Zeitung Heute : Pool-Novellen (VI)

Der Dramatiker Moritz Rinke wollte dichter ran an die Nationalmannschaft. Deshalb hatte er sich im Mannschaftsquartier Schlosshotel Grunewald als Poolwächter beworben. Wie es dort zugeht, hat er sich schon gedacht.

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Grosso, als Grosso einschoss, wusste ich, dass es ein schwerer Gang werden würde. Gestern bestieg ich das letzte Mal meinen Schwimmmeister-Stuhl im Schlosshotel-Grunewald. Ich sah über meinen Pool, still war das Wasser, in der Ferne in einer Laube alle Spieler zur endgültig letzten Besprechung.

Jesses Maria, nur noch 90 Sekunden! Wo war denn nur der Fußballgott? Warum denn ausgerechnet die Italiener?! „Lieber Fußballgott“, rief ich durch den Grunewalder Spa-Bereich, „warum kommen denn bloß die Italiener ins Finale, die müssen doch alle ins Gefängnis? Manipulieren zu Hause in Turin und in Mailand an deiner Schöpfung herum, und du lässt in der 119. Minute Grosso einschießen?? Bist du etwa Juve- oder Milan-Fan?? Sie haben deine Macht des Schicksals auf der höchsten Ebene der Serie A beleidigt, und du gibst uns Grosso aus Palermo?! Na, hör mal, diese gegelten Heulsusen-Mafiosis, fallen ständig hin, kriegen Elfer in der 96. Minute (Totti!), sperren Frings durch’s Mailänder Pay-TV (Unglaublich!!!), und du kommst mit Grosso um die Ecke! Pino, mein italienischer Wirt, weißt du, was ich dem vor’m Spiel gesagt habe? Pizza endstazione! Pasta la Basta! Ciao Pino. Und rate mal, was mir Pino am Tag danach an den Kopf geknallt hat? Bonjourno Moritz, möchtest du heute Kartoffeln? Frechheit!! Nur wegen deinem blöden Grosso! Haben wir dir nicht einen deutschen Papst geschickt?! So, jetzt schick ich dir Zizou, der wird dir und Pino zeigen, wo der Hammer hängt!“

Wo lauter Erregung und aufbrausendem Atheismus wackelte mein Schwimmmeister-Stuhl, und es vibrierte die deutsche Fahne und auch die von Ghana, die ich ja für meinen Freund Asamoah angebracht hatte.

Freunde von mir behaupten, ich hätte mich überhaupt sehr gewandelt in den letzten WM-Wochen, zum Positiven hin! Nicht mehr dieser durch 68er-Eltern geimpfte nationale Bedenkenträger, der selbst noch beim geilen Neuville-Tor deutschen Jubel und deutsche Historie irgendwie im Lot halten wollte und der seine erste deutsche Fahne auch nur heimlich beim türkischen Gemüsehändler kaufte und in einer Tüte nach Hause trug. Nein, man hätte mich mal jetzt im Dortmunder Stadion sehen sollen! 118 Minuten stehend! Arm in Arm mit sächsischen Oberprolls, da hätte das Feuilleton aber gestaunt, nur in der 119. Minute, da wollte ich dann mal ganz alleine sein.

Natürlich hat auch meine Tätigkeit am deutschen Pool zur Wandlung beigetragen. Klinsmann hat ja allen im Umfeld der Mannschaft das Gefühl vermittelt, die Sache mitzutragen, auch Verantwortung für das Ganze zu haben. Die Ergänzungsspieler hielten flammende Reden; Kahn, der einstige Titan, wurde zum guten Geist vom Grunewald; Asamoah legte vor jedem Spiel super Rhythmen auf – und ich, ich legte die deutschen Badehandtücher zusammen. So fühlte auch ich mich als ein Baustein des Ganzen.

Ich habe hier immer in allen Novellen ein Detail unterschlagen, weil ich damit nicht angeben wollte, vielleicht aber auch, um das ganz große Geheimnis von Klinsmann zu wahren bis zum Schluss. Jeden Morgen nämlich, wenn ich meinen Dienst am Pool antrat, schwamm Klinsmann schon, das ist natürlich noch nicht das Geheimnis, sondern jetzt kommt’s. Er sprang dann locker aus dem Wasser, ich reichte ihm sofort eines meiner Badehandtücher, und Klinsmann sagte jeden Morgen: „Danke. Das machst du sehr gut!“

Jürgen Klinsmann hat das Lob wieder in dieses Land gebracht. Jahrzehnte lang haben wir uns nicht mehr richtig gelobt, haben auf die vermeintlich kleineren Jobs heruntergesehen oder uns für das vermeintlich Kleine als zu bedeutend empfunden und haben uns dabei nur um uns selbst gedreht. So wurden wir zu einem egoistischen, bewegungslosen und in der Gesamtheit kraftlosen, reformlosen und mutlosen Land.

