Privatschulen : „Freie Schulen sollen die gleiche Finanzierung bekommen“

Kurt Wilhelmi vom „Omnibus für Direkte Demokratie“ will mehr Selbstständigkeit für die freien und staatlichen Schulen Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen“.

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Sturm auf die Politik. Die Organisatoren der Volksinitiative wollen ihr Anliegen in die Öffentlichkeit bringen. Und mit anderen Menschen über ihre Vorstellungen diskutieren. Schauspieler Axel Prahl unterstützt sie dabei.Foto: Michael von der Lohe
Sturm auf die Politik. Die Organisatoren der Volksinitiative wollen ihr Anliegen in die Öffentlichkeit bringen. Und mit anderen...

In ihrer Volksinitiative „Schule in Freiheit“ hat die Organisation „Omnibus für Direkte Demokratie“ mehr Rechte für Schulen in freier Trägerschaft gefordert, und auch für staatliche Schulen. Sprecher und Organisator der Initiative ist Kurt Wilhelmi.

Herr Wilhelmi, Sie und Ihre Mitstreiter haben in Berlin mehr als 24 000 Unterschriften für die Volksinitiative „Schule in Freiheit“ gesammelt. Warum?

Weil wir denken, dass die Schulen für die Demokratie sehr wichtig sind. Sie brauchen Freiheit, damit sich in ihnen die Mündigkeit und Souveränität der Menschen entwickeln kann.

Was fordern Sie?

Wir haben drei Forderungen: Zum einen sollen die Schulen in freier Trägerschaft die gleiche Finanzierung bekommen wie die Schulen in staatlicher Trägerschaft.

Was würde das bringen?

Die freien Schulen müssten dann kein Schulgeld mehr erheben. Zur Zeit bekommen die freien Schulen vom Land Berlin nur etwa 65 Prozent des Geldes, das vergleichbare staatliche Schulen erhalten. Die gleichberechtigte Finanzierung würde die soziale Mischung an den freien Schulen erhöhen. Bislang bewirken die Schulgelder, dass Eltern mit geringem Einkommen sich die Schule nicht frei aussuchen können.

Ihre Forderungen betreffen aber auch staatliche Schulen.

Ja, wir wollen den staatlichen Schulen organisatorische Selbstständigkeit geben: sie sollen sich das Personal selbst aussuchen und einstellen können. Sie sollen auch finanzielle Eigenständigkeit bekommen, also ein Budget, über das sie selbst bestimmen können.

Und Sie wünschen sich auch mehr Eigenständigkeit der Schulen in Bezug auf die Lehrpläne?

Ganz genau. Wir sind davon überzeugt, dass die vielen pädagogischen Vorgaben des Staates der kreativen Arbeit in den Schulen schaden. In meiner Schulzeit zum Beispiel hatte ich immer Freude daran, ein neues Thema zu beginnen. Aber durch den bloß nach Lehrplan abgespulten Unterricht wurde diese Begeisterung leider sehr selten befriedigt.

Aber die Schulen in freier Trägerschaft haben doch schon heute mehr Freiheiten und die Möglichkeit, neue Unterrichtsmodelle auszuprobieren?

Das stimmt, allerdings sind auch diese Schulen durch die staatliche Prüfungsordnung eingeschränkt. Der ganze Unterricht muss auf die vorgegebenen Abschlussprüfungen ausgerichtet werden. Diese Abschlüsse sind unproduktiv und einseitig, sie unterfordern die Kreativität der Schüler.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Neben dem Abitur könnte es auch andere Schulabschlüsse geben. Mit Sicherheit gibt es Prüfungsformen, die den einzelnen Schüler weiter bringen und mehr über ihn und seine Fähigkeiten aussagen als das bloße Abfragen von meist stumpfsinnig auswendig gelerntem Fachwissen.

Wie komme ich denn dann als junger Mensch an die Uni, wenn jede Schule ihren eigenen Abschluss anbietet?

Die Hochschulen könnten selbst entscheiden, welche Abschlüsse sie anerkennen und welche nicht. Schüler mit einem nicht anerkannten Abschluss könnten durch eine Aufnahmeprüfung oder ein Probejahr aufgenommen werden.

Das klingt radikal und provokativ.

Ja, dieser Punkt ist sicher der ungewöhnlichste in unserem Programm. Zu diesem Aspekt haben wir während der Volksinitiative aber auch die interessantesten Gespräche geführt.

Sie haben mit Ihrer Volksinitiative genügend Unterschriften gesammelt und durften im vergangenen März in Berlin vor dem Parlament sprechen. Wie war das für Sie?

Das war ein schönes Ereignis. Wir hatten an die 300 Zuhörer im Sitzungssaal und den angrenzenden Räumen und haben viel positives Feedback bekommen.

Sind Sie auch in anderen Bundesländern aktiv geworden?

Kurz danach bekamen wir einen Hilferuf aus Brandenburg. Dort plante die Regierung, die Finanzierung der Schulen in freier Trägerschaft zu kürzen – ein aktuelles Phänomen in den neuen Bundesländern. Wir haben dort als ein breites Bündnis fast 40 000 Unterschriften gesammelt und im Dezember gab es eine Anhörung im Schulausschuss. Die Plenardebatte ist jetzt im Januar.

Hatten die Volksinitiativen in Berlin und Brandenburg denn politische Folgen?

In Berlin wurde beschlossen, dass die Schulen in freier Trägerschaft zwar nicht mehr Geld, aber immerhin ein transparentes Finanzierungsverfahren bekommen. In Brandenburg wurden die geplanten Kürzungen leider nur wenig zurückgenommen. Ich halte diese Kürzungen für grundgesetzwidrig.

Wie geht es in diesem Jahr mit der Berliner Initiative weiter, planen sie nun ein Volksbegehren, oder ist Ihnen diese Hürde zu hoch?

Diese Hürde ist immer noch sehr hoch. Ich könnte mir aber eine zweite Volksinitiative zum Thema vorstellen. Damit die Konferenz weitergeht.

Das Gespräch führte Rita Nikolow.

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