteste Fach an den deutschen Hochschulen, jedes Jahr kommen 10 000 Juristen auf den Arbeitsmarkt. „Der Berufseinstieg für Juristen bleibt schwierig", heißt es in der Untersuchung. Denn nur 4000 bis 5000 Juristen verlassen den Arbeitsmarkt zurzeit, während zugleich in der Verwaltung Stellen abgebaut werden. In der Wirtschaft konkurrieren die Juristen mit Betriebswirten und zunehmend mit Wirtschaftsjuristen von den Fachhochschulen.

In dem deutschlandweit beliebtesten Fach, der Betriebswirtschaftslehre, liegt die Freie Universität mit mittleren Werten weiter vor der Humboldt-Universität und der Technischen Universität, deren Betreuung nun schlechter als bei der letzten Untersuchung eingeschätzt wird.

Aufschlussreich ist, dass die privaten Hochschulen Oestrich-Winkel und Witten-Herdecke im Urteil der deutschen Wirtschafts-Professoren schlechter als im Urteil der Studierenden abschneiden. Genauso geht es auch der kleinen ostdeutschen Uni Greifswald, deren Werte in der Spitzengruppe liegen: Hier würden kaum deutsche BWL-Professoren ihre Kinder zum Studium hinschicken. Allerdings erzielt Oestrich-Winkel in der Forschung schwache Ergebnisse, während Witten-Herdecke auch dort gut abschneidet.

In allen Punkten in der Schlussgruppe liegt in dem Fach allein die Uni Osnabrück. Die Berliner Fachhochschulen, die Fachhochschule für Wirtschaft und die Technische Fachhochschule, haben kurze Studienzeiten, bewegen sich in BWL aber sonst im Mittelfeld. Gute Adressen für die Volkswirtschaft sind Konstanz und München. Die drei Berliner Unis verschlechterten sich hier im Vergleich zu 1998 und erzielen mittlere oder schwache Werte.

Das CHE wird im nächsten Frühjahr Medizin und Biologie evaluieren.

Die vollständigen Ergebnisse im Internet:

www.stern.de/studienfuehrer

Weitere Auszüge aus der Untersuchung im Heft "stern spezial" (am Kiosk für 3 Euro 50)

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