Zeitung Heute : Prinzessin Piep

VOLKER STRAEBEL

Akusmatische Musik von Francis Dhomont in der Parochialkirche Als die elektronische Musik noch jung war, erschien sie vielen als Rettung aus der Misere des übermächtigen Traditionsbezugs instrumentalen Komponierens.Die Avantgarde suchte nach strukturalistischen Formkonzepten, nach einer jeden Interpreten überfordernde Komplexität, schließlich nach unverbrauchten Klängen.Heute, da es keine wahrhaft neue, nur noch zeitgenössische Musik gibt, hat auch die Tonbandmusik ihre Vorreiterrolle verloren.Allgemeiner Anerkennung erfreut sich derzeit die "Akustische Kunst" naturalistischer Klanglandschaften, illustrativer Klangverläufe und narrativer Radiostücke, deren Ästhetik den 30er und 40er Jahren verhaftet ist. Aber die Technik ist neu und ausgefeilt.Für das elektronische Konzert, mit dem sich Francis Dhomont, Gast des deutschen akademischen Austauschdienstes, von Berlin verabschiedete, hatte das Studio der TU nicht weniger als 26 Lautsprecher in der Parochialkirche angeordnet.Der 70jährige Meister frankokanadischer Elektronikmusik konnte so die Klänge seiner zwei einstündigen Stücke über akustisch unterschiedliche Lautsprecher im Raum verteilen, Lautrichtung, Dynamik und Farbe minutiös der Konzertsituation anpassen (Akusmatik). "Forêt profonde" (1994/96) führt in den tiefen Wald kindlicher Märchenwelten und ihrer psychoanalytischen Deutung durch Bruno Bettelheim, dessen beklemmende Biographie mit KZ-Internierung und Selbstmord in hohem Alter kurz aufscheint.Verschiedensprachige Stimmen erzählen in assoziativen Sprüngen, deuten an und verschweigen, während naturalistische Vogelrufe für Waldatmosphäre und Türenschlagen für Beklemmung sorgen.Auch die rein elektronische Faktur verdoppelt nur den Ausdrucksgehalt des Textes, indem etwa pulsig aufsteigende und sich aufhellende Klänge das Erwachen der Prinzessin vertonen.Bei aller Musikalität der Gestaltung und schlüssiger Annäherung von realen und künstlichen Klängen verweist seine narrative Struktur dieses Traumspiel eher in den Bereich des Hörspiels: Literatur mit Apparaten.VOLKER STRAEBEL

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