Zeitung Heute : Premierminister fordert Volk zum Feiern auf

TOULOUSE (sid).Rumäniens "Alte Herren" haben die Dickköpfigkeit von Englands Team-Manager Glenn Hoddle hart bestraft und in ihrer Heimat die größte Siegesfeier seit dem Sturz des Ceausescu-Regimes im Jahre 1989 ausgelöst.Mehr als 50 000 Menschen jubelten auf dem Universitätsplatz in Bukarest über den 2:1 (0:0)-Triumph gegen England und den Einzug ins Achtelfinale der WM in Frankreich.Rumäniens Premierminister Radu Pasile hatte sich zuvor per Fernsehansprache vom Staatsbesuch aus Polen gemeldet und sein Volk aufgefordert, auf die Straßen zu gehen und zu feiern.

"Für viele Spieler ist das die letzte Weltmeisterschaft, denn sie sind älter als 30 Jahre.Wir wollen beweisen, daß das Erreichen des Viertelfinales 1994 kein Zufall war", kündigte Dorinel Munteanu vom Bundesliga-Absteiger 1.FC Köln weitere WM-Paukenschläge der Rumänen an.

Die Rumänen haben ihren Platz in Runde zwei bereits sicher, England muß dagegen im letzten Gruppenspiel gegen die punktgleichen Kolumbianer kräftig zittern.Sündenbock für die britischen Medien war Teamchef Hoddle.Der hatte zunächst erneut auf David Beckham und Michael Owen verzichtet, obwohl deren Einsatz unter der Woche vehement gefordert worden war.

So hatte sich auch Erfolgstrainer Alex Ferguson von Manchester United für seinen Schützling Beckham - er bekam in den WM-Testspielen stets die besten Kritiken - stark gemacht.Dafür handelte sich der "alte Hase" jedoch postwendend einen Rüffel des eigensinnigen Youngsters Hoddle (40) ein, dem von den Kritikern "unangebrachter Glaube an sich selbst" vorgeworfen wird.

Auch die mindestens 20 000 englischen Fans in Toulouse verlangten nach dem 0:1-Rückstand durch Viorel Moldovan (47.) und dem "Angsthasen-Fußball" des Ex-Weltmeisters lautstark nach Beckham und Owen."Wunderkind" Owen kam, und der 18jährige bedankte sich nach seiner Einwechslung für den Totalausfall Teddy Sheringham prompt mit dem 1:1-Ausgleich (83.) sowie einem Pfostenschuß, ehe dann durch Dan Petrescu kurz vor dem Abpfiff die "kalte Dusche" folgte: das Siegtor für Rumänien.

"Wir haben England durch zwei Engländer in die Knie gezwungen", titelte die rumänische Zeitung "Gazeta Sporturilur" in Anspielung auf die beiden Torschützen, die ihr Geld bei Coventry City und FC Chelsea im Fußball-Mutterland verdienen."Unser Abwehr war erbärmlich, das waren Schuljungen-Fehler", polterte Hoddle nach den Aussetzern von Tony Adams und Graeme Le Saux, die zu den Gegentreffern geführt hatten.Doch für das Massenblatt The Sun hatte der Teammanager selbst den "Schwarzen Peter": "Hoddle gibt der Abwehr die Schuld an zwei schlampigen Gegentoren.Die Frage ist, ob er groß genug ist, zuzugeben, daß er die Mannschaft in der gleichen schlampigen Weise aufgestellt hat.Dafür hat er die Quittung bekommen."

Trotz der bitteren Niederlage ist Hoddle davon überzeugt, daß England weiterkommt."Egal, ob wir gegen Kolumbien gewinnen oder unentschieden spielen, wir erreichen die nächste Runde", verbreitet er weiterhin puren Optimismus.Allerdings weiß auch der Teamchef, daß die gravierendsten Mängel abgestellt werden müssen."Wir dürfen nicht mehr solche naiven Fehler in der Abwehr machen", so Hoddle.

Treffender war da der Kommentar von Hoddles Kollegen Anghel Iordanescu, der vor 18 Jahren in der WM-Qualifikation den ersten und bis dahin einzigen Sieg Rumäniens über England per Elfmeter zum 2:1-Endstand sichergestellt hatte."Das war eine wunderbare Show meiner Mannschaft."

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