Zeitung Heute : Präzis ungerade

VOLKER STRAEBEL

Das Berliner Sinfonie-Orchester unter Michael Gielen im KonzerthausVOLKER STRAEBELVorurteile sind dazu da, sie zu überwinden.Mahlers siebente Symphonie gilt als sperrig und unzugänglich, Michael Gielen als geradezu grüblerisch analytischer Dirigent - doch im Verein mit dem vorzüglich disponierten wie motivierten Berliner Sinfonie-Orchester sorgt dieses Gespann durchaus nicht für die karge Kost, die es zunächst verheißen mag. Besonders die mächtigen Ecksätze zeugten von weiser Disposition der Mittel.Gielen bevorzugt straffe Tempi, die die Großform transparent machen, ohne Momente retardierenden Innehaltens zu übereilen.So gelingt etwa die berühmte Stelle des Kopfsatzes, an der plötzlich ein Harfen-Glissando im aufhellenden H-Dur einbricht, in wunderbar ausgewogener Ruhe, ohne etwa die Zeit einfrieren zu wollen.Und Gielens sorgfältige Orchesterarbeit sorgt selbst in gewaltig schmetternden Horn- und Blechpassagen für klangliche Ausgewogenheit.Anerkennung verdienen hier Hornisten und Trompeter, die in glänzender Intonation und ansteckender Spielfreude den Weg durch ihre Stimmen fanden. Im Vergleich zu den präzis musizierten ungeraden Sätzen fielen die beiden Nachtmusiken leider deutlich ab.Kaum vorstellbar, daß Gielen hier die dynamischen Kontraste absichtsvoll einebnet und manchem Ländleranklang bewußt den Schmiß nimmt.Während das Holz in trillernden Naturlauten brilliert, wollen vor allem die dicht instrumentierten triolischen Passagen nicht atmen, sie verschwimmen wegen mangelnder Prägnanz der Einzelstimmen.Hier hätte es wahrscheinlich einer längeren Probenzeit bedurft, um den Blick für die Details zu schärfen. Ein Umstand, der den positiven Gesamteindruck zu trüben, nicht aber wirklich zu schmälern vermag.Denn Mahler nicht in die Welt des sentimentalen Gefühlsüberschwangs und der herdenglockenseligen Naturidylle abgleiten zu lassen, ist ein unbedingtes Verdienst des Dirigenten.Vom Finale her, das er nicht als überschwengliche Festmusik, sondern mit nahezu neoklassizistischer Musik über Musik deutet, stellt Gielen die Siebente wieder auf die Füße.Vages Psychologisieren ist seine Sache nicht. Noch einmal heute um 20 Uhr im Konzerthaus.

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