Zeitung Heute : Pomadisiertes Gefühl

SANDRA LUZINA

Eröffnung des Tanzsommers: "Tango Mundo" im Podewil Wenn ein seidenbestrumpfter Damenschenkel an einem Hosenbein mit akkurater Bügelfalte entlangstreicht, wenn sich Wange an Wange schmiegt und Füße ein hitziges Duell anzetteln, wenn die Geige schluchzt und das Bandoneon lamentiert - dann schlägt die Stunde des Tango.Das Tangofieber grassiert nach wie vor in Berlin, und das Podewil darf sich eines der Zentren nennen.Den Auftakt des diesjährigen Tangosommers stellt die Bühnenshow "Tango Mundo" dar, stolz als Weltpremiere aus New York angekündigt.Neben den beiden Deutschen Brigitte Winkler und Michael Domke wirken Daniela Arcuri und Armando Orzuza mit, eines der führenden Tango-Tanzpaare."Tango mundo" - im Sauseschritt geht es vom Tango Canyengue bis zum Tango Fantasia.Trotz der gleichbleibenden Paar-Arithmetik ist der Tango variantenreich, er besitzt ganz unterschiedliche Temperamente und kann sich mit vielfachen Stimmungen aufladen.Tango nicht nur als Balzritual: Ihm auch komische Elemente abgewonnen zu haben, ist einer der Verdienste der Show.Sie beginnt als Vorstadt-Schwoof, fährt fort als Flirt mit dem Halbseidenen und schraubt sich zu Salon-Manierismen hinauf.Die unterschiedlichen Moden und Milieus werden zitiert, doch alles wirkt recht gediegen. Von Tristesse kündet das Orchester, und auch die Sängerin Isabel de Sebastián darf sich mit dunkler Timbre und rollendem R in Melancholie wiegen.Beim Tanz dagegen dominiert der wiegende Gleichklang der Körper und der Streit, das Palaver mit den Füßen, die sich verhaken und überkreuzen, den Rhythmus scharf markieren, Kreise und Achten skizzieren.Die Tänzer stellen ihre Geschicklichkeit unter Beweis und sparen nicht an Spitzfindigkeiten.Von der Hüfte abwärts spielt sich alles ab.Schnelle, komplizierte Bewegungen auf der Stelle, ein kokettes Getrippel, dann ein stürmisches Vorandrängen und plötzliches Zurückweichen, ein scheinbares Zaudern und jähes Innehalten.Immer wieder werden die Schrittfolgen abgebrochen.Immer wieder setzen die Paare neu an zu Manövern und Attacken.Getanzt wird mit gespielter Inbrunst, gefeiert wird die inszenierte Leidenschaft, und nebenbei bietet sich der Tango mit seinen bewährten Rollenmustern als verläßlicher Kompaß durch die neue Liebes-Unordnung an.Was will man mehr von einer Bühnen-Show?SANDRA LUZINA

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