Zeitung Heute : Powerline: Bei uns kommt das Internet aus der Steckdose

Kurt Sagatz

Was braucht ein Internet-Nutzer zum Glücklichsein? Eine Standleitung, die rund um die Uhr und alle Tage des Monats Daten mit einer Übertragungsleistung von zwei Megabit pro Sekunde über die Leitung schickt und das möglichst umsonst. In puncto Geschwindigkeit wird dieser Traum bald wahr. Die Powerline-Technik, bei der das Internet aus der Steckdose kommt, ist rund 20 Mal schneller als ISDN. Auch die Verfügbarkeit stimmt, denn Powerline ist eine "Always On"-Technik, bei der nicht erst die Verbindung zum Netz aufgebaut werden muss, sondern rund um die Uhr besteht. Nicht nur im Film, sondern dann auch in der Realität, erscheint auch daheim die "Sie haben Post"-Meldung, kaum das die E-Mail abgeschickt wurde. Und beim Preis gelangt das Ziel ebenfalls in Reichweite. Denn das Angebot, das der nordrhein-westfälische Energieversorger RWE seinen Powerline-Kunden machen will, dürfte Telekom-Chef Ron Sommer einiges Kopfzerbrechen machen. Mit rund 50 Mark für Normaluser (beschränkt auf eine Download-Kapazität von 250 Megabyte) liegt es fast 30 Mark unter dem Flatrate-Preis, den die Telekom bis zur Einstellung ihrer Flatrate verlangt hat und der noch immer für die AOL-Flatrate mit 78 Mark gilt.

Den Startschuss für Powerline will RWE in diesem Sommer geben. Als erste Städte sollen Essen und Mühlheim in den Genuss der schnellen und preiswerten Internet-Dienste kommen, sagte Andreas Preuß gegenüber dem Tagesspiegel. In Essen hatte RWE die neue Technologie in einem Feldversuch mit 206 Haushalten und einer Schule getestet und dabei laut Preuß auch die letzten Probleme ausgeräumt. Die Hardware wurde teilweise modifiziert und auch bei der Software sollen nun die letzten Bugs beseitigt worden sein. In der zweiten Jahreshälfte sollen die Bürger von Duisburg, Bochum und Dortmund angeschlossen werden. Bis zum Jahresende rechnet der RWE-Powerline-Sprecher mit 20 000 Haushalten, die ihr Internet aus der Steckdose beziehen werden. Langfristig will der Konzern zehn Prozent seiner Stromkunden auch mit Internet versorgen. Das wären immerhin 1,2 Millionen Haushalte, die dann nicht mehr auf einen anderen Provider wie zum Beispiel T-Online angewiesen wären.

Die Powerline-Technik unterscheidet sich deutlich vom Zugang über das Telefonnetz, bei der der Verbindung durch die Anwahl des Internet-Servers aufgebaut wird. Bei Powerline wird der Internet-Zugang über die Trafostationen des Stromnetzes eingespeist, über einen Hausanschluss-Kasten im Keller des Wohnhauses nochmals umgesetzt und ist dann über jede Steckdose im Haus zu nutzen. Das nötige Modem sieht kaum anders aus als herkömmliche Adapter, mit dem Unterschied, dass es auf der einen Seite eben nur mit der Steckdose und auf der anderen mit dem Computer verbunden wird. Dazu wird entweder der weit verbreitete USB-Anschluss, ein serieller Anschluss oder eine Netzwerkkarte genutzt. Soll der Internet-Rechner oder das Notebook in einem anderen Zimmer eingesetzt werden, muss einfach nur das Powerline-Modem in eine andere Steckdose gesteckt werden. Der Gerätehersteller Ascom, der nach dem vorrübergehenden Ausstieg von Siemens nun auch den Versorger EnBW mit Modems versorgen wird, hat neben dem jetzt noch etwas unförmig aussehenden Gerät auf der CeBIT bereits kompaktere Einheiten angekündigt.

Noch etwas früher als die Essener und Mühlheimer kommen dem Vernehmen nach die Internet-Nutzer in Mannheim ans Internet-Stromnetz. Der Energieversorger MMV will mit seiner Powerline-Tochter PPC bereits im Mai beginnen. Allerdings erst einmal im kleinen Rahmen, denn noch fehlt der rechtliche Rahmen für den Einsatz der Technik. Zuerst muss noch der Bundesrat dem Gesetz zustimmen, der Powerline am 28. März auf der Tagesordnung hat. Und dann muss die Regulierungsbehörde für den Telekom-Bereich noch letzte Details festlegen, was nach Einschätzung von Experten bis Mitte des Jahres geschehen könnte.

Im Gegensatz zu RWE und EnBW setzen die Mannheimer nicht auf die Ascom-Technik, sondern sind eine Kooperation mit den israelischen Entwicklern von Main.net eingegangen. Der generelle Unterschied zwischen beiden Technologien liegt in der Nutzung des verfügbaren Frequenzbandes. Auch die Technik zur Vermeidung von Störungen durch andere Geräte im Haushalt oder durch Störungen von außerhalb - beispielsweise durch ICE-Züge - fällt anders aus. Unterschiede zwischen den Nordrhein-Westfalen und den Baden-Württembergern gibt es allerdings auch bei der Tarifierung. Die Mannheimer setzen nicht auf die Flatrate, sondern eine mengenmäßige Abrechnung. Bei Tarifmodell 1 kostet ein Gigabyte Download 29 Mark Grundgebühr, 37 Mark Monatspauschale und je weiteres Megabyte 3,9 Pfennig. Bei Modell 2 entfällt die Monatspauschale, dafür kostet das Megabyte 5,9 Pfennig.

Welche Technik jedoch besser in der Lage ist, Beeinflussungen durch andere Verbraucher im Hausnetz wegzustecken, dürfte sich allerdings erst nach der großflächigen Einführung der Powerline-Technik zeigen. Ein Problem stellt offensichtlich der Zugverkehr dar. Vor allem ICE-Züge verursachen demnach Strahlungen, die die Powerline-Nutzung beeinträchtigen können. Dass Powerline nicht die Lösung aller Probleme ist, hängt überdies damit zusammen, dass sich die Surfer die vorhandene Bandbreite teilen müssen. Nutzen somit alle Stromkunden Powerline, sinkt die Übertragungsleistung schnell auf das Niveau analoger Modems.

Steigt der Bedarf nach Multimedia-Anwendungen - Filme, Musik - über das Internet tatsächlich in erwartetem Maße, wird es ebenfalls problematisch. Anders als bei Standleitungen lässt sich die Leistung nicht beliebig steigern. Derzeit sind selbst unter Laborbedingungen nur Kapazitäten von 12 Megabit pro Sekunde gemessen worden. Aus derzeitiger Sicht sind das allerdings Werte, von denen Telefongesellschaften auch mit der schönsten DSL-Technik nur träumen können.

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