Zeitung Heute : Prinzip Hoffnung

Ein Jahr nach der Tagesspiegel-Themenausgabe „Arbeitslos“: Sechs Berliner berichten über ihre Erfahrungen in den vergangen zwölf Monaten

Dagmar Rosenfeld

Am 6. März 2002 stellte der Tagesspiegel in seiner Themenausgabe „Arbeitsmarkt“ 30 Berliner und Berlinerinnen vor, die alle nur einen Wunsch hatten: endlich wieder eine Stelle zu finden. Akademiker, Handwerker, Sozialarbeiter, Buchhalter, Bürofachkräfte – 30 von damals 4 296 157 Arbeitslosen in Deutschland.

Heute, ein Jahr später, erzählen sie, wie es ihnen in den vergangenen zwölf Monaten ergangen ist. Schließlich hat sich auf dem Arbeitsmarkt einiges getan. 2002 war das Jahr von Peter Hartz. Mit dem Reformkonzept, das seine Kommission entwickelt und dem der Bundestag zugestimmt hat, soll die Arbeitsvermittlung in Schwung kommen. Und so soll 2003 das Jahr der Job-Floater, Ich-AGs und Personal-Service-Agenturen (PSA) werden.

Hier kommen nun die Betroffenen zu Wort: Diejenigen, die immer noch auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind und auch diejenigen, die nach jahrelanger Arbeitslosigkeit wieder eine Anstellung gefunden haben. Einige von ihnen können erzählen, wie sie es geschafft haben wieder in Lohn und Brot zu kommen – aber eben nur einige. Die anderen erzählen darüber, was sie alles unternehmen, um Arbeit zu finden. Fortbildungen, Umschulungen, ABM-Stellen, Zeitungsannoncen: Auch wenn sie alle nur ein Ziel haben, gehen sie ganz unterschiedliche Wege. In einem Punkt allerdings sind sie sich einig: Um einen Arbeitsplatz zu bekommen, bedarf es vor allem Zweierlei – Ausdauer und Zuversicht.

Kathi Hackensellner ( 35), Finanzbuchhalterin

Die Geschichte, wie sie vor einem Jahr einen neuen Arbeitsplatz gefunden hat, erzählt Kathi Hackensellner immer noch gerne: Von der Aktion des Tagesspiegels und den Tagen danach, als ihr Telefon nicht mehr aufgehört hat zu klingeln. Monate lang hatte sie eine Bewerbung nach der anderen geschrieben, eine Absage nach der anderen kassiert und auf einmal hatte sie gleich acht Jobangebote auf dem Tisch liegen – und eine Anfrage von Spiegel-TV. Letztere hat sie allerdings abgelehnt, schließlich wollte sie keine Karriere als Vorzeigearbeitslose machen. „Acht Stellenangebote, mit einer solchen Resonanz hatte ich wirklich nicht gerechnet“, sagt Kathi Hackensellner.

Ihre Stelle in der Buchhaltung bei dem Berliner Metallverarbeitungsunternehmen Rexroth sei ein „Volltreffer“, sagt sie. Die Firma sei bodenständig, ihr Chef großartig und die Kollegen seien „klasse“. Einige von ihnen haben Kathi Hackensellner auf die Tagesspiegel-Aktion angesprochen. „Die meisten fanden es mutig von mir, mich als Arbeitslose zu outen, so mit Foto und allem drum und dran“. Aber es habe sich ja gelohnt: „Vielleicht würde ich sonst noch immer zu Hause sitzen und Bewerbungen schreiben.“

Den Glauben an Vermittlungserfolge durch die Arbeitsämter hat Kathi Hackensellner jedoch verloren. Seit sie bei Rexroth als Buchhalterin arbeitet, hat sie schon einige Male versucht, über das Arbeitsamt eine Aushilfskraft zu bekommen. Doch trotz genauen Anforderungsprofils seien fast nie Leute mit den angefragten Qualifikationen dabei gewesen. „Da wundert es mich nicht, dass ich, als ich noch auf Arbeitssuche war, über das Arbeitsamt keine Stelle gefunden habe“.

