Zeitung Heute : Prinz Leopold

Schlutzkrapfen aus Potsdam

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

PRINZ LEOPOLD, Waldmüllerstr. 8. Babelsberg, Tel. 0331/704 68 31. Täglich ab 12 Uhr, alle Kreditkarten. Foto: Mike Wolff

Eine der liebsten Übungen der Restaurantkritik ist das Bepunkten und Besternen. Doch was bei Mathematikarbeiten und Autotests noch eine gewisse objektive Grundlage hat, gerät bei rein subjektiven Themen wie Genuss und Geschmack rasch zum absurden Theater. Dennoch schauen wir alle immer wieder gern in die ominösen Hitlisten, die die Rangfolge der tausend wichtigsten deutschen Küchenchefs auf zwei Stellen hinter dem Komma festzulegen belieben. Wissler konstant! Bourgeuil steigend! Und wenn uns jemand mit Kompetenz mit vielen Punkten auf ein gänzlich unbekanntes Restaurant hinweist, sind wir natürlich hellwach. So spendiert der aktuelle Führer des „Feinschmecker“ dem „Prinz Leopold“ in Babelsberg anderthalb Punkte. Das klingt nicht gewaltig; aber anderthalb Punkte hat in diesem gewichtigen Werk beispielsweise das vorzügliche „Seasons“, einen halben Punkt mehr das „First Floor“, das gemeinhin als bestes Berliner Restaurant gilt.

Wenn Sie hier eine gewisse Dosis Ironie herauszuhören vermuten, mag das nicht ganz falsch sein. Denn dass diese Relation nicht stimmen kann, ist ohne weitere Recherchen offensichtlich, und die Kollegen tun dem Babelsberger Prinzen sicher keinen Gefallen, wenn sie Gäste mit derart hohen Erwartungen an den Berliner Stadtrand lotsen. Immerhin: Man rühmt sich in der Speisekarte des hohen Lobs und wird es also wohl nicht ganz falsch finden.

Die Realität: Das Restaurant ist eine schlichte, trotz allerhand Trödel inclusive Flambierwagen ganz gemütliche Bauernstube mit echtem Kamin, die Küche sieht sich der Südtiroler Tradition verpflichtet. Konsequent gibt es also Schlutzkrapfen, die notorischen Alpen-Ravioli, die hier mit Schnittlauch und Käse trotz des etwas dicken Teigs recht gut gelangen. Auch gegen das Carpaccio vom Hirschfilet, mit Parmesan und kandierten Maronen ganz einleuchtend begleitet, gab es wenig einzuwenden, außer, dass Hirsch im rohen Zustand auch nicht anders schmeckt als Reh oder Ente oder Rind.

Der Absturz folgte bei den Hauptgängen. Hasenmedaillons und Entenbrust, in der Karte differierend beschrieben, kamen in nahezu identischer Aufmachung: mit einer Preiselbeer-Holundersauce und einem Berg von kandierten Quittenscheiben, die in ihrer kombinierten Kreischsüße schmeckten, als sei das Dessert gleich mit eingearbeitet worden. Der ohnehin nicht übermäßig widerstandsfähige Zweigelt von den Freien Weingärtnern der Wachau machte einen blitzartigen Abgang, und uns taten die Zähne weh. Dabei war zumindest die Entenbrust technisch gut gelungen, der Hase, in dünnen Scheibchen gebraten, hatte allerdings jeglichen Saft in der Pfanne verloren. Beilagen: ein nicht wirklich trüffeliger „Trüffelfladen“ aus Kartoffeln zum Hasen und ein bleicher, weicher Serviettenknödel zur Ente.

Der Zucker, der in den Hauptgängen steckte, fehlte in den drei Sorbets, die wässrig-kristallin aus der Tiefkühltruhe kamen. Erdbeer, Zitronengras-Prosecco, Quitte – wir hätten keins davon am Aroma erkannt. Und der ledrig-zähe, dunkelbraun gebratene Kaiserschmarrn würde auf österreichischem Boden vermutlich ernste juristische Konsequenzen für den Koch nach sich ziehen. Sehr freundliche Bedienung, dazu ein paar akzeptable Weine, die leider vor allem vom wunderbaren Südtiroler Angebot nicht mal einen schwachen Eindruck vermitteln.

Was war das denn nun bloß? Ein Gasthaus mit relativ hohem Anspruch, dem die Küchenleistungen weit hinterher hinken. Als Ausflugsziel in Babelsberg ist es dennoch einen Hinweis wert. Wer hinfährt, sollte aber nicht zu viel erwarten und Einfaches bestellen. Ein Gourmet-Ziel ist das „Prinz Leopold“ garantiert nicht.

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