Zeitung Heute : Prächtige Andacht

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Monteverdis "Marienvesper" mit der Berliner Cappella im Schauspielhaus Monteverdis Marienvesper, 1610 vermutlich für die Kapelle des Fürsten von Mantua geschrieben, ist ein Zwitterwerk: auf der einen Seite ganz der Liturgie verbunden, werden die Meß- und Bibeltexte durch Gestaltungsmittel weltlicher Musik, durch ungeheure instrumentale und vokale Prachtentfaltung zum Ausdruck gebracht.Wie sehr das Zusammenspiel von Text und Musik im Dienste des Ausdrucks auch heute noch unmittelbar zu berühren vermag, zeigte die Aufführung der Marienvesper durch Chor und Kammerorchester der Berliner Cappella unter Leitung von Peter Schwarz. Feierlich ließen die Musiker die große D-Dur-Klangfläche im einleitenden "Domine ad adiuvandum" erklingen - als gelte es eine Oper und nicht eine Abendandacht zu eröffnen (und in der Tat stammt die Instrumentaltoccata ja aus Monteverdis Oper "Orfeo").In den großen Chorsätzen war zu bewundern, wie die Berliner Cappella die erheblichen rhythmischen und polyphonen Schwierigkeiten meisterte; nur die doppelchörigen Sätze kamen, wohl auch wegen der räumlichen Gegebenheiten im Schauspielhaus, nicht deutlich zur Entfaltung. Ausdrucksstark sangen die sieben Solisten die virtuosen "concerti".Vor allem Frieder Lang fiel durch seine geschmeidige Tenorstimme und historisch geschulte Interpretation auf.Mit den beiden Echodialogen (von der Empore: Christian Mücke) gelangen fast theatralische Effekte.Insgesamt hatte die Aufführung den Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis vieles zu verdanken, und daran hatten nicht zuletzt auch das Orchester und die mit Laute, Chitarrone, Harfe, Cembalo und Orgelpositiv sehr differenziert begleitende Continuogruppe teil. Die Berliner Cappella studiert unter Leitung von Peter Schwarz immer wieder Musik ein, die gänzlich abseits des üblichen Laienchorrepertoires liegt.Sie ist eine echte Bereicherung für das Musikleben der Stadt: auch hinsichtlich Qualität und Ernsthaftigkeit der Einstudierung.So kann man dem Chor nur auch weiterhin reichlich sängerischen Nachwuchs und eine einigermaßen gesicherte Finanzlage wünschen.GREGOR SCHMITZ-STEVENS

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