Zeitung Heute : Prinzip Hoffnung

KATRIN BETTINA MÜLLER

Das Künstlerhaus Berlin sucht nach Utopie und ApokalypseKATRIN BETTINA MÜLLERAm Ende Glanz: Eine lichte Tafel Transparenz und Helligkeit bildet den Schluß- und Höhepunkt des apokalyptischen Zyklus des Malers Jaques Gassman.Mit einem goldenen Schimmer über grüner Erde rahmt Günther Beckers seine Bilder vom Untergang der Titanic.Die Maler setzen die weiße Leere und die Farbe Gold ein, um dem Unvorstellbaren und der Vision vom Neuen Jersualem im letzten Kapitel der Apokalypse eine Projektionsfläche zu geben. Denn um die Dimension der Hoffnung in diesem biblischen Text geht es dem Verein Künstlerhaus Berlin bei seiner Suche nach dem Apokalyptischen in der Kunst der Gegenwart.Der Ausstellung der beiden Maler Jaques Gassman und Günther Beckers soll im Herbst ein Buch über das gleiche Thema in bildender Kunst, Literatur, Musik, Film und Theater folgen.Das Künstlerhaus will mit seiner Ausstellung gegen die Konjunktur der Bilder vom Untergang und gegen ein "vulgäres Verständnis" der Apokalypse antreten."Todessturz - Lebensfest" heißt deshalb die Ausstellung, mit der die Einrichtung im Bethanien zu Gast ist. Doch der Versuch, gegen die Inflation des Horrors mit Malerei und Wiederlesen des in seiner Flut von Visionen verwirrenden Textes zu argumentieren, ist eherrührend und altbacken.Denn daß die populären Phantasien die Intention der Apokalypse verfehlen, liegt wohl vor allem an der Unterhaltungsindustrie: Schließlich ist nicht die biblische Botschaft ihr Ziel, sondern das Klingeln der Kinokassen.Wäre da nicht die Frage interessanter, warum sich die Furcht vor dem Weltende und die Lust an der Zerstörung ausschlachten läßt, statt der falschen eine richtige Lesart entgegenzuhalten? Schließlich hat der Stoff auch Jaques Gassmann durch den Sog von Auflösung und Haltlosigkeit in Bann geschlagen.Aus dem Rückzug des Sichtbaren in Schatten, Umrisse oder Fehlstellen im Bild beziehen seine 32 großen Tafeln ihre Spannung.Teils kann man das Personal des Weltentheaters irgendwo im Bildgrund erahnen, durch Konturen wie aus einem Fotonegativ: Thronende und Stürzende, Engel und Reiter, die Scharen des Jüngsten Gerichtes.Aber ebenso, wie man in der Schrecksekunde des Blitzes geblendet wird und kaum mehr etwas erkennt, rückt dieses Bildgeschehen in den Hintergrund eines Kampfes von Licht und Dunkel, von Gewölk und kosmischen Erscheinungen.Mit Tusche hat Gassmann eine Technik entwickelt, die den Bildflächen einen silbrig grauen Glanz gibt.Teils wie weggefressen, weggeätzt, durch Säure und Feuer gegangen, wirken die Bildoberflächen, selbst ein Produkt apokalyptischer Chemie.Auch wenn Gassmann auf eine Illustration des Stoffes verzichtet, so nutzt er ihn als thematische Legitimation des gärenden Bildgrundes.Zwischen 1989 und 1992 entstanden, wurde der Zyklus in Kirchen in Würzburg, Rotterdam und Stockholm gezeigt. Auch Günter Beckers "U.T.O.P.I.A. A.U.R.E.A.(1991 - 1993) wurde zuerst in einer zum Museum umgewidmeten Kirche präsentiert und nutzte die symmetrische, achsiale Ordnung der Architektur für Bezüge zwischen den einzelnen Bildthemen.Der Künstler hat sich aus der Apokalypse verschiedene Themenkomplexe herausgesucht, mit denen er die Gattungen Portrait, Landschaft und Stilleben durchquerte.Dem Sturz der Berge ins Meer, dem Herabfallen der Sterne oder dem Regnen von Blut gelten die aufgewühlten Farbgründe der Landschaften, den 24 Ältesten die 24 (an Bacon) erinnernden Papstporträts.Aus fünf Tafeln setzt sich das ehemalige Altarbild zusammen, das mit brechenden Wänden und eindringenden Wassermassen vom Untergang der Titanic erzählt.So hat Beckers aus der Apokalypse ein eigenes System gebaut.Der Stoff wird zum Programm und produktiven Motor, das den Bilderauswurf anheizt. Die ständige Metamorphose der Vorstellungen und das Tempo, mit dem hier eine Phantasie unter Hochdruck arbeitet und ganze Weltentwürfe schnell hin- und wieder wegwischt, scheint schließlich beide Maler mehr interessiert zu haben als jegliche Botschaft.Die Suche des Künstlerhauses Berlin nach Verantwortung und Spiritualität in der Kunst bietet ihrem Bilderrausch etwas naiv einen großen Rahmen. Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 14.September; Mittwoch bis Sonntag 14 - 19 Uhr.

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