Zeitung Heute : Prêt à manger

Melonen-T-Shirts und Kleider aus Brot: Auf dem Laufsteg wird getragen, was sonst auf den Tisch kommt. Wie Mode und Küche zusammenfinden.

Esther Kogelboom

Mit Essen spielt man nicht“, sagt meine Oma. Und: „Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart.“ Nein, für Jean-Paul Gaultiers „Pain Culture“ hätte Oma kein Verständnis, ein britischer Journalist teilt ihre Auffassung größtenteils: „I have never felt more confused by the French“, schrieb er zur Ausstellungseröffnung im Juni vergangenen Jahres: „Noch nie haben mich die Franzosen mehr verwirrt.“

Was war passiert?

Der Modeschöpfer Gaultier, der schon immer gern mit den Symbolen des Französischen jongliert – Baguette, Barett, Barkassenquerstreifen –, hatte auf Einladung der Stiftung Cartier und mit freundlicher Unterstützung diverser Pariser Boulangerien Brotteig-Kleider und passende Accessoires produziert. „Brot wie Mode brauchen wir zum täglichen Leben. Beides sind vitale Grundstoffe. Denken Sie nur an den frischen Stoff von Brot, das Rascheln von Seide“, erklärte Gaultier einer Schweizer Zeitung. Und wie zur Bestätigung schickte er wenig später seine Models mit frischen Baguettes über den Laufsteg – als Teil der Gaultier-Kollektion Frühjahr/Sommer 2005.

Die Schülerinnen und Schüler der Berliner Esmod-Modeschule griffen Gaultiers Idee auf und veranstalteten im Herbst am Namenstag der heiligen Saint Catherine, der Schutzpatronin der Pariser Schneiderinnen, eine Benefizgala zum Thema „Patisserie – Boulangerie“, in der neben Sahnigem und Klebrigem auch ein eher berüchtigtes Küchengerät vorkam: das Nudelholz.

Mode und Nahrung gehen in letzter Zeit seltsame Verbindungen ein, das haben Karl Lagerfeld, der mit seiner Pülverchen-Crash-Diät nach dem Arzt Jean-Claude Houdret innerhalb von 13 Monaten ganze 42 Kilo abgenommen hat, und Kate Moss, die in den 90ern als spindeldürre Cool Britannia für Calvin Klein modelte und inzwischen wieder entscheidende Kilos zugenommen sowie ein Baby bekommen hat, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Und während beispielsweise im Sommer 2004 zierlichere Obstsorten wie Kirschen oder Beeren als Druck auf T-Shirts oder in Broschenform auftauchten, präsentieren die Designer für das kommende Frühjahr massive Ananas- und Honigmelonenprints – in Originalgröße auf Röcken, etwas verkleinert auf Tops und Jacken. Obstsorten scheinen Blumenranken als dekoratives Element abzulösen, vielleicht weil ein mit Grapefruits bedrucktes Shirt frischer wirkt als eine zugeknöpfte Laura-Ashley-Bluse.

Noch brisanter wird es, wenn Designer, statt mit bereits vorgebackenen Lebensmitteln zu spielen, gleich selber welche herstellen. So gesehen bei Armani, der in seinen Boutiquen echte Armani-Schokolade verkauft. Auch Gucci hat in Mailand ein Café eröffnet und einen deutschen Patissier eingestellt, der für die Guccionistas der Modemetropole Schokoladenstückchen fabriziert, in die das weltberühmte Gucci-Logo eingestanzt ist; das Sportmode-Label Iceberg will sein unkompliziertes Image mit der Herstellung von eigenem Wellness-Mineralwasser unterstreichen.

Eine neue, irgendwie abstraktere Variation bekommt das Thema Mode und Essen, wenn ein Koch zwei Mal im Jahr Defilées für seine Kreationen organisiert, wie es der Caterer Klaus-Peter Kofler macht. Er erfand – inspiriert von den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen – die Prêt-à-Manger-Cuisine: Essen, das auf exklusive Stehempfänge zugeschnitten ist. „Man muss es mit höchstens zwei Bissen und mit Hilfe einer einzelnen Serviette im Mund verschwinden lassen können“, sagt Kofler über die Richtlinien seiner Kunst. Für seine marinierte Sardelle mit Haselnuss-Öl, Birnengelee und Meerrettich sowie den Entenleberschaum mit Räucher-Öl und karamellisiertem Brioche, ganz zu schweigen von der weißen Schokolade mit Portwein, Feigen und Rosmarin haben sich Kofler und sein Cuisinier Juan Amador mehr Sterne, Punkte, Mützen, Kochlöffel und Hauben verdient, als Gewürzsorten in ein durchschnittliches Gewürzregal passen.

Für die neue Sommerkollektion, die Ende Februar wieder aufwendig präsentiert wird, begibt sich der 40-jährige Kofler auf einen Trip zurück Richtung Dekonstruktivismus: „Ich würde gern klassische, einfache Speisen in ihre Einzelteile zerlegen und im Zusammensetzen neu aufeinander beziehen.“

Das bedeutet: die Verwandlung einer ordinären Ofenkartoffel in ein gebackenes Püree. Kofler sagt, er habe bei der Berliner Bread&Butter-Modemesse den Trend zum einfachen, dafür aber qualitativ hochwertigen Kleidungsstück entdeckt. Das Konzept wolle er auch für seine Luxus-Häppchen-Kollektion aufgreifen – mehr Produkte von uckermärkischen Kleinbauern, weniger industriell überzüchtete Lachssorten. Damit die definitiv verwöhnten Kunden, zu denen auch die britische Königin Elizabeth bei ihrem Deutschland-Besuch gehörte, ihr gutes Gewissen behalten können.

Auf die Spitze getrieben hat der belgische Designer Dries van Noten seine große Liebe zu festlichen Menüs. Bei den jüngsten Schauen ließ er seine Models – beleuchtet nur von böhmischem Kristall – einfach direkt über eine sehr lange Tafel laufen, an deren Seiten die Gäste saßen und begeistert Pilze und Rucola verspeisten. Die weiße Tischdecke, die den Eatwalk bedeckte, soll aus einem einzigen, zusammenhängenden Stück Stoff bestanden haben.

Bleibt noch die Variante: Essen, das wie Mode aussieht. Einen ziemlich zickigen Afternoon-Tea bietet nämlich seit neuestem das Londoner Luxushotel The Berkeley. Dort werden den Damen der britischen Fashion-Society zwar wie gewohnt winzige Eclairs, Cupcakes und knusprige Shortbread-Biscuits zum Tee gereicht, doch das äußere Erscheinungsbild des Kleingebäcks orientiert sich in diesem Winter an der Farb- und Formgebung der neuesten Kollektionen von Emanuel Ungaro und Diane von Furstenberg. Serviert wird die Variante des klassisch-britischen Nachmittagstees nicht auf silberfarbenen Etageren, sondern auf echtem Paul-Smith-Geschirr. Richtig üppig sind die Portionen nicht: „Stylishes Design für mode- und figurbewusste Frauen“, so wirbt das Hotel für seine „Prêt-à-Portea“-Show im „Caramel Room“.

Doch ernsthafte Sorgen um die Figur muss sich keiner machen. Riskiert man einen Blick auf die neue Kollektion von John Galliano für Dior, wird man überrascht feststellen, dass der Meister für die kommende Saison um die Körpermitte herum recht üppig drapiert. Die Models allerdings trugen, glaubt man den Gerüchten, selbstverständlich keinen Speck unter den Brokatroben, sondern runde Kissen.

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