Zeitung Heute : Portugiesische Postkartengrüße

MANUEL BRUG

Vom Charme des Klischees und der Ethnographie der Erinnerung: Joachim Schlömer und sein getanztes "Lissabon-Projekt"VON MANUEL BRUGWenn in der Karl-Marx-Allee die Meißner-Kacheln von den Häusern fallen, sieht das echt ätzend aus.Berlin wird immer siffiger, nölt es dann.Wenn an den Mauern der Alfama von Lissabon, dem weißen Maurenviertel hinter dem Castelo de Sao Jorge, die farbenpächtigen Azulejos einen Sprung haben, dann ist das schön und pittoresk, dann schlägt uns da der Atem der Geschichte entgegen. Lissabon, das Ende der europäischen Welt, vergessen und selbstgenügsam dahindämmerndes Stadtmärchen am Rande der Zivilisation.Selten darf man so ungestraft dem touristischen Klischee huldigen.Weil es stimmt, irgendwie.Jeder, der hierher kommt, der stromert und schweift zwischen dem Turm von Belém und dem schachbrettartigen Straßenmuster der Baixa, dem Auf und Ab des Bairro Alto mit seinen Fado-Lokalen, der verschwiegenen Großzügigkeit des Chiado, wird solches bestätigen. So gestimmt also muß man sich auch dem "Lissabon-Projekt" von Joachim Schlömer zuwenden.Es ist nach vergrübelten, zum Teil auch zergrübelten Stücken, die seine schwierige Situation widerspiegelten, in Weimar, wo man ihn nicht lieben wollte, und in Basel, wo man den Choreographen zunächst als Zerstörer gewachsener Ballettstrukturen empfing, ein Innehalten, ein heiteres Intermezzo; sprechende Erinnerung an zwei, mit Teilen seiner Kompanie in Lissabon verbrachte Oktoberwochen, in denen man zwar abtauchte in die Geheimnisse der Stadt am Tejo, aber trotzdem neugieriger Fremde blieb.Die bunte, oberflächlich unwirkliche Welt einer Urlaubspostkarte.Ferngerückt, ausschnitthaft, märchenhaft verklärt.So sieht sich auch Frank Leimbachs Szene an, halb Kneipe, halb Tanzsaal, mit einer bühnenartigen Öffnung in der Mitte, gekachelt natürlich, und mit zusammengewürfelten Stühlen ausgestattet.Die Kostüme in ihrem unspezifisch zeitlosen Alltagsausdruck weisen auf nahes Gestern hin, stärker noch die das Stück durchziehenden und tragenden portugiesischen Schlager der sechziger Jahre. Joachim Schlömer, der sonst so gerne mit Livemusik arbeitet, und seine beiden Tonkollageure Michael von Hintzernstern und Hans Tutschku haben bewußt jede, nur unehrlich wirkende Auseinandersetzung mit dem Fado, mit dem unbeschreibbaren, unübersetzbaren Stimmungszustand der saudade vermieden, wollten keinerlei scheinbar authentische Folkloredrapierung.Ihr Blick ist der von Außenstehenden, und so hält auch die scheinbar so konkrete Musikkulisse Distanz.Immer wieder entfernen sich die nostalgisch lullenden Gesänge und Gitarrenklänge, werden überlagert von Kirchenglocken, Menschenstimmen und dem Quietschen der alten Straßenbahnen; brechen ab, halten inne, werden wie auch das Licht von Stromausfällen abgewürgt.In solchen Momenten ist unterschwelliges Erdbebengrollen als akustisches Menetekel besonders wirksam.Bis einer den Energiehebel wieder anwirft, die Bedrohung der Tiefe übertönt wird. Kein Tanz auf dem Vulkan.Versonnene Melancholie, sanftmütiger, aber nie wirklich tieftraurig abrutschender Schmerz durchzieht diese tänzerischen Fragmente.Angedeutete Geschichten, überschäumende Aufschwünge, schüchterne Anfänge, Einzelaktionen, Duos mit betont einfachen Schrittfolgen, liebenswürdig musicalhafte Arrangements, Polonaisen, Pantomimen der Hände, kleine Dramen der vergeblichen Annäherung.Leise Irritationen, feine Haarrisse, fast absichtslos auch hier.Ein Luftballon, der davonfliegt und plötzlich wieder herabsinkt.Eine Metapher nur - so wie das ganze Stück. Als "Projekt" ausgewiesen gibt es sich nicht fertig, ist straffbar (was für Berlin auch geschieht).Läßt Laufmaschen und Luftlöcher, auch Durchhänger in seinem lockeren dramatischen Gewebe zu.Spielt und flirtet ein wenig mit der Ästhetik von Schlömers Lehrerin Pina Bausch, die auch Lissabon bereist hat.Ist gewollt unverbindlich, bewußt reihend, wenig komplex, manchmal von surrealem Witz, ganz seinen 14 wunderbaren Protagonisten das Feld überlassend. Ein Lufthohlen in Capriccio-Form eben, eine impressionistische Zwischenetappe.Ethnographie der Erinnerung als glückliches, höchstens einmal zart tristes Tanzvergnügen mit Kofferplattenspieler, unschuldig, selten irritierend.Das zum Träumen, zum Abschweifen einlädt.Man möge sich einfach nur darauf einlassen. Eröffnung des Tanzwinters vom 30.1.bis 1.2., jeweils 20 Uhr im Hebbel-Theater. 

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