Zeitung Heute : Preußenjahr: Eine Liebesgeschichte

Kerstin Decker

Treffpunkt S-Bahnhof Hohenzollerndamm. Seine Bank steht auch am Hohenzollerndamm. Ist das Zufall? Ehrhardt Bödecker war der zweitgrößte Privatbankier Deutschlands, aber darf einer sein Leben lang Zweiter sein? Keineswegs, dachte Bödecker, und wurde der vielleicht größte Hohenzollern-Verehrer Deutschlands. Ja, Ehrhardt Bödecker liebt Preußen. Andere lieben Frauen und noch weitere unzuverlässige Dinge, Bödeckers Herz aber gehört der heute vor 300 Jahren Königreich gewordenen Zuverlässigkeit. Kann jemand dafür, wenn er liebt?

Der blaue Mercedes des Bankiers steht schon vorm S-Bahnhof. Wenigstens der Nahverkehr bewahrt das Gedächtnis der Entschwundenen, mag Bödecker denken. Wir fahren von seiner Straße und seiner Bank in sein Museum. Denn Bödecker hat seiner Leidenschaft ein eigenes Museum errichtet. Das unterscheidet ihn von weniger wohlhabenden Liebenden, allerdings leben deren Geliebte meist noch, was ein Museum unnötig macht, die Bödeckers hingegen ist schon über 50 Jahre mausetot. Das Brandenburg-Preußen-Museum liegt weit draußen in Wustrau, kurz vor Neuruppin. Da wohnten die von Zieten. Husarengeneräle. Bödecker war schon zu DDR-Zeiten dort. Und ärgerte sich über die verwahrlosten Gräber. Jetzt hat er sie herrichten lassen. Es ist zehn Uhr. In zwei Stunden führt Bödecker wieder eine Reisegruppe durch sein Museum. Er macht das gern. Die Mitteilsamkeit der Liebenden.

Bödecker ist 75 Jahre alt. Jedenfalls liest er das manchmal über sich, wahrscheinlich ist er dann immer ein bisschen erschrocken. 75, ist das nicht fortgeschrittenes Rentenalter? Gibt es eine Behauptung über Bödecker, die absurder wäre als die, er sei Rentner?

Ehrhardt Bödecker sieht seine Mitfahrerin mit festem Bankdirektorenblick an. Sehr prüfend. Zahlungsfähig? Geistig? Denn es gibt nur wenige Menschen, erfuhr Bödecker schmerzhaft, die wirklich etwas von Preußen verstehen. Am wenigsten wissen jene, die in Zeitungen darüber schreiben, ahnt Bödecker und belegt das an den Neuerscheinungen des Tages. Wir fahren in Richtung Spandau. Das heißt, der Mercedes fährt, Bödecker selbst ist schon weit voraus, zurückgekehrt in die Vergangenheit. Er ist in Preußen. Hauptschuld an der Verleumdung Preußens trage natürlich Karl Marx. Der Museumsbesitzer spricht den Namen mit tiefem unheilvollem Knarren aus; dann befällt ihn ein plötzlicher Verdacht: Wer in Marxens Einflusssphäre aufwuchs, ist der nicht ohnehin für Preußen verloren?Andererseits: Wer wuchs eigentlich nicht in Marxens Einflusssphäre auf? Zuletzt doch die gesamte Bundesrepublik mitsamt ihrer Geschichtsschreibung. Der Bankier hebt die rechte Hand vom Steuer und verscheucht die Geschichtsschreibung mit einem kurzen Aufwärtsschnellen der Finger. Er zähle jetzt mal auf, was ihn an Preußen fasziniere. Erstens, Gründung der Halleschen Universität im Jahre - kurzer auffordernder Blick zur Beifahrerseite, unbeantwortet - im Jahre 1694 also. Thomasius, Christian Wolff lehrten hier, woran man eins sofort erkenne: Deutschland hatte die Aufklärung 60 Jahre früher als Frankreich. "Das ist sensationell!" Wir überholen einen grünen VW. Was aber war im Jahre 1717? Pause. Bödecker senkt in tiefer Resignation die Augen, was begreiflich, mit Blick auf die Straße jedoch riskant ist, hebt sie wieder und antwortet: die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. "Das war sensationell!"

Nächster Punkt - Bödecker wird jetzt etwas schneller, genau wie sein Mercedes - das Allgemeine Preußische Landrecht. Bis vor 30 Jahren noch habe das Polizei- und Enteignungsrecht gegolten. Und dann die Gründung der Berliner Universität, "der Mutter der europäischen Wissenschaften", gar nicht zu reden vom Zollverein, schließlich die Reichsgründung! Bismarck! Es ist, ruft der Bankdirektor, einfach sensationell.

Raureif liegt über dem ganzen Land, genau wie über der preußischen Geschichte. Oder nehmen Sie BSE, schlägt Bödecker vor. - Was, BSE in Preußen? - Nicht direkt, sagt der Bankier und Museumsbesitzer, nur müsse man sich mal vorstellen, wie Preußen mit BSE fertig geworden wäre. 1879, also kurz nach der Reichsgründung, hatten die das modernste Lebensmittelgesetz der Welt. Das "Verkaufen und Feilhalten von Thieren, welche an bestimmten Krankheiten leiden", ist verboten! Bödecker kann das auswendig. Bödecker, der Sachse. Ist seine Liebe zu Preußen nicht Verrat? Der einstige Bankdirektor bleibt ungerührt. Treitschke, sagt er, war doch auch Sachse und der größte Preußenverehrer dazu. Treitschke! Unwillkürliches Zusammenzucken bei dem Namen, den die Schule uns einst zusammen mit der mahnenden Wortgruppe "finsterster Hort des preußischen Militarismus" übergab. Treitschke, ein Liebender also auch er.

Die humane Prügelstrafe

Wir sind kurz vor Fehrbellin. Man wäre nicht erstaunt, gerieten wir hier jetzt mitten in die Schlacht. Aber alles bleibt ruhig, raureifstarr. Und was hält er, Bödecker, vom preußischen Militarismus? Ja, pphhhh, antwortet er, die Halbwissenden machen den Preußen die Prügelstrafe zum Vorwurf, aber ob sie denn wohl die Londoner "Times" von 1849 gelesen haben. "Die Preußen verachten unser Militärstrafrecht", stand da drin. Es folgt ein Exkurs, an dessen Ende das preußische Militärstrafrecht als eigentliches Humanum bewiesen ist. Jedenfalls im Vergleich zur englischen neunschwänzigen Katze.

Wustrau. Die restaurierten Zieten-Gräber neben der Kirche, die Bödecker neu decken ließ. Das Pfarrhaus, daneben sein Museum. "Und hier, sehen Sie den Adler auf dem Gedenkstein?", fragt der Hausherr am Markt. Den habe ich neu gießen lassen. Der Adler trägt eine preußische Krone. Bödecker mag Wustrau. Er ist der gute Geist des Ortes. Aber er wäre mit seinem Museum auch nach Spandau gegangen. Ein richtiges Preußisches Fort hätte er dort bekommen können. Doch Berlin wollte ihm das Fort nur gegen Vorlage eines Museumskonzepts verkaufen, einzureichen beim Kultursenator. Die Augen des Bankiers füllen sich mit unaussprechlicher Verachtung. Er, Ehrhardt Bödecker, sollte ein Exposé verfassen? Seit wann schreiben Liebende Exposés? Also Wustrau.

