Zeitung Heute : Porto: Laptop und Belle Epoque

Bernd Meier

Am Ufer des Douroflusses auf Hügeln erbaut, liegt die jahrhundertealte Hafen- und Handelsstadt Porto auch heute noch im Schatten von Lissabon. Der Titel "Europas Kulturstadt 2001", den Porto gemeinsam mit dem niederländischen Rotterdam trägt, soll dem in diesem Jahr ein wenig abhelfen. Zu Dutzenden herausragenden Ausstellungen, Konzerten, Festen und Veranstaltungen erwartet Porto Gäste aus ganz Europa.

Größer können Kontraste kaum sein: Im Jugendstilcafé "Majestic" in der Rua de Santa Catarina schlürfen betuchte Damen und Herren ihren Cimbalino, einen kleinen Kaffee, und laben sich an Gebäck. Dazwischen, in der originalen Belle-Epoque-Kulisse des Jahres 1921, hat die neue Business-Generation bereits Platz genommen. Scheinbar ungestört vom Stimmengewirr arbeiten einige Jungmanager an Laptops ihre Termine ab und treffen per Handy Verabredungen.

Die Szene ist bezeichnend für den Aufbruch Portos in die Zukunft. Mögen die windschiefen, baufälligen Hausfassaden der Altstadt trotz Sanierung noch so deutlich die Armut der Bewohner widerspiegeln - das neue Porto ist lebendig, laut und lebensfroh. Bereits auf der Fahrt vom Flughafen Francisco Sa Carneiro in das 30 Autominuten entfernte Zentrum zeugen neue Industrieparks links und rechts der Autobahn von der Wirtschaftskraft der Region mit 1,2 Millionen Einwohnern. "In Lissabon wird gelebt, aber bei uns wird gearbeitet", wird von Einheimischen häufig der Unterschied zur 300 Kilometer entfernten Hauptstadt definiert. Porto, abgeleitet vom lateinischen "portus cale" (ruhiger Hafen), gelangte im 18. Jahrhundert durch den Handel mit Portwein zu weltweitem Ansehen. Heute können Besucher die frühere Bedeutung Portos am besten erfahren bei einer Besichtigung der ehemaligen Börse in der Altstadt. Ebenso elegant wie trutzig erhebt sich der Palacio de Bolsa hinter dem Denkmal Heinrich des Seefahrers, der 1394 in der Altstadt geboren worden sein soll. Verschwenderisch und prächtig sind die Säle des Palastes ausgestattet, mit dessen Bau Portos Kaufleute in der Mitte des 19. Jahrhunderts Macht und Reichtum demonstrieren wollten. Heute ist das riesige Gebäude Sitz der Industrie- und Handelskammer und Schauplatz von Ausstellungen, Konferenzen und Konzerten.

Besonders prächtig ist der "Salao Arabe", der Saal der Araber, mit dem Portos Kaufleute an den Glanz der Alhambra von Granada anknüpfen wollten. Künstler waren von 1862 an mehr als 18 Jahre allein mit der Ausstattung dieses Saales beschäftigt. Seine eigentliche Bestimmung hat der Palacio de Bolsa inzwischen verloren: 1992 wurde der Aktienhandel von Porto nach Lissabon verlegt.

Doppelbrücke über den Douro

Gegenüber von Portos Zentrum, in der Nachbarstadt Vila Nova de Gaia am linken Douro-Ufer, zählt der Besuch einer der Portweinkellereien (wochentags Führungen mit Weinprobe) zum Pflichtprogramm der Touristen. Auf dem Weg dorthin kommt man über Portos berühmte Doppelbrücke Ponte de Dom Luis I., eine 68 Meter hohe filigrane Eisenkonstruktion, die 1886 von einem Schüler Gustave Eiffels errichtet wurde. Am Ende der Brücke lohnt zur linken Seite der Aufstieg zur Terrasse der Klosterkirche Nossa Senhora do Pilar: Von hier aus eröffnet sich ein Panoramablick auf Porto mit der romanisch-barocken Kathedrale Se, dem benachbarten Bischofspalast, der gotischen Franziskanerkirche aus dem 14. Jahrhundert und dem schlanken Glockenturm der Clerigoskirche. Mit fast 76 Meter Höhe diente das Wahrzeichen Portos einst den Seefahrern zur Orientierung.

Portwein in jedem Keller

Am Ufer des träge dahin strömenden Douro haben sich an die 70 Portweinkellereien und Handelshäuser angesiedelt. Hinter den Mauern der kühlen Lagerhallen reifen Millionen Liter Portwein. Bis 1963 wurden die begehrten Tropfen aus dem 100 Kilometer entfernten Anbaugebiet am oberen Douro Fass für Fass mit kleinen, flachen Booten über den Douro herangeschifft. Heute fahren Tanklastzüge. Die letzten Frachtsegelschiffe ("Barcos Rebelos") ankern werbewirksam am Kai vor den Kellereien und geben ein reizvolles Fotomotiv ab.

Das Kulturstadt-Jahr ist nicht die erste Auszeichnung für Porto. 1997 wurde die pittoreske Ribeira-Altstadt von der Unesco zum erhaltenswerten Weltkulturerbe erklärt. Früher ein marodes Viertel, haben die Portoenser mit Blick auf das Kulturjahr 2001 die meisten Häuser behutsam saniert und renoviert. Heute pulsiert in den engen Gassen der Ribeira das Nachtleben.

An die Unesco-Auszeichnung knüpft Porto nun als Kulturhauptstadt Europas an. Während der kommenden Monate stehen bereits jetzt mehr als 60 Theater-, Tanz- und Musikaufführungen, Ausstellungen und Straßenfeste auf dem Programm. Dabei will die Stadt symbolisch auf zweierlei Weisen Brücken bauen - in die eigene erhoffte High-Tech-Zukunft sowie in die zweite europäische Kulturhauptstadt des Jahres, ins niederländische Rotterdam.

In Porto geht es jedoch nicht nur um die Ansammlung kultureller Termine wie mehrerer Uraufführungen zeitgenössischer Musikwerke und Opern. Ebenso wichtig ist den Organisatoren die Einbeziehung der Bürger. So heißt eines der Projekte "Escolas online" (Schulen ans Netz), bei dem junge Portoenser mit der modernen Kommunikation vertraut gemacht werden sollen.

"Porto 2001" ist ein Fest für Besucher und Bürger: In Kirchen, auf Straßen, Plätzen und in den Parks wird es Musikdarbietungen geben. Straßentheater von Portoenser Schulen, Vereinen und Gruppen wird die historischen Plätze der Stadt mit Leben erfüllen. Einer der Höhepunkte während des Kulturjahres wird das traditionelle Fest San Jao sein. Bereits Tage vor der Johannisnacht am 23. Juni putzt sich die Stadt mit Girlanden und farbigen Lampions heraus.

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