Zeitung Heute : Portrait in Oliv

Die einen schrubbten Klos zur Strafe – die anderen sitzen nach. NVA contra Bundeswehr: ein ganz persönlicher Systemvergleich

David Ensikat

„Vier Feinde habe ich erschossen“, sage ich und weiß nicht, ob das viel ist oder wenig. Der freundliche Bundeswehrhauptmann Matz lächelt sanft. „Kampfunfähig haben Sie die gemacht. Nur kampfunfähig.“ Feinde würde er wahrscheinlich auch nicht sagen. Bundeswehr und Feinde – das passt nicht zusammen.

Bei der NVA hatten wir noch Feinde, die Bundeswehr zum Beispiel. Und geschossen haben wir auf Soldaten aus Pappe. Die Bundeswehr schießt auf Soldaten aus Computerpixeln. Und sie lässt Zivilisten wie mich, einen Ex-Feind, an ihre Waffen.

Bei der Nationalen Volksarmee war es überhaupt ganz anders. Es gibt sie lange nicht mehr, dafür seit kurzem einen Kinofilm, der heißt „NVA“ und zeigt, wie es da zuging. Das aber weiß ich selbst, ich war 18 Monate lang dabei, von 1987 bis 1989. Wie geht es heute bei der Bundeswehr zu? Wie geht es den Rekruten da? Langweilen sie sich auch so sehr? Ist ihnen das Soldatenleben ebenso zuwider wie den DDR- Rekruten damals? Sind die Offiziere ebensolche Witzfiguren, wie unsere es waren? Und auf welchen Krieg bereiten sie sich eigentlich vor?

Die Bundeswehr hat mich herzlich eingeladen. „Kommen Sie. Schauen Sie sich alles an!“, hat sehr erfreut mein erster Presseoffizier ins Telefon gerufen. Sie haben sehr viele davon bei der Bundeswehr, alle superfreundlich. Mein zweiter Presseoffizier hat mich gefragt, was ich mir so ansehen wolle, aha, eine Luftabwehreinheit – „Da finden wir was Schönes für Sie, ja?“

Ich war selbst bei der Luftabwehr, die hatte damals viele Filialen in der DDR, denn hier würden die Nato-Aggressoren auf ihrem Weg nach Osten zuerst drüberfliegen, so viel war sicher. Eine direkte Grenze zu einem Aggressor gibt es nicht mehr, daher ist die deutsche Luftabwehr 16 Jahre später deutlich schlechter aufgestellt. Die Berlin nächste Luftraketeneinheit befindet sich bei Rostock, sie heißt „Flugabwehrraketengruppe 21“, kurz „FlaRakGrp 21“.

Am Tor steht ein schmaler Wehrpflichtiger mit Brille und sehr sauberer Tarnuniform. Er öffnet die Schranke, strafft sich und hebt langsam die flache Hand zur Schläfe. Was tut man da? Winken? Wie George W. Bush zurücksalutieren? Ich versuche, zu lächeln und lässig zu nicken, aber eigentlich ist das egal, weil der Soldat angestrengt in die Ferne starrt.

Aus der Wachbaracke tritt ein Zivilist mit blauer Latzhose und säubert einen Lüftungsrost mit dem Handfeger. Das staubt sehr. Solche Drecksarbeiten mussten früher, bei der NVA, immer die jüngsten Soldaten machen, gern mit Gasmaske, damit sie schneller ins Schwitzen kamen. Die Dienstälteren sahen das mit Genugtuung, weil sie auch mal jüngere Soldaten gewesen waren. Bei meinem ersten Küchendienst ließen sie mich stundenlang mit Essig und Ata die Ofenröhren schrubben. Mit Gasmaske natürlich. Jetzt sind für die schwierigeren Reinigungsangelegenheiten Zivilangestellte zuständig, Leute aus der Umgebung, die dankbar sind, bei der Bundeswehr beschäftigt zu werden. „Wir sind hier ein Standortfaktor. Gar nicht mehr wegzudenken“, sagt ein Offizier. Hinter der Wachbaracke mäht ein Blauhosenmann den Rasen, sonst ist Ruhe.

„Unser Play ist folgendes“, sagt der mir zugeteilte Informationsmeister Oberfeldwebel Schwemin und meint damit den Tagesablauf: „Wir unterhalten uns zuerst mit zwei Offizieren, dann fahren wir raus zur ,Faust’, äh, Friedensausbildungsstellung, dort haben wir einen Gefreiten für Sie.“ Neben der Pressebetreuung fällt in den Zuständigkeitsbereich des Informationsmeisters: Internet, Verleih von Videospielkonsolen und Rollerblades, Konzerttickets, Kanufreizeit. In meiner Volksarmee-Kaserne war die depressive Frau des Politoffiziers, den alle Pissi nannten, für die Freizeit zuständig. Sie leitete die winzige Bibliothek, in die niemand ging, weil es da nur Bücher vom Armee-Verlag gab, sowie die Foto-AG. Da war ich mal und habe erfahren, dass das Fotografieren auf dem Armeegelände wegen der Geheimhaltung absolut verboten ist.

