Zeitung Heute : Präsident Al Gore

WALTHER STÜTZLE

Das mit viel Sinn für Macht und Protokoll gepflegte Prinzip eines mobilen White House hat sich längst mit aller Wucht gegen seinen Bewohner Bill Clinton gekehrt.Aus medialer Omnipräsenz ist politische Dauerverfolgung geworden.Das stets mitgeführte Wappen des Weißen Hauses macht nicht mehr aufmerksam auf den Inhaber des mächtigsten Amtes der Welt, sondern zeigt auf den hilflosesten Angeklagten der Vereinigten Staaten.Ein Bild des Jammers und der Beklemmung.Und keineswegs nur eine Sache Amerikas.

Vor wenigen Wochen hat Bill Clinton weltöffentlich ein persönliches Geständnis abgelegt und zugleich das Recht des Präsidenten eingefordert, ein Privatleben zu führen.Recht hat Clinton.Doch die Kehrseite des Rechts ist die Pflicht, mit dem Privatleben des Präsidenten die Öffentlichkeit nicht zu behelligen.Aber genau dieser gravierende Fehler ist Clinton unterlaufen.Natürlich kann diese Fehlleistung verziehen werden, nur ungeschehen gemacht werden kann sie nicht.Das Ansehen Amerikas ist schwer beschädigt und der Präsident ist nicht mehr Herr seines Amtes.Handelte es sich nur um den Eindruck wehmütiger Amerikafreunde, ließe sich einfach zur Tagesordnung übergehen.Doch zu reden ist vom Urteil so einflußreicher Diener der Sache Amerikas, wie jenem des unverändert einflußreichen demokratischen Senators außer Diensten Sam Nunn.Über Monate hinweg, so ließ Nunn vor wenigen Tagen in einem Artikel in der weltweit gelesenen International Herald Tribune wissen, habe der Präsident seine persönlichen Belange "weit" über die der Nation gestellt.Nun sei es an der Zeit, das Schicksal Amerikas in die Hand von zwei überparteilich besetzten Kommissionen des Kongresses zu legen.Nunns Botschaft ist klar: Bill Clinton hat seinen Amtseid gebrochen, kann die Interessen Amerikas nicht mehr wahrnehmen und hat die USA in eine Lage gebracht, die nur noch durch eine eigentlich dem Geist der Verfassung widersprechende Hilfskonstruktion vor dem totalen Entgleisen bewahrt werden kann.

Weder Amerika noch die Welt vertragen einen Präsidenten, der sich bei jeder Ankunft erst für seine Vergangenheit entschuldigen und dann Besserung für die Zukunft geloben muß.Dabei geht es nicht um Moral.Ohnehin muß man sich über die große Zahl jener Ermahnungs-Apostel wundern, deren eigene Kunst in der schwierigen Disziplin Moral kaum über jeden Zweifel erhaben ist.Auch wäre Amerika kräftig genug, einen ausgepowerten Präsidenten zu überleben.Doch um beides geht es nicht.Entscheidend ist etwas anderes: Bürger, Freunde und Partner Amerikas, aber auch Widersacher wie Saddam Hussein und Slobodan Milosevic haben Anspruch auf einen Präsidenten, dessen Urteil frei von persönlichen Interessen ist, dessen Wort gilt und dessen Zusagen nicht in Zweifel gezogen werden können.Wer seine Soldaten nach Bosnien oder in den Persischen Golf schickt, um Werte und Interessen Amerikas zu verteidigen, darf selber nicht im öffentlichen Konflikt mit diesen Werten leben.Wer wie Clinton bei Beginn der zweiten Amtszeit seine Mitbürger beschwört, "das kostbare Geschenk der Zeit" nicht zu verschwenden, ja, die lange "Reise Amerikas" nicht mit der knappen eigenen "Lebensreise" zu beschweren, der darf selbst nicht zum Mühlstein um den Hals seiner Nation geraten.Der neue Präsident heißt Al Gore.Clinton und seine Familie aber haben Anspruch darauf, vom Nachfolger so fair behandelt zu werden wie einst Vorgänger Richard Nixon durch Gerald Ford.

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