Zeitung Heute : Pro 7 deutet Entführung in "Geiseln von Costa Rica" um

Robert Bongen

Drei, zwei, eins - um Punkt zwölf Uhr kommt das Grauen. Die feuchtfröhliche Silvesterparty im Dschungel Costa Ricas wird von maskierten Männern gestört. "Sind die echt?" fragt die 24-jährige Kiki (Nina Hoss) noch freudentrunken, da bekommt sie postwendend die Antwort: Zusammen mit ihrer Reiseleiterin Marlies (Suzanne von Borsody) wird sie in den Urwald verschleppt - die "grüne Hölle" wird für die lebenslustige Wohlstands-Göre, die im Dschungel ihren Lippenbalsam auspackt, Realität: Gefangen von einer Bande Guerilleros und der Hitze, dem Regen, dem Morast, den Moskitos hilflos ausgeliefert. Und dann folgt das alte Spiel: Die Entführer werden unruhig, ihre Forderungen werden nicht erfüllt. Sie kriegen sich in die Haare, vertragen sich wieder, nähern sich ihren Geiseln an. Schließlich verliebt sich einer von ihnen in die hübsche Kiki. Diese spielt das Spiel mit, in der Hoffnung, Talamanca (Raúl Méndez Martinez) für ihre Flucht benutzen zu können.

Der Pro 7-Film "Die Geiseln von Costa Rica" um 20 Uhr 15 von Uwe Janson erzählt den spektakulären Fall der Touristen Nicola Fleuchaus aus Tübingen, die sich 1996 zusammen mit der schweizerischen Reiseleiterin Susanne Siegfried über zehn Wochen in der Hand von nicaraguanischen Contra-Rebellen in Costa Rica befand. Erst als die Angehörigen ein Lösegeld in Höhe von 300 000 Mark zahlten, kamen die beiden frei. Nach der Festnahme der Entführer sorgte ein Kuss-Foto von Nicola Fleuchaus mit einem ihrer Peiniger für Medienrummel. Polizeipsychologen sprechen in solchen Fällen vom so genannten "Stockholm-Syndrom", seit sich 1973 in der schwedischen Hauptstadt bei einem Banküberfall zwischen Kidnappern und Geiseln ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte.

In Jansons Film geht die Verbindung sogar noch über ein freundschaftliches Verhältnis hinaus: Kiki ist trotz Todesangst und großer Strapazen von der urwüchsigen Magie des Dschungels, aber vor allem vom charismatischen Anführer der Rebellen fasziniert. Während sie sich ihm an einem Wasserfall leidenschaftlich hingibt, kämpft ihr Freund Markus (Marek Erhardt) verzweifelt gegen die Willkür der südamerikanischen Behörden.

Der Film hält sich, wie Nina Hoss ("Das Mädchen Rosemarie") sagt, weitgehend an Fakten: "Aber es ist zugespitzt. Ich spiele eine anfangs oberflächliche Frau. Als sie entführt wird, ist es das Fremde, das Neue, aus dem dann Liebe entsteht."

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