Der Informationsmeister stellt mir einen Hauptmann vor, der ein „Patriot“-Raketensystem mit Soldaten, Startrampe, Radar und allem Drum und Dran befehligt. Der ist jung, ultraflexibel, zieht mit Frau und Kind alle paar Jahre um, und er ist genauso begeistert von der Luftwaffe wie überhaupt alle hier. Die Technik, die Männer – „das läuft hier alles so was von rund“, sagt er. Meine Offiziere damals machten einen traurigeren Eindruck, so einen abgestellten. Viele soffen. Möglicherweise war ihr Klassenbewusstsein ausgereifter, aber zufriedener und überzeugter sind eindeutig die Nato-Leute. Vielleicht liegt das daran, dass sie nicht mehr eine ganze Himmelsrichtung zum Feind haben.

Mit dem Bundeswehr-Jeep fahren wir zur „Faust“, zur Friedensausbildungsstellung. Prima Abkürzungen haben sie, bei manchen wissen sie gar nicht mehr, was die vollständig heißen; „Patriot“ zum Beispiel ist so eine, klingt gut, niemand kennt die Bedeutung. In der „Faust“ steht die Kriegstechnik – früher die Russenraketen, heute die amerikanischen. Bewacht wird die „Faust“ von zivilen Wachleuten. Die Bundeswehr kann sich’s gar nicht leisten, sich selbst zu bewachen, so viele Soldaten haben sie lange nicht mehr.

Gerade ist ein Grüpplein von zwei Unteroffizieren und zwei Wehrpflichtsoldaten dabei, das Aufstellen eines Rampenautos zu trainieren. Was die da tun, erinnert sehr an unser Kriegshandwerk damals; das war ähnlich langweilig. Sie kurbeln an Kurbeln und drücken Knöpfe, manchmal laufen sie auch hin und her und schwitzen dann unterm Stahlhelm. Meistens warten sie auf Befehle.

Die anspruchsvolleren Sachen, die, die etwas mit Technik, Raketen und Radar zu tun haben, werden von Berufs- und Zeitsoldaten gemacht. Ich, als Soldat mit 18 Monaten Wehrpflicht, musste damals am Radar den Himmel nach feindlichem Blech absuchen – und weil gerade ein junger Mann namens Matthias Rust mit einem Kleinflugzeug von Westdeutschland unbehelligt bis zum Roten Platz in Moskau geflogen war, mussten wir besonders auf kleine Tiefflieger achten. So etwas macht schon lange kein Wehrpflichtiger mehr. Die Russentechnik war deutlich einfacher und schneller zu erlernen. Dass sie für einen Krieg taugte, glaubte niemand von uns. Die Bundeswehr-Leute sind total überzeugt von ihren Raketen. Und die Soldaten sagen allen Ernstes, dass ihnen die Kurbelei hier Spaß mache. „Da ist man draußen und bewegt sich“, sagen sie.

Mich haben sie damals beneidet, weil ich eine Stiefel- und Marschbefreiung wegen eines simulierten Fußleidens hatte. Da musste ich nicht so oft hinaus. „Draußen“, das hieß bei der NVA, sinnlos durch Kiefernwälder marschieren, hin und wieder robben, und wenn es hieß: „Gas!“, den törichten Gummianzug überziehen, was man niemals in der Normzeit schaffte. Dann hieß es: „Sie sind tot, Jenosse! Denken Sie, die Nato wartet mit dem Bombenabwurf, bis Sie das Ding anhaben?!“

Der Obergefreite Dubiel, das ist der, den sie für die Presse ausgesucht haben, ist 20 und will mal zum Zoll. Er hat angefragt, ob er 23 Monate dienen darf statt der pflichtmäßigen neun. Ihm gefällt es beim Militär. Er muss nur zwischen halb sieben und um vier am Nachmittag da sein, schläft zu Hause, und er sagt: „Ich könnte in der Übergangszeit bis zur Ausbildung natürlich noch irgendwas studieren. Aber da ist das hier doch sinnvoller. Man bewegt sich mehr.“ Sowas hätten bei der NVA nicht einmal diejenigen gesagt, die immer die Wandzeitung machten. Aber wer weiß, wie indoktriniert der hier ist.

