Porträt : Wer ist Sarah Palin?

Die Gouverneurin ist schön und erzkonservativ. Sie geht in Alaska auf die Jagd, hat fünf Kinder und könnte McCains Tochter sein. Mit ihr will er jetzt Amerikas Frauen gewinnen.

Christoph von Marschall[Washington]
Sarah Palin
Sarah Palin. -Foto: dpa

DIE REPUBLIKANERIN SARAH PALIN IST JOHN MCCAINS KANDIDATIN FÜR DAS AMT DES VIZEPRÄSIDENTEN. WAS HAT SIE BISHER GEPRÄGT?

Sie kommt als das erdverbundene Mädchen vom Land daher, das sich in der Männerwelt durchgesetzt hat. Ihre Familie hat englische, irische und deutsche Vorfahren. Geboren wurde sie als Sarah Louise Heath in Idaho, einem stramm konservativen Staat im Nordwesten der USA, der für seine Kartoffeln berühmt ist. In ihrer Kindheit zogen die Eltern nach Alaska um, nach Wasilla, eine Gemeinde von etwa 7000 Einwohnern 70 Kilometer nördlich von Anchorage, der größten Stadt des rohstoffreichen Bundesstaates im hohen Norden zwischen Kanada und Russland.

Für die Bürger der „Lower 48“ – die Bundesstaaten in Amerikas Kernland ohne Hawaii und Alaska – war Palin bis zu ihrer Nominierung als Vizepräsidentschaftskandidatin am Freitag eine unbekannte Größe. Bei der Erzählung ihrer Lebensgeschichte stützen sich die großen TV-Sender und Zeitungen der „Lower 48“ auf die Archivbestände der Regionalmedien in Alaska, auf das Hörensagen von Palins Freunden und alles, was Republikaner und Demokraten an Information oder Desinformation in die Debatte einbringen. Ihre Biografie auf der Internetseite Wikipedia wird seit Freitag fast stündlich um Details ergänzt.

Den größten Einfluss hat bisher der Blick durch die regionale Brille, verbunden mit den landläufigen Vorstellungen im Kernland der USA über Alaska als letzte große Wildnis und Inbegriff des amerikanischen Traums von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten. Von der Fläche ist Alaska viermal so groß wie das vereinte Deutschland, hat aber nur 683 000 Einwohner. Kurze, kühle Sommer, lange, schneereiche und bitterkalte Winter gehören ebenso zum Bild wie der Reichtum an Grizzlybären, Robben und Walen.

Diesen Erzählungen nach wächst Sarah als Naturkind auf. Mit dem Vater, einem Volksschullehrer, steht sie mitunter um drei Uhr morgens auf, um Moose zu jagen, eine etwas größere Elchart. Er bringt ihr das Schießen und Fischen bei. Zum Familienleben gehören auch Marathonläufe durch die freie Natur. Den Grizzly, dessen Fell ihr Amtszimmer schmückt, hat ihr Vater geschossen.

In der Schule ist sie ein Musterbeispiel für Amerikas Ideal von „Competitiveness“ (Konkurrenzfähigkeit), Dienst an der Gemeinschaft und Sportsinn. Als Kapitän des Basketballteams wird sie „Sarah Barracuda“ genannt wegen ihres energischen Stils und erzielt trotz Verletzung 1982 per Freiwurf in letzter Sekunde den Punkt, der die Alaska-Meisterschaft bringt. Sie leitet den Verband christlicher Athleten an der Schule. Mit 20 wird sie 1984 Schönheitskönigin von Wasilla und Vize-Schönheitskönigin von Alaska, was ihr ein Stipendium fürs College einbringt. Doch trotz der jetzt hereinbrechenden Informationsflut gibt es noch Lücken in dieser Biografie. Zum Beispiel, was Palin zwischen Highschool und dem Studium des Journalismus und der Politikwissenschaft an der Universität von Idaho getan hat. Auch für die Jahre nach der Uni, bevor sie 1992 ihr erstes politisches Amt antritt, weiß man bisher nicht viel mehr, als dass sie „kurz als Sportreporterin eines lokalen TV-Senders in Anchorage“ gearbeitet hat.

Im August 1988 jedenfalls heiratet sie Todd Palin, ihren „Boyfriend“ aus der Schule. Im Sommer ist er Berufsfischer, sonst arbeitet er für den Ölkonzern BP. Zu einem Achtel ist er Eskimo vom Stamm der Yukip. Auch sie habe sich „von meiner Hände Arbeit ernährt“ und ihrem Mann beim Fischen geholfen, sagt sie über den Beginn ihrer Ehe. Er fährt Schneemobilrennen und hat „Iron Dog“, die motorisierte Version des legendären Schlittenhunderennens 3200 Kilometer quer durch Alaska gewonnen.

FÜR WELCHE POLITIK UND ÜBERZEUGUNGEN STEHT SARAH PALIN?

Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Vizepräsidentschaftskandidatin warb Palin um die 18 Millionen Wähler, die für Hillary Clinton in den Vorwahlen stimmten, um sie als erste Frau im Weißen Haus zu sehen. Doch im kulturellen Wertesystem der USA steht sie rechts von John McCain. Sie gehört zum mächtigen Verband der Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Sie ist „pro life“, also eine strikte Abtreibungsgegnerin. Die religiöse Rechte jubelte, dass Palin ihren jüngsten Sohn austrug, obwohl sie früh in der Schwangerschaft wusste, dass er körperlich und geistig behindert sein würde. Sie wirbt mit weiteren republikanischen Kerntugenden: Budgetdisziplin, Steuerreduzierung, kleine Regierung, Kampf gegen Korruption und Lobbyismus – wobei die Republikaner auf den letzten beiden Gebieten jüngst mehr Skandale ausgelöst haben als die Demokraten.

1992 wurde sie in den Gemeinderat von Wasilla gewählt. 1996 trat sie gegen den Bürgermeister an, warf ihm Verschwendung öffentlicher Gelder und lokale Steuertreiberei vor, versprach, als erste Amtshandlung das Bürgermeistergehalt zu reduzieren – und gewann. Sie feuerte den Polizeichef, der ihren Rivalen unterstützt hatte, senkte die Grundsteuern und wurde 1999 klar wiedergewählt. Mit einer Erbschaft hat Wasilla jedoch heute zu kämpfen: Palin ließ eine 15 Millionen Dollar teure Eishalle bauen, obwohl das Eigentum am Grundstück umstritten war. Das kann die Gemeinde 1,7 Millionen Dollar kosten.

Gouverneurin wurde sie 2006, indem sie ihre eigenen Parteifreunde zu Fall brachte. 2002 verlor sie noch die Wahl zur Vizegouverneurin. Sie hatte in dem Jahr US-Senatorin werden wollen, als Frank Murkowski den Sitz aufgab, um als Gouverneur von Alaska zu kandidieren. Doch Murkowski ernannte seine Tochter Lisa zur Nachfolgerin im Senat und speiste Palin mit einem Sitz in der Landeskommission für Erdöl, Gas und Umweltschutz ab. Nach einem guten Jahr trat sie zurück: aus Empörung über den „Mangel an Ethik“ und die Verquickungen mit den Erdölkonzernen, wie sie sagt. Doch nutzte sie die gesammelten Informationen für ihre Karriere. Gegen namhafte Republikaner wurden Strafverfahren eingeleitet wegen Vorteilsnahme, darunter Murkowski. Die Gouverneurswahl 2006 gewann Palin. Murkowski wurde Dritter.

WIE ERGÄNZT SICH PALIN MIT MCCAIN?

Die erste weibliche „running mate“ der Republikaner ist eine Vielzweckwaffe an der Seite des 72-jährigen Spitzenkandidaten. Sie neutralisiert einen wichtigen Trumpf Obamas, das Versprechen des Generationenwechsels. Die Hillary-Fans in den liberalen Großstädten und Bundesstaaten an den Küsten wird sie wegen ihres konservativen Frauenbildes nicht erreichen, wohl aber jene in den zur rechten Mitte tendierenden „Swing States“ – die wahlentscheidend sein können. Sie bindet auch die religiöse Rechte, die Probleme mit McCain haben, weil er kein absoluter Abtreibungsgegner ist und evangelikale Pastoren einst „Agenten der Intoleranz“ nannte.

WIE WIRKT SICH PALINS ERNENNUNG AUF DAS KOPF-AN-KOPF-RENNEN MIT DEM DUO BARACK OBAMA / JOE BIDEN AUS?

Sofort nach Palins Nominierung begann der Kampf um die politische Interpretation zwischen Demokraten und Republikanern. Im Kern stehen zwei Fragen. Erstens, Regierungserfahrung: Obama, sein Vize Joe Biden und McCain sind Senatoren und haben nie ein Regierungsamt ausgeübt. Palin habe „executive experience“, betonen die Republikaner. Man kann darüber diskutieren, welchen Wert ein paar Jahre Bürgermeisteramt in einer Kleinstadt mit einigen tausend Einwohnern und knapp zwei Jahre an der Spitze eines politisch unbedeutenden Staates wie Alaska haben – gemessen an den Anforderungen an den Vizepräsidenten des mächtigsten Landes der Erde. Unbestreitbar verfängt das Argument aber.

Senatoren und Abgeordnete gelten in den USA als Schwätzer, seit Jahrzehnten ist keiner von ihnen Präsident geworden. Gouverneure gelten als Macher. Bush Junior, Bill Clinton, Ronald Reagan, Jimmy Carter waren zuvor Gouverneure – und Bush Senior, Gerald Ford sowie Richard Nixon waren zuvor Vizepräsidenten.

Mit mehr Erfolg debattieren Demokraten, zweitens, diese Frage: Der Vizepräsident sei „nur einen Herzschlag vom Oval Office entfernt“. Wenn einem Präsidenten McCain etwas zustoße, wäre Palin fähig, das Amt zu übernehmen? Eignet sie sich als Oberbefehlshaberin der mächtigsten Militärmacht? McCain habe Hautkrebs und leide unter den Folgen der Folter in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Er behaupte, das Wohl der USA habe für ihn Priorität. Hier aber habe er Wahlkampfinteressen den Vorzug gegeben. Auf diese harte Attacke haben die Republikaner noch keine überzeugende Antwort gefunden.

Am 2. Oktober steht die TV-Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten an. Zwar ist der erfahrene Joe Biden Sarah Palin an weltpolitischer Kompetenz überlegen. Und doch kann er verlieren, wenn der Eindruck entsteht, er behandele die junge Frau arrogant. Schon Hillary Clinton hat diesen Sympathieeffekt in den Debatten gegen ihre männliche Konkurrenz genutzt. Sarah Palin ist eine Sympathieträgerin und setzte das erfolgreich in Alaska ein. Sie gebe, sagen ihre Rivalen um den Gouverneursposten, den Zuschauern einfach das Gefühl: „Die mag ich.“

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