Zeitung Heute : Prager Parlamentals Volksvertretung

ALEXANDER LOESCH

Die tschechische Demokratie muß ein überaus schwieriges Erbe bewältigen VON ALEXANDER LOESCH

Wäre der Streit nicht so folgenreich, könnte sein abstruser Verlauf als eine Lachnummer abgebucht werden: Die absurde Darbietung des tschechischen Abgeordnetenhauses zum Thema deutsch-tschechische Versöhnungsdeklaration wird in die Annalen des Parlamentarismus als Peinlichkeit eingehen.Die großen demokratischen Parteien haben es lange nicht vermocht, die von bizarren antideutschen Haßtiraden begleitete Blockade der rechtsextremistischen "Republikaner" zu verhindern.Die Sozialdemokraten haben sich aus einer kurzsichtigen Profilsucht heraus sogar selbst in den Sumpf der nationalistischen Angstmacher aus dem braun-roten Lager hinab begeben.Daß das Dokument, das die Gräben der belasteten Vergangenheit überbrücken soll, schließlich angenommen wurde, erscheint nach diesem Trauerspiel beinahe als zweitrangig. Dennoch: In einer Demokratie ist der oberste Souverän das Volk und dessen Vertretung das Parlament.Die Volksvertretung ist auch eine Art Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft, die letztlich die Realität bedeutet, die die Politik nicht umgehen kann.Das Prager Parlament ist hier keine Ausnahme.Schon der Appell von Premier Klaus, die Deklaration anzunehmen, weil sie Ausdruck eines neuen Selbstbewußtseins sei, das sich nationaler Komplexe und irrationaler Befürchtungen entledigt habe, bestätigte dies nachdrücklich. Die bizarre Ablehnungsfront aus den wirr-nationalistischen Reps, den Kommunisten und großen Teilen der Sozialdemokraten ist nicht vom Mars gefallen; es sind alles Politiker, die von den Bürgern gewählt worden sind.Gewiß, jeder weiß, daß nicht hinter jedem Mandat eine Summe von absolut gleichgesinnten Wählern steht.Der paranoide Geist, der den Plenarsaal des Abgeordnetenhauses im geschichtsträchtigen Gebäude des Böhmischen Landtags über weite Strecken der Debatte umnebelte, ist aber nicht nur der Geltungssucht einzelner Politiker oder Parteien entsprungen.Die Nein- und Jein-Sager haben ganz klar mit des Volkes Stimmung kalkuliert.Und diese ist allem Anschein nach bei der Mehrheit immer noch durch das Vorstellungsbild eines nationalen "Überlebenskampfes" des vorigen Jahrhunderts geprägt. Der Lauf der Dinge in diesem Jahrhundert hat allerdings - auch das muß fairerweise gesagt werden - wenig dazu beigetragen, daß sich die tschechische Nation von dem kollektiven Gefühl der Angst und Bedrohung befreien konnte.Läßt man das spezifisch tschechische Problem einer vielschichtigen Haßliebe zu der österreichischen Vergangenheit beiseite, war die Periode einer relativen politischen und wirtschaftlichen Konjunktur im Rahmen des modernen demokratischen Europa, in der Ersten Republik von 1918 bis 1938, zu kurz.Und gerade als sich die dortige Gesellschaft Ende der 20er Jahre anschickte, sich von dem kleinkarierten Nationalismus zu befreien, als die größten sudetendeutschen Parteien an der Regierung beteiligt wurden und eine publizistische Diskussion gegen den Mythos eines "tausendjährigen Kampfes mit dem Deutschtum" eröffnet wurde, kamen die Rückschläge: durch die Weltwirtschaftskrise und den deutschen Nationalsozialismus.Auf die Zerschlagung der Vernunft durch die aus der wirtschaftlichen Verelendung geborenen und durch Hitlers Propaganda fanatisierten Aktivisten der Sudetendeutschen Partei Henleins folgte dann eine lange Nacht der Unfreiheit.Der nachfolgende Terror der sechsjährigen NS-Besatzung, der das nationalistische Denken von neuem entfachte und die grausame Vertreibung der Sudetendeutschen zur Folge hatte, bereitete auch den Boden für den neuen Kerkermeister aus Moskau, der sich zunächst als "die slawische Schutzmacht" zu empfehlen wußte. Die vor sieben Jahren nach Prag zurückgekehrte Demokratie hat daher ein überaus schwieriges Erbe eines fast fünfzigjährigen nationalen Entwicklungsstillstands zu bewältigen.Daß die tschechische Gesellschaft ein entspannteres Verhältnis zu ihrer nationalen Identität gewinnt und damit den Anschluß an die (west-)europäischen Nachkriegsentwicklung findet, dazu kann die Entkrampfung der Beziehungen zu Deutschland wesentlich beitragen.Daß sich das tschechische Parlament mit diesem Prozeß (noch) so schwer tut, verdient - trotz allem - Nachsicht.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar