Zeitung Heute : Praxisnahe Lehrerausbildung – und zwar sofort

Der Tagesspiegel

Ein überfüllter Saal im Hotel Intercontinental, Leser-Fragen ohne Ende, aber auch schon erste tragfähige Antworten der Experten – dies kennzeichnete den „Treffpunkt Tagesspiegel“ am Dienstagabend. Intensiv wurde debattiert über die Konsequenzen aus der Pisa-Studie, denn die Frage des Abends lautete: „Versetzung gefährdet. Welche Nachhilfe braucht die deutsche Bildung?“ Bald wurde deutlich, dass sich auch in den Universitäten etwas ändern muss: die Lehrerausbildung.

Wie ein roter Faden zog sich durch die Statements von Experten und Lesern die Kritik am praxisfernen Studium der angehenden Lehrer. Die Rede war von „Pädagogen“, die oftmals erst nach einem sechsjährigen Studium den Weg in die Schule finden. Wenn sie dann während des Referendariats feststellen, dass sie dem Schulalltag nicht gewachsen sind, ist es meist schon zu spät für ein neues Berufsziel. FU-Vizepräsident und Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen forderte deshalb, dass es schon während des Studiums wesentlich mehr Kontakt zu Schulen geben müsse.

Parallel soll aber auch das Studium selbst verändert werden. Bildungssenator Klaus Böger und Lenzen waren sich darin einig, dass die Studiendauer verkürzt werden muss. Lenzen sprach von einem sechssemestrigen Studium. Außerdem müsse das Fachstudium zugunsten von Disziplinen wie Pädagogik eingeschränkt werden. Lenzen kritisierte, dass nur zwölf von 160 Pflichtstunden der Lehrsamtsstudenten auf das Konto „Erziehungswissenschaft“ gehen. Und er gab zu bedenken, dass es in anderen Staaten durchaus üblich sei, dass Lehrer nur ein Fach studieren. Dadurch bleibt mehr Raum für Methodik und Didaktik. Der Erziehungswissenschaftler ging sogar auf Distanz zum Staatsexamen für Lehrer.

Auch Uwe Schlicht, Ressortleiter für Bildung beim Tagesspiegel, sieht den „Schlüssel“ für Verbesserungen in den Schulen bei der Lehrerausbildung. Aber er erinnerte auch ungeduldig daran, dass genau darüber seit Jahren diskutiert werde. Inzwischen lägen viele gute Vorschläge aus mehreren Bundesländern auf dem Tisch, die es nur umzusetzen gelte. Deshalb sei die Reform innerhalb von zwei Jahren zu machen – wenn man nur wolle. Er warnte dringend davor, die Konsequenzen aus Pisa auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben.

Auch die Lehrer-Weiterbildung war ein heiß diskutiertes Thema. Ein Lehrlingsausbilder aus dem Ostteil berichtete von seinem Erschrecken, als er erfuhr, dass im Westteil die Lehrerausbildung nicht Pflicht sei. Mieke Senftleben von der FDP würde die Lehrer am liebsten zu einer einwöchigen Fortbildung während der Ferienzeit verdonnern. Lenzen berichtete von einer österreichischen Weiterbildungshochschule, die von den Lehrern mitfinanziert werde. „Wir brauchen eine verbindliche Fort- und Weiterbildung“, so seine klare Forderung. Andernfalls könnten die Lehrer nicht den Anschluss an die Entwicklung bekommen.

Immer wieder wurde in der Diskussion deutlich, dass viele es schätzen, dass durch Pisa die Fakten auf den Tisch kamen. Sie sei „heilfroh“ über den Druck, der durch Pisa entstanden sei, sagte etwa Mieke Senftleben. Und Peter Schmidt vom Landeselternausschuss stellte fest, dass Pisa endlich die „Schwachpunkte in unserem Bildungssystem“ aufzeige. Aber es gab auch Empörung darüber, dass die großen Defizite deutscher Schüler erst jetzt mit dem nötigen Nachdruck diskutiert werden. Ein Leser, der im Berufsschulwesen tätig war, erinnerte daran, dass die IHK immer wieder auf die mangelnden Schulkenntnisse der Auszubildenden hingewiesen habe – etwa bei der Rechtschreibung und Mathematik. „Das hat die Schulaufsicht nicht interessiert“, so sein bitteres Resümee nach vielen Jahrzehnten Erfahrung.

Generell waren sich alle einig, dass es allein mit der Reform von Lehrerbildung und Unterricht nicht getan ist. Peter Schmidt betonte, dass sich auch im Verhältnis Lehrer-Eltern einiges ändern müsse. Man brauche mehr Austausch, müsse mehr miteinander reden, damit die Lehrer aufhörten, die Eltern zunächst nur als „Störenfriede“ zu sehen, und damit die Eltern nicht mehr generell davon ausgingen, dass die Lehrer „inkompetent“ seien.

Vor allem aber ist inzwischen Konsens, dass die vorschulische Erziehung reformiert werden muss. Dazu seien die deutschen Erzieher infolge ihrer unzureichenden Ausbildung nicht in der Lage, meinte Lenzen. Er verwies auf Griechenland, das seine Erzieher inzwischen an der Uni ausbilden lasse. Die Erzieherausbildung ist denn auch ein Punkt, an dem Böger als Reaktion auf Pisa ansetzen will. Der Senator bekam allerdings gehörig Schelte dafür, dass der Senat bei der Hort- und Erzieherausbildung 27 Millionen einsparen will.

Es wurde aber noch grundsätzlicher im Laufe des Abends. Als der Moderator des Abends, Wissenschaftssenator a.D. George Turner, fragte, ob uns denn das Bildungsbürgertum verloren gegangen sei, antwortete der FU-Vizepräsident mit dem Statement, dass die Frage, was Bildung sei, in den vergangenen 30 Jahren eine große Wendung genommen habe. Es gebe jetzt einen „negativen Beigeschmack“, wenn man von „Gebildeten“ spreche. Das sei vielleicht „eine Folge von 1968“. Susanne Vieth-Entus

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