Zeitung Heute : Prenzlauer Berg: Selbst in New York ein Markenname

Harald Olkus

Es sei ein bedauerlicher Abend für ihn, sagte Andreas Bossmann. Der neue Stadtrat für Stadtentwicklung im Großbezirk Pankow nahm an einer Diskussion über Perspektiven des Büroflächenmarkts in Berlin teil, bei der es speziell um die Konsequenzen für den neuen Großbezirk Pankow gehen sollte. Er hatte gedacht, endlich auch als Pankower in der Stadtmitte angekommen zu sein und die Vorzüge der City genießen zu können. "Aber dann wird doch nur die ganze Zeit über Randlagen geredet."

Kein Wunder: Denn in Prenzlauer Berg ist die Lage auf dem Büromarkt relativ problemlos. Der Süden des Stadtteils ist "hip" und die Flächenpotenziale in alten Gründerzeithäusern und ehemaligen Brauereien von rund 235 000 Quadratmetern werden auch in den kommenden Jahren ungefähr der Nachfrage entsprechen, prognostiziert Stadtplaner Günter Baasner. Vor allem bei jungen Technologie- und Kommunikationsfirmen - der New Economy - ist Prenzlauer Berg gefragt. "Wir wollten unbedingt nach Prenzlauer Berg, denn der Stadtteil ist mittlerweile selbst in New York ein Markenname", sagt Florence Danek, Pressesprecherin des Biotechnologie-Unternehmens Epigenomics AG. "Wir sind auf sehr gute Mitarbeiter angewiesen, die jedes Unternehmen in unserer Branche haben will. Da wir aber keine hohen Gehälter bezahlen können, muss das Umfeld stimmen." Buch, das am anderen Ende des neuen Großbezirks liegt, wäre in dieser Hinsicht eine Katastrophe. Denn auch junge Bioingenieure und Informatiker wollen in ihrer Freizeit lieber am Flair eines Szeneviertels teilhaben, als auf der grünen Wiese zu sitzen.

Doch schon am S-Bahn-Ring beginnt die Lage für die Kommunalpolitiker weniger komfortabel zu werden. Allein im Entwicklungsgebiet Eldenaer Straße sollen auf dem alten Schlachthofgelände in den nächsten zehn Jahren rund 250 000 Quadratmeter Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsflächen entstehen - bei einem weitaus weniger ausgeglichenen Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Noch düsterer sind die Erwartungen für Pankow und Weißensee. Nur rund 20 Prozent der Bürovermietungen in Berlin entfallen auf den gesamten äußeren Stadtraum, sagt Rolf Scheffler von Aengevelt-Research. Entsprechend klein ist das Kuchenstück, das für den Norden des Großbezirks übrig bleibt. Im vergangenen Jahr seien in Pankow rund 20 000 Quadratmeter Bürofläche umgesetzt worden, nur ein Bruchteil der Angebotsreserve. Auch die neu errichtete Bürostadt Weißensee (DGZ) hat noch Kapazitäten frei. Und daran wird sich so schnell nichts ändern. Denn die Innenstadt bleibt auch weiterhin der bevorzugte Standort für Büromieter, sagt Torsten Tonndorf von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Rund 30 Prozent aller Bürovermietungen entfielen bislang auf den alten Bezirk Mitte. Weitere 15 Prozent zog es nach Tiergarten. Der gesamte Großbezirk Pankow bekam zum Vergleich nur rund vier Prozent der Mieter ab.

Bei der Senatsverwaltung hatte man diese eindeutige Standortpräferenz für die City nicht erwartet. In einem Bürostandortkonzept, das nach der Wende erarbeitet wurde, um die Büroansiedlung zu steuern, gingen die Planer davon aus, dass sich das Flächenangebot in der Innenstadt schnell erschöpft und schlugen zur Entlastung Bürokomplexe an den S-Bahn-Knotenpunkten am Ost- und Westkreuz sowie am Gesundbrunnen und dem Sachsendamm vor. Damals ging man von sechs Millionen Quadratmetern Bürofläche an den S-Bahn-Knotenpunkten und sieben Millionen Quadratmetern in der Innenstadt aus. "Diese Erwartungen haben sich aber nicht verwirklicht", sagt Tonndorf. Die geplanten Standorte konnten sich nicht durchsetzen. Eine Überlastung der Innenstadt ist immer noch nicht zu erkennen, dort gibt es noch genügend Flächenreserven. "Das liegt unter anderem auch daran, dass es sich bei den Vermietungen bisher hauptsächlich um kleinere Einheiten handelte", sagt Tonndorf. Rund 80 Prozent der vermieteten Flächen waren kleiner als 20 000 Quadratmeter. Großmieter, die wie am Potsdamer Platz ganze Hochhäuser füllen, sind Ausnahmen geblieben.

Um den veränderten Bedingungen Rechnung zu tragen, hat die Senatsverwaltung zusammen mit dem Stadtplanungsbüro Baasner, Möller und Langwald GmbH und der Immobilienfirma Bulwien AG die Studie Bürostandort Berlin 2010 erarbeitet, die bis zum Sommer veröffentlicht werden soll. Darin gehen die Stadtplaner von einem veränderten Leitbild aus: Der Bezirk Mitte wird auch weiterhin der hauptsächliche Standort für Büroansiedlung bleiben. Daneben gibt es eine kleinteilige Büronutzung in "urbaner Mischung" wie zum Beispiel in Prenzlauer Berg. Außerdem sollen sich verschiedene neue Standorte an den großen Radialen entwickeln, die aus der Stadt hinausführen. Es wird auch erwartet, dass sich verschiedene kleinere Zentren entlang des S-Bahn-Rings bilden.

Für die Zukunft schließlich erwarten die Planer einen Schwerpunkt an Büroflächen zwischen Innenstadt und dem geplanten Großflughafen in Schönefeld. In den kommenden fünf Jahren rechnen die Planer dabei mit einer Vermietungsleistung von rund 4,5 Millionen Quadratmetern. Während Tonndorf davon ausgeht, dass es solch ein Leitbild auch für Teile der Innenstadt geben muss, um das historische Zentrum sowie einige Wohngebiete zu erhalten und nicht zu reinen Bürogegenden werden zu lassen, könnten die Bereiche außerhalb des S-Bahn-Rings den "Marktmechanismen" überlassen werden.

Die Pankower Kommunalpolitiker haben mit dem südlichen Prenzlauer Berg zwar einen kleinen Zipfel der City hinzu bekommen. Für den Leerstand in Weißensee und Pankow hilft ihnen das aber nichts.

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