Zeitung Heute : Porta

Cremeoffensive

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

PORTA, Wilhelmstr. 87, Mitte, Tel. 20 62 39 26, geöffnet täglich ab 11.30 Uhr, sonntags ab 16 Uhr. Foto: Mike Wolff

Eine bessere Lage kann man sich eigentlich kaum vorstellen. Das „Porta“ liegt, wie der Name schon nahe legt, etwa fünf Fußminuten vom Brandenburger Tor und vielen weiteren Sehens- und Politikwürdigkeiten entfernt. Außerdem ist es vor einiger Zeit renoviert worden. Seitdem strahlen die Wände in dezenten Farben, schimmern Spots von der Decke, zum Beispiel auf eine Palme, die sich freundlich über einen Zweiertisch neigt. Mit den schweren, sanftweißen Tischtüchern, gleichfarbenen Servietten, dunkelroten Rosen eignet sich das Lokal auch für romantische Dates. Und sogar einen Flügel gibt es. Auf dem spielte der Pianist gegen Ende unseres Abends zuerst „Auferstanden aus Ruinen“ und dann „Geh aus mein Herz und suche Freud“, was man nach nur einer Flasche Rotwein nicht wirklich für eine Halluzination halten kann. Die Bandbreite passt jedenfalls gut zur Gegend, und Live-Musik beim Italiener ist eh so selten, da muss man ja nicht immer gleich die Capri-Fischer einklagen.

Wenn es also lustig ist, wieso ist es dann nicht auch voll? Die Antwort ist ganz einfach. Bei aller Qualität machen sie hier ein paar Fehler, die sich leicht beheben ließen, wenn man das mit dem Renovieren nicht bei den Wänden beließe, sondern auch auf die Speisekarte ausdehnte. Ein Fehler würde durch höhere Frequentierung sicher automatisch behoben: Wo der Prosecco aus rasch sich leerenden Flaschen sprudelt, schmeckt er nicht abgestanden. Bevor man ihn in solchem Zustand an die Gäste ausschenkt, sollte der Patron lieber selber zur Flasche greifen (4,50 Euro).

Das Problem, das Politiker, Botschafter und Manager haben, die zur potenziellen Klientel dieses Lokals gehören, ist die Häufigkeit des Essengehens bei gleichzeitiger Notwendigkeit, eine gute Figur zu halten. Immer mehr Köche in der Stadt tüfteln ja auch an möglichst fettarmen Rezepten. Um anders nicht erreichbare Geschmackserlebnisse zu ermöglichen, müssen Gerichte manchmal mit Butter oder Sahne aufgepeppt werden. Wenigstens bemühen sich die Patrons dann auf der Speisekarte um sprachliche Kalorienreduktion. Im Porta geschieht das Gegenteil. Die Entenstopfleber wird „in Butter gebraten“ auf Feldsalat angeboten, die Rinderfiletstreifen auf „Mascarponecreme“, und auch die Tagliatelle al Salmone konnten sich gegen die Mitgift einer „Cremesauce“ offenbar nicht wehren.

Wir begannen mit einer noch dampfenden fruchtigen und glücklicherweise nur in verantwortbaren Maßen cremigen hellroten „Crema di Pomodoro“ mit Gin (5,50 Euro). Sehr schön eigentlich. Das galt auch für den Salat aus jungen Spinatblättern mit „in Butterbalsamico“ gebratenen Kräuterseitlingen. Die saftigen Spinatblätter sensationell gut, die vielen Speckstreifen, die sich zwischen den ansonsten herrlichen Pilzen verstecken, kann man ja beiseite schieben. Noch besser wäre es, der Koch hätte sie schon reduziert (7,50 Euro). Dazu gibt es frisches Baguette.

Anschließend, gewissermaßen als Brücke zwischen Vorgericht und Hauptgang, werden mit Käse überbackene Tomatencrostini und Pizzabrotviertel gereicht. Da steht der Rotwein aus dem Piemont schon auf dem Tisch. Ein Dolcetta mit einer betont fruchtig frühlingsstimmigen Geschmacksaura und ungefähr die preiswerteste Flasche auf der eher kleinen und erst auf ausdrückliche Aufforderung hin vorgezeigten Weinkarte (32,50 Euro). Der zweite Wein in dieser milden Preiskategorie war schon ausgetrunken.

Die Kalbsmedaillons waren vorzüglich zart und fühlten sich wohl in der Begleitung schön schrumpeliger Spitzmorcheln, weshalb sie ihre Cognac-Cremesauce mit Fassung trugen. Die schmeckte ja auch richtig gut, man hätte sie als schlichte Cognacsauce vielleicht noch etwas unbeschwerter genossen. Dazu gab es einen großzügigen Gemüseteller, unter anderem mit Rosmarinkartoffeln und vielen Karotten (22,50 Euro). Und dann endlich der gegrillte Tintenfisch. Zwar war er ohne Vorwarnung in Knoblauch mariniert worden, aber ansonsten lag er in seiner vollen puristischen Schönheit bar aller Fettverzierungen auf pittoresken grünen Blättern. Und einen bunt gemischten Salat gab es noch extra dazu. Geht also doch. Von hier aus kann man weiterarbeiten (17,50 Euro).

Nach der psychologischen Cremeoffensive trauten wir uns nur noch an eine Portion vom Semifreddo al Espresso heran. Wir bekamen ein gerecht in zwei Hälften geteiltes Törtchen mit Halbgefrorenem, jeweils mit großzügigen Mengen Kiwi- und Erdbeerstreifen dekoriert und sehr schön cremig wohlschmeckend (6,50 Euro). Der Service war übrigens besonders nett und patent. Aus solch guten Voraussetzungen ließe sich sicher noch sehr viel machen. Nur der Pianist, der mittlerweile bei „Lobet den Herrn“ angelangt ist, wie er ungefragt erklärt, muss bleiben. Die heftige Mischung aus realsozialistischen und frommen Hymnen hat schon einen speziellen Effekt. Verglichen damit wirken die Oden an die Cremigkeit wie reine Leichtgewichte.

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