Jens Flade ( 41),

Druckerhelfer

Jens Flade versteht die Arbeitswelt nicht mehr. Seit bald zwei Jahren ist er auf Stellensuche und hat in all der Zeit nur zwei Angebote bekommen. „Beide als Helfer in einer Druckerei“, erzählt Flade. Und beide musste er ablehnen – weil es sich nicht gerechnet habe. „Mein Verdienst wäre niedriger gewesen als die Arbeitslosenhilfe, die ich bekomme“, sagt er. „Und zwar um einiges niedriger“. Fast 300 Euro hätte er im Monat weniger auf dem Konto gehabt. „Das ist doch verrückt, oder?“ Da sei ihm doch gar nichts anderes übrig geblieben, als zu sagen: „Nein danke, dann bleibe ich lieber arbeitslos“. Zumal er als alleinerziehender Vater auch seinen 15-jährigen Sohn mit über die Runden bringen muss. Wegen des Jungen ist Flade derzeit noch an Berlin gebunden. Im Sommer 2004 macht der Junge seinen Schulabschluss und dann will Flade sich auch deutschlandweit bewerben. „Vielleicht gibt es ja außerhalb Berlins bessere Angebote“, macht er sich selber Mut.

Michaela Horn (31),

Fotografin und Webdesignerin

Michaela Horn ist raus aus der Arbeitslosenstatistik: Sie gehört seit knapp zwei Wochen zum berufstätigen Teil der Bevölkerung – allerdings nur für zwölf Monate. Dann läuft ihre ABM-Stelle wieder aus. Michaela Horn betreut Mädchen ohne Schulabschluss. Sie soll ihnen den Umgang mit Computer und Internet beibringen.

Frau Horn findet, dass solche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eigentlich Arbeitsversorgungsmaßnahmen heißen sollten. Denn sie glaubt, den Arbeitsämtern gehe es vor allem darum, die Zahl der Arbeitslosen zu reduzieren – und zwar ohne Rücksicht auf Qualifikation und Neigung der Betroffenen. „Hauptsache einer weniger“ sei da die Devise. Frau Horns ABM-Stelle hat mit ihren erlernten Berufen als Webdesignerin und Fotografin wenig zu tun. „Ich habe keine pädagogische Ausbildung“, sagt sie. Es sei schon nicht einfach, erwachsenen, lernwilligen Menschen die Computerwelt verständlich zu erklären. Aber bei den Mädchen sei das ohne didaktische Kenntnisse fast unmöglich. Zwar hat Michaela Horn jetzt eine befristete Stelle, aber ihr Können als Webdesignerin kann sie hier nicht zum Einsatz bringen. „Beruflich bringt mich das nicht weiter“, sagt sie. Dennoch, Frau Horn ist keine, die sich leicht unterkriegen lässt. So durchforstet sie weiter Internet und Zeitungen nach Stellenangeboten. Und auch wenn sich bisher nichts ergeben hat: Sie gibt die Hoffnung nicht auf, eine Stelle in einem der Berufe zu finden, die sie gelernt hat.

Thomas Fuhlbrügge (37), Maurermeister

Flexibilität ist auf dem Arbeitsmarkt eine gefragte Eigenschaft. Egal, ob Montagearbeiter, Verkäufer oder Führungskraft – im Anforderungsprofil taucht unter Garantie das Wort „flexibel“ auf. Thomas Fuhlbrügge ist gnadenlos flexibel. Eigentlich wollte er Häuser bauen. Deswegen hat er seinen Meister als Maurer gemacht (die Kosten für den Lehrgang stottert er noch heute ab), doch jetzt wird er Autos bauen. „Man muss halt Kompromisse machen, um eine Arbeit zu finden“, sagt Fuhlbrügge. Für ihn bedeutet das aber auch, sich endgültig von seinem Traumberuf zu verabschieden – und von Berlin.

Ab April wird er in Wolfsburg bei der VW-Tochterfirma „Auto 5000“ den Turan fertigen. 5000 mal 5000 heißt die Formel, die Fuhlbrügge den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt ermöglicht. Ein Projekt, das im vergangenen Jahr nach zähen Verhandlungen zwischen VW und IG Metall gestartet wurde. Die Mitarbeiter von Auto 5000 bekommen nach einer sechsmonatigen Einarbeitungsphase einen Arbeitsvertrag für drei Jahre, 2556 Euro brutto (das liegt unter dem VW-Haustarif) und garantierte Weiterbildungskurse. Allerdings werden Fuhlbrügge und seine Kollegen nicht nach Zeit, sondern nach Erreichen eines vorgegebenen Produktionsziels bezahlt. „Für mich beginnt nach anderthalb Jahren Arbeitslosigkeit ein neues Leben: neuer Job, neue Stadt, neue Freunde“, sagt Fuhlbrügge. Er ist eben ein wirklich flexibler Arbeitnehmer.

