Zeitung Heute : Pro und Contra

Kurt Sagatz

Seiner Zeit voraus
Windows XP ist das schickste Windows aller Zeiten, doch nur mit der richtigen Hardware

Von Kurt Sagatz

Die 17 Millionen User können nicht irren. So oft wurde Windows XP seit der Einführung Ende Oktober 2001 inzwischen verkauft. Sagt Bill Gates. Damit wäre XP das erfolgreichste Windows aller Zeiten, denn Windows 98 und die Millennium Edition starteten ungleich langsamer. Sollte Windows XP also zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden, die der gebeutelten IT-Industrie den erhofften Auftrieb verschafft?

Abseits aller vollmundigen Werbeerklärungen von Microsoft ist eines jedenfalls sicher: XP ist das schickste Windows, das es je gegeben hat. Es findet sich kein Menü, das nicht animiert wird und sich nun geschmeidig öffnet. An jeder denkbaren Stelle erlaubt der halbdurchsichtige Aqua-Look den Blick auf weite Horizonte. Und es gibt kaum eine Aufgabe, bei der XP nicht versucht, jene Nutzer hilfreich an die Hand zu nehmen, die es - wie mein Kollege E. - gern etwas narrensicherer haben. Derart viel

Unterstützung kann schon richtig nervös machen. Vor allem, wenn dann aufwändig jene Schalter gesucht werden müssen, um den ganzen Schnickschnack wieder abzuschalten.

Dennoch: Wer sich einmal an das neue Design und die vielen netten Detailverbesserungen gewöhnt hat und sich an der größeren Absturzsicherheit erfreut, wird kein anderes Windows mehr auf seinen Desktop lassen. Jedenfalls dann nicht, wenn mit dem neuen Windows auch die gleichen Funktionen laufen, die schon die Vorgänger-Systeme zur Verfügung stellten. Das sollte man schließlich erwarten können. Denn was nützt die schönste Oberfläche, wenn DVD-Videos ruckeln, weil XP die Beschleunigung der Grafikkarte nicht erkennt. Oder wenn das erst vor kurzem gekaufte PC-Lenkrad nicht funktioniert, weil sich der Hersteller standhaft weigert, entsprechende Treiber für XP nachzuliefern. Oder weil man keine Lust verspürt, diverse Programme neu zu kaufen, weil die alte Software angeblich nicht per Update auf XP-Stand gebracht werden kann. Auch ist es reichlich ärgerlich, wenn die Stromsparfunktionen nicht richtig funktionieren, weil die Hardware die neue Software nicht versteht. Wer einen nagelneuen Rechner mit dem "Designed for Windows XP"-Logo kauft und auch ansonsten bereit ist, in neue Hard- und Software zu investieren, dem wird das sicherlich nicht passieren. Alle anderen XP-Nutzer haben jedoch mitunter das Gefühl, ihrer Zeit etwas voraus zu sein. Im Guten wie im Schlechten.

Alles bleibt gut
Man könnte es auch konservativ nennen: Windows 98 klingt jedenfalls viel besser

Von Markus Ehrenberg

Ich bin kein Freund großer Experimente. Wenn mein Laptop mal reibungslos funktioniert, umspielt ein Lächeln mein Gesicht, surrt sanft der Lüfter, die widerspenstige Welt fügt sich, und alles ist fertig. Homogen, einleuchtend, nicht mehr hinterfragbar.

Wie mein blauer Bildschirmschoner. Ein Oberflächenparadies. Ob das nun das Betriebssystem A oder das Betriebssystem Z schafft - das ist mir ziemlich egal. Hauptsache, es läuft. Wer garantiert denn, ob das die neue Software auch hinkriegt, in allen Lebenslagen funkioniert? Ob mein Laptop mitzieht oder schlapp macht? Bei all den Millionen Bits & Bytes, die neu verdaut werden wollen. Das Wort "Neu-Installation" kommt bei mir gleich nach "Terror-Anschlag". Die Welt ist unwägbar genug. Solange ich nur störungsfrei schreiben, mailen und ein paar Minuten im Internet surfen kann, wackelfrei. Warum also ständig was Neues ausprobieren? Bis weit, sehr weit in die 90er Jahre hinein arbeitete ich noch mit Windows 3.1, dem Trabbi unter den Betriebssystemen. Gut, allzuviel Internet war da nicht. Lange verschwieg ich diesen peinlichen Umstand in der Redaktion, genauso wie den 486er Prozessor in meinem alten Laptop, der langsamer war als die AOL-Service-Hotline. Aber ich war ziemlich glücklich. Und störungsfrei, computermäßig. Später hat es Monate gedauert, mich an Windows 98 zu gewöhnen. Jetzt will ich nicht mehr.

Warum sollte ich diesen Zustand relativer Bedürfnislosigkeit für Windows XP aufgeben? Für all die Sichheits-Updates, Zusatz-Downloads, Kinderkrankheiten, die Woche für Woche nachgereicht werden - ohne mich. Ach, Microsoft. Freunde der Anwendung. Da können Menschen noch so beschwingt durch deine himmelblauen TV-Spots fliegen, von einer perfekten, virtuellen Welt träumen, und Madonna macht den Swing dazu. Ich muss ja nur über den Redaktionstisch schauen, um mitzukriegen, was dahintersteckt. Um besser Filme aus dem Netz zu sehen, selber Filme zu drehen, "weichere Icons" zu sehen oder was weiß ich noch alles, hat sich Kollege S. tagelang das tolle, neue Betriebsprogramm auf seinen Computer daheim gelegt. Ein paar Wochen später hat er das wieder rückgängig machen müssen. Glücklich sah er dabei nicht aus.

Man könnte mich konservativ nennen. Ewig gestrig. Bitte schön. Kein Problem. Irgendwie klingt 98 schöner als XP.

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