Als ich Klinsmann zum siebten Mal das Badehandtuch reichte und er zum siebten Mal sagte „Das machst du sehr gut!“, da ging ein Ruck durch mich. Ja, ein Ruck durch mich, durch’s Badehandtuch und dann durch’s ganze Land!

Lob der kleineren Dinge

Natürlich habe ich noch beim fünften oder sechsten „Das machst du sehr gut!“ gedacht, mein Gott, Klinsi, ich reich dir doch nur ein Handtuch, jetzt wird’s ja bisschen stereotyp, aber nun, nein, nix stereotyp! Das Badehandtuch ist in einer langen Kette der Dinge ebenso Bestandteil eines neuen Deutschlands. Es wurde am frühen Morgen wichtiger Regenerationstage überreicht, und es war garantiert das erste Lob, das Klinsmann täglich aussprach, es sei denn, er lobt auch sein Bett oder den Wecker. Auf jeden Fall war es morgens immer eines der allerersten Lobe in einer Reihe vieler Lobe im Laufe des Tages. Man könnte auch sagen, dass ich Klinsmanns Aufwärmprogramm war fürs Loben und für sein Prinzip. Und nun haben wir es hoffentlich alle verstanden.

Die Hervorbringung einer neuen Gesellschaft liegt im Loben, auch der kleineren Dinge, darin liegt die Kraft, und darin liegt der Weg, Neid und Missgunst in diesem Land zu besiegen.

Lieber Fußballgott, ich lobe jetzt das Tor von Grosso und esse auch wieder Pinos Pizza und Pasta. Ihr hattet das Glück der Tüchtigen, con gratulazioni, complementi, wir hatten diesmal weniger Glück als die letzten Male, aber dafür waren wir noch nie so gut, so jung, so sympathisch und so schwungvoll. Achtet auch ihr darauf, dass ihr es uns irgendwann in Italien nachahmt, eure Defensivkunst ist langsam nicht mehr auszuhalten, und dieses ständige Hinfallen, Weinen und vor dem zugesprochen Elfer dann Herumfrisiere der Haare und Zurechtrücken der Gabbana-Unterhose geht mir auf den Zeiger.

Zum Schluss möchte ich jedoch sagen, es war eine wunderbare Zeit! Unvergesslich die 23 Spielerfrauen in meinem Pool, während ich die CD „Fußball ist unser Leben“ auflegte, den Song „Dann macht es bumm“ von Gerd Müller spielte und danach dann 23 Badehandtücher überreichte! Unvergesslich auch, wie Kahn den Lehmann umarmte! Überhaupt es war die WM der altweise Gewordenen wie Kahn oder „Zizou“ Zidane oder teilweise auch Figo. Dank an Gerhard Schröder für die WM, auch für das Ticket in Dortmund! Dank an Franz Beckenbauer und Markus Hesselmann vom „Tagesspiegel“ und „11 Freunde täglich“, der Fifa danke ich nicht, das können ja die Italiener machen.

Zum Schluss meine absolute Lieblingsszene der WM. Beim Halbfinale in Dortmund winkt Lehmann einen kleinen, höchstens 10-jährigen Balljungen herbei, flüstert ihm etwas zu. Dann rennt der Junge mit den goldblonden Haaren um das Spielfeld herum zu Klinsmann, tippt ihm vorsichtig auf den Arm und flüstert wiederum ihm etwas zu, Klinsmann ganz zu dem kleinen Jungen heruntergebeugt. Klinsmann greift nun in seine Hosentasche, gibt dem Jungen ein Kaugummi, der Junge rennt wieder mit fliegendem Goldhaar zu Lehmann und gibt ihm das Kaugummi, er packt es ihm sogar aus, weil Lehmann ja Handschuhe anhat.

Ich sage dies ganz pathetisch ohne ironische Brechung: In dieser Szene steckt die Zukunft unseres Landes.

Auf Wiedersehen am deutschen Pool in Südafrika!

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