Zeitung Heute : PRÄSENTATION DER NÄCHSTEN WM-GASTGEBER: Festreden und Stäbchen-Essen

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS ."Der Weltfußball muß aufpassen, daß er nicht sein menschliches Gesicht verliert", sagte ausgerechnet der Schweizer Sepp Blatter, seit gut vier Wochen neuer Präsident der FIFA.Sicherlich ein Satz, der beim Betrachten der augenblicklichen Entwicklung seine Berechtigung hat.Doch gestern, in einem pompösen Hotel im Pariser Stadtteil Montparnasse, stand der Schweizer damit recht allein dar.Um die Mittagszeit präsentierten sich nämlich mit Japan und Südkorea die beiden Länder, in denen die kommende Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 2002 stattfinden wird.Und nichts scheuen die Asiaten weniger, als undiplomatische Wahrheiten im Lichte der Öffentlichkeit.

Denn die war gestern auch dar.Rund 1000 Journalisten aus aller Herren Länder sollte eine Kreation aus kulinarischem Allerlei, hübsch drapierter Schönheiten aus Fernost und unendlich vielen Verbeugungen geboten werden, die wie selbstverständlich auf unzähligen Fotos festgehalten wurden.Konkretes wurde leider nicht geboten, dafür aber ein Schnellkurs zum immer wieder interessanten Thema: "Wie esse ich verletzungsfrei mit Stäbchen."

Blatter, der nach seinem Satz in einem Pulk asiatischer WM-Sponsoren von Fragestellern ferngehalten wurde, mußte so wahrscheinlich etwas unfreiwillig die Bühne räumen.Dafür standen die Vorsitzenden der beiden gastgebenden nationalen Verbände, die Herren Shoh Nasu aus Japan und Seh-Jik Park aus Südkorea, bereit, um über Land und Leute sowie über den Stand der Vorbereitungen Auskunft zu geben.Natürlich sei alles "in bester Ordnung".Nichts zu spüren war von den atmosphärischen Störungen zwischen den beiden Erzfeinden, die sich schon vor und auch nach der erfolgreichen Bewerbung um die Austragung des Großereignisses zugetragen hatten.

"Die Zusammenarbeit zwischen Japan und Korea wird ein Ereignis zu Stande bringen, an das sich viele Millionen Menschen überall auf der Welt noch viele Jahre später erinnern werden", sagte Herr Nasu, der gutgelaunt das Mikrophon an seinen Kollegen aus Südkorea übergab.Park sprach ebenfalls von den wunderbaren Dingen, "die in vier Jahren auf uns zukommen werden." Und davon, daß der geneigte Fan nur zwei Stunden braucht, "um die See zwischen beiden Nationen zu überqueren." Er sei fest davon überzeugt, daß das "gemeinsame Veranstalten der Weltmeisterschaft der besten Fußballer zur Entwicklung von beiden Ländern, Asiens und der Welt dienen wird." Ende der Festreden.

Warum denn eine WM wirklich dienlich sein kann, sagte die Herren Vorsitzenden nicht.Jedenfalls nicht öffentlich.Übrigens auch nicht Blatter, der neue FIFA-Boß.

Glaubte noch sein Vorgänger, der Brasilianer Joao Havelange, 1987 einen Coup gelandet zu haben, als er allein die TV-Rechte für die WM-Endrunden 1990, 1994 und 1998 für 340 Millionen Schweizer Franken der Sportmarketing-Agentur ISL überlassen hatte, so konnte die FIFA die TV-Rechte für die WM 2002 für 1,3 Milliarden und die WM 2006 für 1,5 Milliarden an die ISL und die Kirch-Gruppe verkaufen.

Das französische Wirtschaftsmagazin "Capital" will errechnet haben, daß allein die FIFA in Frankreich cirka 750 Millionen Franken einnehmen wird.Der asiatische Markt bietet da wohl einiges mehr.Aber wie gesagt, darüber war gestern mit niemanden zu sprechen.

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