Zeitung Heute : Prag - ein Aufstand für Europa

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Der Umbruch von 1989 hat nicht nur Lebensverhältnisse und Politik in Europa radikal verändert.Ebenso verschob er den historischen Blick.Wer 1988, am 20.Jahrestag, der Niederschlagung des Prager Frühlings gedachte, der tat dies - soweit er nicht mit dem Herrschaftssystem im Warschauer Pakt verbunden war - mit geballter Faust in der Tasche.Der Einmarsch in der Tschechoslowakei löste auch im Rückblick noch ohnmächtige Wut aus.Wieder war eine Hoffnung von Panzern niedergewalzt worden.

Aus heutiger Perspektive, am 30.Jahrestag, ist 1968 hingegen eine Station auf einem langen, aber im Nachhinein fast gradlinig erscheinenden Weg, der zur Selbstbefreiung der mitteleuropäischen Völker führte - ja führen mußte.Schließlich hatten sie immer wieder gegen die kommunistische Diktatur aufbegehrt: 17.Juni 1953 in der DDR, 1956 Ungarn-Aufstand und parallel der Wechsel in Polen von Bierut zu Gomólka, 1968 Prag - und erneut Polen, wo die Arbeiter auch 1970 in Danzig, 1976 in Radom und Kielce, 1980/81 dann im ganzen Land revoltierten und im Frühjahr 1989 vor den anderen die Teilung der Macht erzwangen.Als Budapest am 10.September 1989 die Westgrenze für die DDR-Flüchtlinge öffnete, waren Berliner Mauer und Eiserner Vorhang nicht mehr zu halten.

Zu dieser Sicht paßt es, daß am Tag vor dem Gedenken der zweite demokratische Machtwechsel in Prag seinen Abschluß fand: durch das Vertrauensvotum für das Minderheitskabinett Zeman.In Mitteleuropa ist die Demokratie gesichert.Die wirtschaftliche Entwicklung ist, alles in allem, erfreulich.In wenigen Jahren werden Polen, Tschechien und Ungarn EU-Mitglieder sein und bereits im kommenden April, zum 50.Geburtstag der Allianz, NATO-Partner.Die Leiden, die das Aufbegehren mit sich brachte, die vielen zerbrochenen Biographien scheinen nicht umsonst gewesen zu sein.Mittel- und Westeuropa haben wieder ein gemeinsames Schicksal, formen abermals einen Kulturraum - und es verwundert allenfalls, wie sehr sich manche im Westen an die lange Teilung Europas gewöhnt haben, als sei das neue Miteinander der anormale Zustand, vor dem man Angst haben müsse.

An den aktuellen Nachrichten läßt sich jedoch auch ablesen, wieviel Verwerfungen und Verzögerung die Niederschlagung des Prager Frühlings wie all der anderen Revolten mit sich gebracht hat.Der Wandel ist zwar unumkehrbar, aber die Demokratie steckt noch in den Kinderschuhen.Sie ist noch nicht so krisenfest wie die der Bundesrepublik nach 50 Jahren.Wie stabil wird die Minderheitsregierung in Prag sein? Und wie kommen die neuen konservativen Koalitionen in Budapest und Warschau mit dem Spagat zurecht, die Annäherung an die EU konsequent fortzusetzen, ohne daß ihnen der nationalistische Flügel wegbricht und mit ihm die Parlamentsmehrheit? Ein Verlierer von 1968 ist bis heute die Slowakei, die sich schwer tut mit der Demokratisierung.

Auch die deutsch-tschechische Aussöhnung hat sich durch den Einmarsch von 1968 und die Installierung eines überholten Regimes weiter verspätet.Das ist schmerzlich zu spüren am Streit um die Sudetendeutschen.Man stelle sich vor, die Annäherung hätte zwanzig Jahre früher begonnen und nicht erst 1989.So gehört es zum Vermächtnis des Prager Frühlings wie all der anderen Versuche, Europa von der Diktatur zu befreien, daß Deutsche und Tschechen, West- und Osteuropäer besondere Anstrengungen zur Verständigung unternehmen müssen, um den Zeitverlust aufzuholen, den die sowjetischen Panzer erzwangen.Wer dagegen die Mißverständnisse pflegt, macht sich noch nachträglich zum Kumpan der Diktatoren.

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