Die Reisegruppe aus Berlin ist schon da. Zuerst hält Bödecker einen kleinen Vortrag, er beginnt mit der "meines Erachtens unberechtigten Verleumdung eines der erstaunlichsten Staaten der Geschichte", spricht den Namen der Hauptursache mit gräulichem Knarren und kommt auf den Bevölkerungszuwachs Preußens - im späten 19. Jahrhundert jährlich 600 000 Menschen. Bödecker sagt nicht Bevölkerungszuwachs, er sagt "Überschuss". Und diesem erstaunlichsten Staat nun sei es gelungen, jedes Jahr neue 600.000 in die Arbeitswelt zu integrieren. Dank des hervorragenden Bildungssystems. Ob sich jemand vorstellen könne, die heutige Bundesrepublik würde das schaffen? Niemand kann es sich vorstellen.

Wenn Ehrhardt Bödecker über Preußen spricht, sagt er nach Art aller Liebenden "wir". "Was die französische Revolution mit ungeheurem Blutopfer erkauft hat, haben wir ganz in Ruhe gemacht." Bödecker ist gerade beim "sensationellen" Preußischen Landrecht. Es folgt Friedrich II., "die größte Führungspersönlichkeit Europas", die im Gegensatz zu allen anderen Herrschern immer mitten unter den Soldaten war. Hat ihn ein keineswegs unbekannter Berliner Schriftsteller nicht gerade "schwuler Flötenspieler" angetitelt? Da lässt ein Herr mittleren Alters mitten in die Erörterung der Schlacht bei Kolin den Satz fallen: "Wir haben aber jetzt eine Demokratie!" Bödecker sieht den Zwischenrufer erstaunt an. Wenn Sie einen Jumbo fliegen oder eine Bank leiten, glauben Sie, das geht demokratisch? Er habe nie einen Hehl daraus gemacht, seine Bank wie eine Kompanie geführt zu haben. Sicher war auch Bödecker immer mitten unter seinen Bank-Soldaten. Führung durch Vorbild und Sachkunde, daran glaube er noch immer. Darf man denn "Sie Reaktionär!" zu einem Liebenden sagen? Die Linke hat eben keine Ahnung von der Liebe.

Wir betreten die Galerie sämtlicher Hohenzollern von Friedrich I. (1415-1440) bis zum letzten deutschen Kaiser. Im Zieten-Zimmer steht neben einer Kant-Erstausgabe englisches Porzellan mit der "größten europäischen Führungspersönlichkeit" drauf. Sechseinhalb Millionen Mark hat das Museum Ehrhardt Bödecker gekostet. Vor der Pickelhaubensammlung die Heine-Gedächtnisminute. Er erkannte in den preußischen Helmspitzen sofort eine besonders geniale Form des Blitzableiters. Ob Bödecker auch manchmal an Heine denken muss? Aber Preußen lachte nie. Weil es so viel liebte?

Die Tafeln in Bödeckers Museum heißen "Das Deutsche Kaiserreich: der erste moderne Sozialstaat", "Das führende Land der Wissenschaft in der Welt" oder "Das Deutsche Reich: ein Rechtsstaat mit dem freiheitlichsten Wahlrecht in Europa". Eine große Frau mit Strickjacke und der Stimme eines Feldmarschalls steht jetzt vor der letzten Standarte des letzten deutschen Kaisers, die Wilhelm II. abgab, als er am 10. November 1918 über die holländische Grenze ging. "Es war das Ende von 500 Jahren Regierung der preußisch-deutschen Monarchie", hat Bödecker darunter geschrieben.

"Ich mag ihn", sagt die Frau mit der Feldmarschallstimme. Sie meint nicht den letzten deutschen Kaiser, sondern Bödecker. "Er zeigt von allem nur eine Seite, aber ..." Die Geschichtsprofessorin Dagny Wasmond nickt anerkennend. Früher hätte sie Bödecker bekämpft, genau wie sie ihre eigene Familientradition voller preußischer Generäle bekämpfte. "Ein Wachsfigurenkabinett, dieses Museum, wunderbar", sagt sie und verlässt es in Richtung der toten Husarengeneräle von Zieten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar