Zeitung Heute : Polnisches Roulette

Von Harald Martenstein

Der polnische Ministerpräsident ist der Ansicht, dass man in der EU auch Toten ein Stimmrecht einräumen müsse. Er meint diejenigen Polen, die im Zweiten Weltkrieg durch Deutschland oder Russland ihr Leben verloren haben sowie ihre möglichen Nachfahren. Russland ist übrigens nicht in der EU.

Seitdem es die Kaczynski- Zwillinge gibt, Jaroslaw und Lech, finde ich zum ersten Mal Europapolitik sexy. Bisher dachte ich, der bizarrste Staatsmann, den das moderne Europa hervorzubringen imstande ist, sei Berlusconi, aber was, bitte sehr, ist ein singender Napoleonimitator gegen einen 58-jährigen Ministerpräsidenten, der sich nur von vorne fotografieren lässt, dessen Lebensgefährtin eine Katze ist und dessen Taschengeld von seiner Mutti verwaltet wird. Er mag uns Deutsche nicht – das muss eine Verwechslung sein. Diejenigen, die Katzen essen, sind doch die Chinesen! Noch abscheulicher als die Deutschen finden Jaroslaw und Lech die Schwulen.

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich mir für 2009 eine SPD-FDP- Grünen-Koalition vorstelle und einen gemeinsamen Staatsbesuch von Bundeskanzler Wowereit mit Außenminister Westerwelle. Das sogenannte Frauenprogramm müssen die Lebensgefährten von Wowereit und von Westerwelle gemeinsam mit der Katze von Jaroslaw absolvieren. Vielleicht fangen sie zu dritt eine Maus. Hoffentlich wird das von Phönix übertragen.

Man muss bei Scherzen über Polen aufpassen, Polen ist schnell beleidigt. Ich möchte aber keineswegs das polnische Volk beleidigen. Auch wir in Deutschland hatten einmal einem sonderlichen König, Ludwig II. von Bayern. Die Bayern, die in den Türkenkriegen gefallen sind, im Finanzausgleich der deutschen Bundesländer einzurechnen – diese Idee hätte auch König Ludwig einfallen können. Er war schwul. Aber er liebte Katzen. In Spanien hört man übrigens, dass auch Johanna die Wahnsinnige (1479 bis 1555) im Grunde eine sympathische Königin gewesen sei, wenn man von ihrem Wahnsinn einmal absieht.

Morgen ist Christopher Street Day. Demonstrationen von Homosexuellen werden in Polen häufig verboten, Amnesty International spricht von „Menschenrechtsverletzungen“. Ein Land, das im heutigen Europa zu den wichtigsten Mitspielern gehören möchte, sollte wohl schon eines Tages die heutigen europäischen Wertvorstellungen übernehmen. Dazu gehört, dass der Krieg vorbei ist, dass man Witze aushält und dass die Sexualität den Staat nichts angeht. Von der Türkei wird ja auch vieles verlangt.

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