Christiane Raue (41),

Malerin und Lackiererin

Christiane Raue ist nur schwer ans Telefon zu bekommen. Entweder es ist besetzt oder niemand ist zu Hause. Sie ist momentan viel unterwegs – zu Fuß durch Berlin oder online im Internet. „So ist das wenn man auf Arbeitsplatzsuche ist“, sagt Frau Raue. Ihre Stimme klingt erschöpft und längst nicht mehr so zuversichtlich wie vor einem Jahr. Damals, im März 2002, hatte sie gerade ihre Stelle bei einem Malerbetrieb verloren – eine von 140 000 Beschäftigten im Baugewerbe, die im vergangenen Jahr arbeitslos geworden sind. Dennoch war sie sich ganz sicher, schnell wieder was zu finden. „Das kann ja auch eine Chance zum Neuanfang sein“, hat sie gedacht, damals.

Heute geht es der Baubranche nicht besser als Anfang 2002 – Christiane Raue aber um einiges schlechter. Was sie auch anstellt, Arbeit bekommt sie nicht. Und sie stellt einiges an: Sie durchforstet das Internet nach Stellenangeboten, gibt selber Anzeigen in der Zeitung auf – und läuft beinahe täglich durch die Stadt, um nach Arbeit zu fragen. „Wo gebaut oder renoviert wird, gehe ich vorbei und frage, ob noch jemanden gebraucht wird“. Doch bisher hat sie als Antwort immer nur ein Kopfschütteln bekommen. Christiane Raue weiß, dass auf dem Bau eher Leute entlassen als eingestellt werden, und deshalb hat sie ihr Suchfeld erweitert. „Ich würde auch als Hausmeisterin arbeiten“, erklärt sie. Vergangene Woche ist sie im Rathaus Spandau gewesen. „Ich hab mir gedacht, vielleicht brauchen die ja jemanden für Reparaturen und so was“. Aber weil die Stadt kein Geld hat, hieß es auch dort nur: Einstellungsstopp. „Es ist schon frustrierend, wenn man immer nur abgewiesen wird“, sagt Frau Raue. Manchmal fühlt sie sich „wie ein Vertreter, der Tag für Tag von Haustür zu Haustür tingelt und einfach nichts verkauft kriegt“. Trotzdem – aufgeben will sie nicht: „Jetzt kommt der Frühling und auf dem Bau geht die Saison wieder los.Vielleicht gibt’s dann auch für mich wieder was zu tun.“

Michael Schmidtke (36), Elektroinstallateur

Es ist sein sonniges Gemüt, das im Gedächtnis bleibt. Ein Jahr ist es her, dass Michael Schmidtke einen dicken braunen Umschlag auf den Tisch legte und sagte: „Das sind alles Absagen“. 40 Briefe, alle endeten mit dem Satz: „Wir wünschen Ihnen für Ihre Zukunft viel Erfolg“. An seinen Erfolg hat Schmidtke immer geglaubt, weil er ein Optimist ist, einer mit unverwüstlich guter Laune. Seit sechs Wochen hat er wieder eine Stelle – nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit. „Ist schon ungewohnt morgens aufzustehen, um . . .“, er legt ein kurze Pause ein, „ . . . zur Arbeit zu gehen“. Dann lacht er. „Hört sich doch gut an!“ Und es fühle sich auch gut an, endlich wieder sein eigenes Geld verdienen zu können.

Michael Schmidtke arbeitet jetzt als Haustechniker für die Hotelkette „Blue Band“. Bei der Jobsuche allerdings hat ihm die Weiterbildung, die ihm das Arbeitsamt vermittelt hat, wenig geholfen. Schmidtke hat zum Fachmann für Telekommunikation und Netzwerktechnik umgeschult. Heute findet er, dass diese „Aktion“ reine Zeitverschwendung gewesen sei. „In der Branche hat man als Umgeschulter keine Chance, die meisten nehmen einen nur, wenn man einen Hochschulabschluss hat“. Im vergangenen Jahr waren 35 000 IT-ler arbeitslos, auch wenn nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom jedes siebte Unternehmen nach IT-Fachkräften sucht. „Lediglich ein Jahr Umschulung reicht nicht, um aus einem gelernten Elektroinstallateur einen IT-Spezialisten zu machen“, sagt Schmidtke. Es fehle einfach auch an praktischer Erfahrung.

Mit seinem Job als handwerklicher Allrounder ist Schmidtke sehr zufrieden. Schließlich hatte er vor einem Jahr genau so einen Arbeitsplatz gesucht: „Ich habe gerne mit Menschen und mit Werkzeug zu tun. Eine Stelle als Haushandwerker, das wäre die perfekte Arbeit“, hat er Anfang 2002 gesagt. Anfang 2003 hat Michael Schmidtke das perfekt hingekriegt.

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