Zeitung Heute : Potsdams Chance zum Aufstieg

MICHAEL MARA

Mit der Abwahl von Horst Gramlich hat Potsdam die Aussicht auf einen Oberbürgermeister, der Weitblick, Visionen und intellektuelles Format besitzt - Matthias PlatzeckVON MICHAEL MARAPotsdam sei intellektuell nicht zu begreifen, schrieb der 1938 gestorbene Berliner Ludwig Sternaux in seinen Erinnerungen über die Havelstadt.Wie wahr - bis heute.Obwohl die Lieblingsstadt der großen Preußenkönige dank ihrer einzigartigen Kulturlandschaft und der Transmissionswirkung Berlins sehr viel bessere Voraussetzungen für den Wiederaufstieg als jede andere Kommune Ostdeutschlands besitzt, tut sie sich auffallend schwer.Weder hat Potsdam seine einstige Rolle als Kunst- und Kulturstadt wieder angenommen, wie der weiter schwelende Streit mit der UNESCO um die Stellung des Weltkulturerbes unterstreicht.Noch hat die Stadt bisher definiert, was und wohin sie will.Es gibt kein Konzept für die brachliegende Mitte, den einst vom Stadtschloß gekrönten Alten Markt.Das überdimensionierte Betonungetüm, das nur ein paar Hundert Meter vom Schloßplatz entfernt zwischen Havel und Bahnhof aus dem Boden gestampft wird, kann wohl nicht die Vision für Potsdam sein.Die merkwürdige Ängstlichkeit, Arroganz und Abneigung, die Potsdam beim Umgang mit seiner Geschichte und seinem Erbe erkennen läßt und wohl auch der Hang zum Gigantismus, sind zwar in erster Linie eine Spätfolge der SED-Herrschaft.Ulbricht und Honecker wollten den "Geist von Potsdam" ein für allemal ausmerzen und die verhaßte Preußenresidenz zu einer "sozialistischen Metropole" umfunktionieren.So wurde mit der Zerstörung der Kulturlandschaft als Ganzes begonnen.Es gab kaum eine andere Kommune in der DDR, wo der Bruch mit der Geschichte und der Tradition so brachial vollzogen wurde wie in Potsdam.Doch liegt es auch am Unverständnis und Unvermögen der 1990 eher zufällig in Amt und Würden gekommenen Stadtväter, daß Potsdam Seele und Identität nicht zurückgewonnen hat.Wie sollen sich die Bewohner mit dem Gesamtkunstwerk identifizieren, wie sollen sich die Potsdamer mit Potsdam versöhnen, wenn es die Oberen nicht tun und Konflikte mit der UNESCO provozieren? Welche Chancen Potsdam nutzen könnte, welchen Herausforderungen sich die kleine Schwester Berlins an der Schwelle zum neuen Jahrtausend stellen muß, läßt der Besuch des US-Präsidenten erahnen: Gibt es eine bessere Werbung für Potsdam als die weltweit verbreiteten Bilder von Bill Clinton und Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Schloßterrasse von Sanssouci?Mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin im kommenden Jahr wird die Bedeutung der preußischen Königsstadt als Repräsentations- und Gesprächsort schlagartig wachsen.Potsdam liegt nur 30 Kilometer vom Regierungsviertel entfernt.Man kann getrost davon ausgehen, daß Sanssouci zum Standardprogramm des diplomatischen Protokolls der neuen Berliner Republik gehören wird.Die im alten Glanz strahlenden Schlösser sind dafür gerüstet, nicht aber die im eigenen Saft schmorende Stadt.Der Widerspruch zwischen internationaler Ausstrahlung und kleinstädtischem Mief ist eklatant.Potsdam wird provinziell regiert und repräsentiert - kein Wunder, daß der große Zukunftsentwurf fehlt.Deshalb geht es beim morgigen Bürgerentscheid zur Abwahl von Oberbürgermeister Horst Gramlich auch um weit mehr als nur um eine Rathaus-Personalie.Es mag ja sein, daß Gramlich, wie ihm manche zugute halten, ein "fleißiger Arbeiter" ist.Es mag auch sein, daß er in den vergangenen acht Jahren "sein Bestes" gegeben hat.Doch das reicht eben nicht, um das Beste für Potsdam zu bewirken, den großen Durchbruch und den grundlegenden Stimmungsumschwung.Niemand kann ernsthaft annehmen, daß Gramlich, nach achtjährigen Rathausquerelen ausgebrannt, von der eigenen Partei im Stich gelassen und durch das unwürdige Tauziehen um seine Abwahl geschwächt, die Stadt vorwärtstreiben kann.Gewiß, auch ein Matthias Platzeck wird die Potsdamer Verhältnisse nicht über Nacht ändern können.Aber überall hoch angesehen, könnte er am ehesten dazu beitragen, die tiefen Gräben zu schließen und das angekratzte Image der Stadt zu verbessern.Erstmals seit Jahrzehnten hat Potsdam die Aussicht auf einen Oberbürgermeister, der Weitblick, Visionen und intellektuelles Format besitzt.Manche Chancen, das zeigt die Geschichte, existieren nur für einen kurzen Augenblick.Deshalb wäre es eine Tragödie, wenn Potsdam den Neuanfang verpaßte.

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