Zeitung Heute : Porzellan suchen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

KPD. KPD/ML. KPD/RZ. Im „kleinen Westberlin-Lexikon“ findet man vieles. KPM findet man nicht. Die Frage ist: Spricht das nun gegen die Königliche Porzellanmanufaktur oder gegen das Nachschlagewerk? Beim Titel des jetzt im (Ost-Berliner) Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienenen Buches zuckt der arme West-Berliner ja erst mal zusammen: „Westberlin“ hat’s nie gegeben, außer in den Köpfen der DDR. Dann blättert man und denkt: Ja, ein bisschen Nachhilfeunterricht haben wir schon nötig . Wer weiß denn (noch), was die „Augsburger Puppenkiste“ war (eine Frauen-WG), was Anne Klein damals verbrochen hat oder wie die Wilmersdorfer Witwen aussahen. All das kann man auf 317 Seiten nachschlagen. Allerdings: Etwas mehr Substanz und echter Witz hätten dem Lexikon gut getan. Ein bisschen kommt es einem wie ein müder Abklatsch des alten West-Berlin vor: pseudo-kritisch und möchtegern-lustig.

Also, von vorne: KPM. Gab’s ja schon lange vor West-Berlin, gibt’s auch heute noch, fragt sich nur: wie lange. Früher flossen die Subventionen aus goldenen Hähnen, jetzt steht die Vorzeigefirma mal wieder vor dem Aus. Also, dachte ich, guck ich mir am Sonntag mal die KPM-Ausstellung im Berlin-Pavillon an der Straße des 17. Juni an. Und was sehe ich da? Nichts. Außer dem Schild mit den Öffnungszeiten. Ausgerechnet an dem Tag, an dem durch den Flohmarkt hier so viel los ist wie die ganze Woche nicht, bleibt der Pavillon geschlossen. Det is Berlin.

Aber dann bin ich einfach um die Ecke, und was sehe ich da: KPM. Ganze Tische voll damit. Der Bundespräsident hatte nämlich am Sonntag geöffnet. Eigentlich wollte ich ja gar nicht ins Schloss Bellevue, sondern nur ins Bundespräsidialamt, aber das Neue gab’s ohne das Alte nicht, und ich muss sagen: Ich war angenehm überrascht, allein von der modernen Kunst an den Wänden. Und vom Präsidialamt war ich begeistert, so viel Licht und Leichtigkeit in dem schwarzen Ei!

Beflügelt bin ich dann weitergezogen, von offener Tür zu offener Tür, habe zwei leibhaftige Minister gesehen und mich zur Erholung ans Wasser gesetzt. Komisch, wie Berlin in einem einzigen Sommer plötzlich und endlich entdeckt hat, dass es am Wasser liegt. Strand, Bars, Biergärten, neue Szene-Lokale, wohin man guckt. Jetzt auch am Hamburger Bahnhof. Genau vis-à-vis vom Arbeitsministerium sitzt man höchst beschaulich in Sarah Wieners neuem Café, hart am Rande von West-Berlin, mit Blick auf den Osten. Als West-Berlin noch West-Berlin war, war das Arbeitsministerium noch Krankenhaus, und das andere Ufer war DDR, und zwischen Bahnhof und Krankenhaus lag die flüssige Staatsgrenze. Jetzt sitzt man hier und genießt: den Ausblick auf das schön renovierte Ministerium und die neue Promenande, und löffelt selbst gemachtes Eis aus dem Whiskeyglas, das Mango-Eis ist eine Wucht, das Schokoladen-Eis eine Bombe, Schokolade pur. Und das Wasser ist so friedlich wie es früher tödlich war.

Berlin Pavillon, Straße des 17. Juni 100, werktags 10-19 Uhr, sonnabends 10-16 Uhr. Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51. Schloss Bellevue: nächstes Jahr wieder geöffnet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar