Zeitung Heute : Prag: Wo sind all die Golems hin?

Gregor Dotzauer

Kafka, immer wieder Kafka: der schmale, lungenkranke, bleichgesichtige Dr. Franz Kafka mit den Fledermausohren. Er ist Prags wahrer Stadtheiliger, die Ikone für den literarischen Export auf T-Shirts und Postkarten. Gegen seine Prominenz haben selbst altgediente, auf den Denkmalsockel gehobene Nationalhelden wie der Kirchenreformer Jan Hus oder der Philosoph Tomás Masaryk keine Chance. Kafka ist der Fels, den sich die Tschechen vor den Eingang zu ihrer eigenen Literatur gewälzt haben.

Er und die Prager deutschen Schriftsteller, ob Franz Werfel oder Gustav Meyrink, versperren den Blick auf ihre tschechischen Vorfahren und Zeitgenossen - sofern diese nicht gerade Jaroslav Hasek oder Karel "Capek heißen. Das scheint den Tschechen wenig auszumachen. Denn Kafka & Co stehen für das Böhmen, in dem sich Tschechen, Deutsche und Juden miteinander arrangiert zu haben schienen. Sie symbolisieren die Stadt der Kaffeehauskultur und das düstere, geheimnisvolle Golem-Prag, das immer noch die Phantasie beherrscht. Dabei vermitteln schon die prachtvoll renovierten, sich nachts ins flutende Straßenlicht reckenden Bürgerhaus-Fassaden einen anderen Eindruck, der mit der nebligen Melancholie konkurriert, von der die ästhetisch normierten Stadtfotografien erzählen, die auf der Karlsbrücke verkauft werden. Der verdammte Kafka also. War da noch was?

Die Frage ist ungerecht. Zumindest die tschechische Literatur der vergangenen Jahrzehnte bedeutet den Deutschen eine Menge. Bohumil Hrabal, Ivan Klíma und vor allem Milan Kundera (auch wenn der inzwischen auf Französisch schreibt, als verlorener Sohn betrachtet wird und selbst mit seiner Vergangenheit hadert) haben begeisterte Leser. Und wer sich ernsthaft mit Lyrik beschäftigt, kommt - außer um den verstorbenen Nobelpreisträger Jaroslav Seifert - auf gar keinen Fall um den wunderbaren Jan Skácel herum. Sie alle zählen zur Weltliteratur - und nicht zur Literatur eines Landes, das Josef Jungmann in der ersten Hälte des 19. Jahrhunderts erst mühsam davon überzeugen musste, dass seine Sprache alle dichterischen Möglichkeiten biete - was er unter anderem mit Shakespeare-Übersetzungen und einem deutsch-tschechischen Wörterbuch in fünf Bänden zu beweisen versuchte.

Diese Renaissance der Landessprache, die Johann Gottfried Herder mit seiner Theorie von der Geburt einer Nation aus dem Geist der Sprache angeregt hatte, war der Anfang der modernen tschechischen Literatur. Von ihr, muss man wohl eingestehen, haben Nichtslawisten nun wirklich keine Ahnung. Konnten sie auch nicht. Denn viele literarhistorisch zentrale Autoren waren nicht übersetzt - oder auf Deutsch nur schwer zugänglich. Die Tschechische Bibliothek in der Deutschen Verlags-Anstalt will das bis zum Jahr 2008 grundlegend ändern.

Ihr großes Vorbild ist die Polnische Bibliothek bei Suhrkamp, die zur Frankfurter Buchmesse gerade mit dem hundertsten Band abgeschlossen wurde. Damit wollen und können Hans Dieter Zimmermann, der geschäftsführende Herausgeber der Tschechischen Bibliothek, und seine Kollegen Peter Demetz, Jiri Grusa, Peter Kosta und Eckhard Thiele natürlich nicht konkurrieren. Ihr Projekt ist auf 33 Bände angelegt, deren Programm bereits feststeht und neben Prosa auch drei Dichtungsanthologien vorsieht, philosophische, kunst- und architekturtheoretische Schriften sowie einen Band mit Musikerbriefen. Acht Titel sind bisher erschienen, darunter Populäres wie Jaroslav Haseks "Schwejk" in einer "Urschwejk"-Fassung und Wiederentdecktes wie Vladislav Vancuras "Bäcker Jan Marhoul" (siehe unten) oder Jiri Weils Holocaust-Roman "Leben mit dem Stern" (Rezension folgt), der sich mit den Büchern von Primo Levi durchaus messen kann. Und dann gibt es Autoren, die quasi neu eingeführt werden.

Der Romantiker Karel Hynek Mácha ("Die Liebe ging mit mir..." - Prosa, Poesie, Tagebücher) gilt als der bedeutendste tschechische Dichter des 19. Jahrhunderts und einem Novalis, Byron oder Shelley ebenbürtig. Abgesehen davon, dass ihn solche Vergleiche in einer Region ansiedeln, in die er vielleicht doch nicht ganz gehört, ist es nicht einfach, für ihn ein Publikum jenseits der Spezialisten zu finden. Denn es gibt keine nachholende Rezeption auf breiter Ebene, und jede Klage über mangelnde Leser ist müßig.

Gott sei Dank muss sich die Tschechische Bibliothek nicht selber tragen. Die Stuttgarter Robert Bosch Stiftung, die schon die Polnische Bibliothek finanzierte und in Osteuropa zahlreiche kulturelle Aktivitäten unterhält, subventioniert auch diese Reihe, die den Spagat zwischen schön gestalteten Leseausgaben und wissenschaftlich zuverlässigen Editionen zu gehen versucht.

Die attraktiven, in Leinen gebundenen Bände haben ein einheitliches Format, ein Lesebändchen und kosten zwischen 38 und 58 Mark. Die Präsentation der Texte ist ledier weniger einheitlich. Man findet Nachworte und Anmerkungen, deren Gestalt von Band zu Band wechselt, was ihnen etwas von dem Zusammenhang nimmt, den die Herausgeber schon durch die Auswahl schaffen wollten.

Treffpunkt der Avantgarde

In langen Sitzungen haben sie sich auf die Titel geeinigt, ohne dass ein Essay ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen würde. Sowenig man den Herausgebern persönliche Leidenschaften verübeln würde, sosehr ist man darauf angewiesen, die einzelnen Bände als epochen- oder mentalitätstypisch einordnen zu können.

Aber das ist Krittelei, die vom größten Vorzug dieser Bibliothek ablenkt: Sie ist ab sofort vorhanden und bleibt mindestens für die nächsten hundert Jahre der Bezugspunkt für jeden, der sich mit der Geschichte der tschechischen Literatur beschäftigt. Und sie ist der ideale Weg für Reisende sich abseits von pittoresken Prag-Anthologien auf ein Land vorzubereiten, das einmal mit allen europäischen Avantgarden verbunden war und besonders nach Frankreich enge Beziehungen unterhielt.

Prag, eine der europäischen Kulturhauptstädte des Jahres 2000, ist gerade dabei, sich nach einer Zeit harter politischer Kämpfe an diese Traditionen wieder zu erinnern. Das Literaturarchiv im Strahov-Kloster über der Stadt zeigt eine Ausstellung, die die lyrischen Vernetzungen dokumentiert und Strömungen vom Futurismus bis zum Surrealismus kennengelernt hat. Mit ein wenig Neugier lässt sich da vieles entdecken. Es kann nicht sein, dass Hans Dieter Zimmermann, Germanistikprofessor an der Freien Universität Berlin, Recht behält wenn er sagt: Die Tschechen müssten wohl erst einen Krieg führen, um als Literaturland wahrgenommen zu werden. Auch er hat es schließlich anders geschafft: durch die Ehe mit einer Tschechin.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben