Zeitung Heute : Post von drüben lesen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Mutter sagte immer: Anderer Leute Briefe liest man nicht, das Intime gehört nur dir allein. Im Museum für Kommunikation ist das ganz anders. Da freuen sie sich, wenn du fremder Leute Gedanken folgst, die da in durchsichtigen Folien eingeschweißt jedermann zugänglich sind. „Post von drüben“ ist eine kleine Ausstellung mit deutsch-deutschen Briefwechseln – mal traurig, mal tragikomisch, mal belanglos, immer aber ein Zeichen der Zeit.

Seit den siebziger Jahren passierten jährlich bis zu 190 Millionen Briefe die deutsch-deutsche Grenze, manch einer hat die Post jetzt dem Museum geschenkt. Viele Zeilen bezeugen ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wenn sich die da oben schon nicht einigen konnten, wollten wenigstens die da unten zeigen, wie stark die Gemeinsamkeiten sind, stärker als alles Trennende. Und doch: Der Dank für die schönen Sachen im letzten Paket, für Solidarität und Nächstenliebe, oder die Sehnsucht nach der Welt da drüben, kam nur von der östlichen Seite. Von jener, wo sich die Leute im Brief über die Umstände ihres Lebens beschwerten, ungeachtet der Gefahr, die in solchen Zeilen lauerte. Täglich öffneten und lasen die DDR-Spitzel sage und schreibe 90 000 Briefe. Viele davon finden sich in Stasi-Akten wieder, manch einer entdeckt nach zig Jahren, was er einst geschrieben und längst vergessen hat.

Der Briefwechsel zwischen einem Dresdner Opernfreund und seinem bundesdeutschen Freund ist besonders aufschlussreich, weil der Mann aus Dresden, der 30(!) Aufführungen seiner Lieblingsoper Elektra beschrieben hat, im März 1985 von der Eröffnung der Semperoper schwärmt. „Seit Monaten wurde dort geprobt“, schreibt er, „Soldaten der Volksarmee hatten bei Akustikproben den Saal gefüllt, zur Hälfte mit freiem Oberkörper, wegen der später zu erwartenden Dekolletés“.

Hat sich ja nun alles eingerenkt.

„Post von drüben“, Leipziger Straße 16, bis 29. 10., Fr. 9-17, Sa./So. 11 bis 19 Uhr.

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