Ich bitte die Presseabteilung, mir einen Termin bei einer Ausbildungseinheit zu machen.

Die Barnim-Kaserne bei Strausberg, unweit von Berlin, wird auch nur von Zivilisten bewacht. Die Soldaten hier lernen zwar, wie man Wache steht, doch wenn sie’s können, werden sie zur „Verwendung“ in andere Kasernen geschickt. Hier ist der freundliche Hauptmann Matz für die Presse zuständig. Er holt mich am Tor mit einem silbernen Bundeswehr-Golf ab, und wir fahren erst mal zur neuesten Errungenschaft der Kaserne, zum Checkpoint. Da haben sie große Betonquader auf die Straße gelegt, um die man Slalom fahren muss; das Ganze ist der Zufahrtsschleuse des Bundeswehr-Lagers in Kabul nachempfunden. Ein Stück Hindukusch im Brandenburger Kiefernwald.

Es geht dann zum Kasernenchef, Oberstleutnant Berger, ein großer, sportlicher Bayer mit schmaler Brille und kantigem Gesicht. In seinem Büro hängt ein Bild von Horst Köhler, in der Ecke steht eine Deutschlandfahne mit Fransen, und auf dem Tisch ein Teller mit Keksen. Der Oberstleutnant trägt wie überhaupt alle Soldaten in den Kasernen die Tarnuniform. Man muss sagen, dass die bedeutend mehr hermacht als die NVA-Sachen. Im NVA-Film lernen wir, dass die hässlich gestreifte NVA-Tarnung den Nadelwäldern nachempfunden wurde, während das Bundeswehrgefleckte sich eher am Laubwald orientiert.

Was den Realismus der Ausbildung anbelangt, ist festzuhalten: Die machen sich Gedanken beim Bund. Der Oberstleutnant sagt: „Die wahrscheinlichsten Einsätze prägen die Ausbildungslandschaft.“ Und betont, dass man „bei der politischen Bildung und bei der interkulturellen Kompetenz nachsetzen“ müsse: „Zur Akzeptanz von Vegetariern, Farbigen und ähnlichen Volksgruppen hat die Ethnologieabteilung sehr gute Ausbildungspläne entwickelt.“ Bei der NVA ging es mehr um den Hass gegen Ausbeuter und ihre Büttel.

Der Oberstleutnant sagt, dass es ja nicht mehr um einen Krieg mit schönen klaren Fronten gehe, sondern eher um Polizeieinsätze in Gegenden, in denen alles durcheinander geht. Daher sind sie hier in Strausberg auch sehr stolz auf ihren nachgebauten Checkpoint. Die Rekruten trainieren daran im Rollenspiel den Einsatz im Krisengebiet weit entfernt von der Heimat. So weit, dass die Soldaten, die die Feinde spielen, zumeist die Verben weglassen („Du nicht Chef! Du raus aus mein Land!“), während die Soldaten, die sich selbst spielen, generell die Verben nicht beugen („Ich haben Auftrag! Ich Bundeswehr sein! Du zeigen ID-Card!“). Das ist natürlich lustiger, als durch den Wald zu marschieren und sich in den Dreck zu werfen, wenn der Unteroffizier rief: „Atomschlag von rechts!“ Da mussten wir uns mit dem Kopf nach links legen, weil laut Dienstvorschrift die Füße stets zum Atompilz zu richten waren.

Aber letztlich sieht das Soldatenleben auch in der Bundeswehr-Grundausbildung eher trist aus. Die Rekruten müssen am Checkpoint warten und die Kiefern beobachten. Wenn sich ein Eingeborenendarsteller nähert, müssen sie ihre Vorgesetzten holen. Manchmal wird es ein bisschen laut. Dann spielen sie, dass ein Eingeborener mit einer Mine erscheint, und alle rennen weg. Eine sympathische Armee ist das. Die rennt weg, sobald gegnerisches Kriegsgerät in Sicht kommt.

In der Ausbildungskaserne darf ich mir die Soldaten aussuchen, mit denen ich sprechen will. Und sie finden es alle schön hier, sie haben nichts auszusetzen, nicht mal am Essen. Einer, Soldat Weber, findet es in der Armee überhaupt viel besser als draußen. Wegen der Übersichtlichkeit. Draußen war er Bankkaufmann und wusste immer nicht, welchem Chef er mehr gehorchen sollte. Hier erkennt er das am Schulterstück.

Die Soldaten sind jetzt gute zwei Monate dabei. Auf die Frage, wer von ihnen länger als neun Monate dienen würde, meldet sich mehr als die Hälfte. Sie kommen vor allem aus Brandenburg, ein paar Sachsen sind dabei. Einfache Jungs mit mäßigen Berufsaussichten. Die Ausbilder stöhnen, wenn sie an ihre nächsten Auszubildenden denken: „Das werden Abiturienten sein. Die fragen immer nach!“

Von den Unteroffizieren kann man überhaupt ganz gut erfahren, wie es den Soldaten geht. „Man darf die Leute gar nicht mehr an ihre Grenzen bringen“, sagt der Hauptfeldwebel Zürn, ein 29-jähriger kleiner Mann mit etwa zwei Millimeter langem Haar. „Das hier war mal eine andere Armee. Jetzt laufen die einmal über die Hindernisbahn und sagen dann: ,Ick kann nich’ mehr.’ Früher hat man die angebrüllt. Hat sie 20 Liegestütze machen lassen. Jetzt würde man sie in ihrer Persönlichkeit verletzen, oder wie das heißt.“

Es gibt eine Wehrbeschwerdeordnung. Die haben die Soldaten bis vor ein paar Jahren immer erst zum Schluss der Grundausbildung kennen gelernt. Jetzt muss sie innerhalb der ersten zwei Wochen gepaukt werden. Vorschrift.

Ich weiß nicht, ob es bei der Ost-Armee etwas Ähnliches gab. Auf jeden Fall spielte es keine Rolle. Wer sich über einen Unteroffizier oder einen dienstälteren Soldaten beschwerte, musste damit rechnen, am nächsten Tag noch härter rangenommen zu werden.

Und wie ist es jetzt mit dem Schießen? Das Schießen lernen die Soldaten doch noch, oder? Aber klar schießen sie. Das tun sie sogar besonders gern.

Bei der NVA haben wir die Schießerei weit mehr als unsere Feinde, die Ausbeuter, gehasst. Nicht weil wir befürchteten, einst auf Ausbeuter schießen zu müssen, sondern weil die Kalaschnikows hinterher total verdreckt waren. Es war bei Unteroffizieren sehr beliebt, die Soldaten die Dinger stundenlang putzen zu lassen, dann mit einem weißen Tuch in einer verborgenen Ritze eine Rußspur aufzutun und zu brüllen: „Dit jeht aba viel bessa! Weita jeht dit!“

Natürlich sind die Westgewehre nach dem Schießen auch dreckig – aber es gibt ja die Wehrbeschwerdeordnung. Außerdem haben sie den Computerschießstand, da schmutzt gar nichts. „Kommen Sie, den gucken wir uns an!“, sagt der Ausbildungsoffizier und lädt mich nett zum Computerschießen ein. Er sagt: „Sehen Sie da das Mündungsfeuer? Das ist der Beschuss in Ihre Richtung. Den können Sie jetzt ruhig mal bekämpfen.“ Ich schieße überall mal hin, es knallt sogar ein bisschen, und vier von zehn Mündungsfeuern hören auf zu leuchten. Die hab ich wohl getroffen. Aber wer war das? Bestimmt keine Taliban, denn die Umgebung auf dem großen Bildschirm war doch eher mitteleuropäisch. Laubwald, würde ich sagen.

Draußen fragt der freundliche Hauptmann Matz, wie es war. Ich sage, dass ich wohl vier erschossen habe, und alle lächeln. Diese Zivilisten!

Sie zeigen mir noch die Unterkünfte, auch auf die sind sie sehr stolz. Sie haben jetzt eine neue Ausstattung, Buchedekor. Und auf dem Flur ist es hell, 80 Lux, nach Vorschrift. Am Klo steht „WC Herren“, geputzt wird es von einer Reinigungsfirma. „Die Toiletten unterliegen schließlich einem gewissen Desinfektionsplan.“ Bei meiner Armee diente die Toilettenreinigung nicht der Desinfektion, sondern der Querulantenabstrafung.

Überhaupt die Strafen. NVA-Offiziere verhängten gern ein paar Wochen Ausgangs- und Urlaubssperre, „A und U“ hieß das und war gar nicht so schlimm, weil man in den Ausgang ohnehin nur in der peinlichen Uniform durfte und außerdem kaum Urlaub hatte. Der Ausbildungsoffizier in Strausberg sagt, dass man natürlich den Rekruten am Freitag etwas später Dienstschluss geben könnte, das würde schon wirken, weil sie dann auf dem Heimweg in den Stau kämen. Aber das geschehe eher selten, weil man als Vorgesetzter dann auch noch für den Freitagnachmittag einen Pausen- und Verpflegungsplan erstellen müsste.

Abschlussurteil. Sie sind irrsinnig realistisch bei der Bundeswehr, militärisch nicht so sehr; bei der NVA war’s andersrum. Ein größeres Kompliment kann man einer Armee nicht machen, oder?

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