Zeitung Heute : Private Kollektionen

Die junge Berliner Designerin Esther Perbandt ist ihre eigene Muse. Trotzdem macht sie Kleider, die auch anderen Frauen stehen

Grit Thönnissen

Esther Perbandt macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Wie sie lebt, arbeitet sie auch. Auf Taschen und Kleider der Frühjahr/Sommer-Kollektion 2005 druckte sie sogar Auszüge aus ihrem Tagebuch und machte sich erst nach der Auslieferung darüber Gedanken, dass sie da ziemlich viel aus ihrem Privatleben preisgegeben hatte. Sie findet nichts dabei, wenn man ihrer Kollektion ansieht, dass sie sich von ihrem Freund getrennt hat. Sie freut sich einfach, wenn jemand feststellt, dass ihre Sachen erwachsener geworden sind.

Am Anfang einer Kollektion kann bei Esther Perbandt ein einfacher Knopf stehen. So einer, der normalerweise an Bettwäsche genäht wird, aus weißer Baumwolle mit gestanzten Ösen aus Metall — nicht gerade ein Prachtstück, mit dem man seinen Kleidern den letzten Kick gibt. Aber eben perfekt als Ausgangspunkt für eine Kollektion, in diesem Fall die für Sommer 2007. Esther Perbandt hat viele weiße Wäscheknöpfe genommen und sie aneinandergereiht wie eine Perlenschnur. In ihren Händen wurden sie zu einer Kette, wie sie die Garçonettes der zwanziger Jahre mehrmals um den Hals geschlungen trugen und beim Charleston schlackern ließen.

Es ist seltsam, wie die junge Berliner Designerin am Zuschneidetisch in ihrem Atelier in Prenzlauer Berg sitzt. Fast wirkt sie wie von sich selbst für ihre Kleidung erfunden. Sie ist schlank, groß und hat ihre Haare zu einem markanten dunklen Bubikopf frisiert, der ihr klar geschnittenes Gesicht umrahmt. Sie erinnert durchaus an eine der oben erwähnten Garçonettes – deshalb lässt man sich dazu verführen, ihre Entwürfe für jugendlich, ja sogar jungenhaft zu halten.

Dafür, dass Frauen jeden Alters Esther Perbandts Mode tragen können, gibt es aber einen lebenden Beweis. Und zwar in Gestalt der Frau, die der Starfotograf Richard Avedon einmal als die schönste der Welt bezeichnete. Schon zwei Mal war Veruschka von Lehndorff bei Esther Perbandt im Atelier und hat alles anprobiert, was dort auf den Kleiderstangen hing. Wobei das Topmodel der sechziger Jahre natürlich keine durchschnittliche 67-Jährige ist. Das weiße T-Shirt, auf das die Umrisse von Esther Perbandts Gesicht gedruckt sind, wirkt an ihr jedenfalls alles andere als albern. So schaffte es die junge Berlinerin auf der Brust eines ergrauten Models sogar bis auf die Vernissage einer Londoner Kunstgalerie, zu der Veruschka von Kopf bis Fuß in Esther Perbandt erschien.

„Esther gehört zu der Sorte Designerinnen, die perfekt in ihren eigenen Sachen aussieht“, sagt Lennart Jondral vom Laden „Berliner Klamotten“. Dort werden Auszüge aus den Kollektionen Berliner Nachwuchsdesigner präsentiert.

Von Esther Perbandt hängt da unter anderem eine Hose aus festem Baumwollstoff, die mit einem doppelseitigen Reißverschluss an beiden Seitennähten versehen ist. Wenn man diese erst einmal geöffnet hat, steht man wie vor einem jener Puzzlespiele, deren Einzelteile in auseinandergenommenem Zustand nicht mehr zusammenzupassen scheinen: Der Saum wird zum Bündchen, und so verwandelt sich die relativ schmale Hose in eine mit einem sehr tiefen und weiten Schritt. Jondral findet die Hose zwar toll, bittet aber inständig darum, sie wieder ordentlich auf den Bügel zu hängen – er sei mit ihrer Zusammensetzung schlichtweg überfordert.

Ihr Handwerk hat Esther Perbandt gründlich gelernt: Erst studierte die gebürtige Charlottenburgerin Modedesign an der Universität der Künste, dann machte sie ihren Master in European Fashion/Textildesign in Paris, Utrecht und Berlin. Geblieben ist sie dann noch genau 14 Monate und sieben Tage in Frankreich. In dieser Zeit arbeitete sie an einer Neubelebung des Designlabels Chacok, das in den siebziger Jahren für seine romantischen Blumenmuster bekannt war.

Dass sie, zurück in Berlin, eine eigene Kollektion auf den Weg brachte, verdankt sie einem glücklichen Zufall. Sie war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Es war Oktober 2003, in der Hauptstadt hatten gerade zum zweiten Mal die großen Modemessen Bread and Butter und Premium stattgefunden. Also bewarb sich Esther Perbandt zusammen mit den beiden Designerkolleginnen Friederike von Wedel und Regina Tiedeken um einen Stand auf der Premium. Als die Zusage kam, hieß es, Augen zu und durch – eine fast schon klassische Arbeitseinstellung für junge Berliner Designer.

Esther Perbandt, die während eines Praktikums in Moskau gelernt hatte, wie man alles aus sich herausholt, kaufte Siebe, bedruckte Stoffe und nähte daraus Kleider und Oberteile. Auf die Messe nahm sie auch ein paar selbst gemachte Taschen mit. Diese, mit metallenem Riegelverschluss und schmalen Trageriemen versehen, entwickelten sich unversehens zum Hauptprodukt. Ganz glücklich war sie nicht damit – aber wenn die Leute ihre Kleider nun mal nicht haben wollten?

Da kam ihr wieder der Zufall zur Hilfe, denn sie traf ihre Professorin Jayne Curé aus Paris wieder. Die hatte Vertrauen in ihre Fähigkeiten und bot ihr an, mit ihr zusammen das Label „Esther Perbandt“ neu aufzubauen. „Jetzt kann ich nicht mehr einfach irgendetwas aus dem Bauch heraus machen. Ich muss alles erklären können“, sagt die junge Designerin. Und diese Klarheit tut ihrer Arbeit sichtlich gut.

Der Kollektion für diesen Herbst kann man die Zusammenarbeit deutlich ansehen: Die Drucke sind dezenter, die Farben dunkler, die Schnitte detailreicher geworden. Die einzelnen Teile lassen sich gut miteinander kombinieren, funktionieren aber auch als Einzelstücke zu schlichten Jeans oder T-Shirt. Auch Taschen bietet Esther Perbandt weiterhin an, allerdings nun als Edelvariante in schwarzem und braunem Leder und für den nächsten Sommer in weichem, cremeweißem Leder. Auf der letzten Messe in diesem Sommer wurden die Taschen zum ersten Mal als genau das wahrgenommen, was sie sein sollen — schöne Accessoires als perfekte Ergänzung zu einer aussagekräftigen Kollektion.

Zu haben bei: Konk, Kleine Hamburger Straße 15, und Berliner Klamotten, Hackesche Höfe/Hof 2 (Mitte). Infos unter www.estherperbandt.com

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