Zeitung Heute : Probleme? Nur die verpaßte Finalteilnahme

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS .Der "Kabel", wie der Kampfesbund der aus Surinam stammenden jungen Männer genannt wird, ist aufmerksam.Sobald die Frage auf rassistische Störungen im Team der Holländer zielt, schalten die Herren Winston Bogarde, Michael Reiziger, Clarence Seedorf, Patrick Kluivert und Edgar Davids ab."Kein Kommentar", sagt Davids, der den Spitznamen "Pitbull" trägt, mit dem Ball umzugehen weiß und derzeit ein gefragter Mann ist.Nein, dieser Sportkamerad der dunkelhäutigen Surinam-Fraktion des Oranje-Teams hat mit früheren Kommentaren zum Thema so seine Erfahrungen gemacht.Vornehmlich schlechte.

Vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in England hatte ihn Bondscoach Guus Hiddink im Auftaktspiel gegen die Schweiz auf der Wechselbank schmoren lassen.Woraufhin der temperamentvolle Spieler die Nerven verlieren und sich zu einem folgenschweren Satz hinreißen lassen sollte."Ich werde schon wieder spielen.Aber dann sollte der Coach seinen Kopf aus dem Hintern einiger Spieler ziehen." Zur Strafe schickte Hiddink den "Störenfried" nach Hause.Doch der vorübergehend aus der Nationalmannschaft Hollands entlasse Spieler sollte damit ein Problem angesprochen haben, von dem während der WM-Tage in Frankreich keiner etwas wissen, hören oder sagen will.

"Es gibt kein Problem zwischen den weißen und dunkelhäutigen Spielern bei uns im Team", sagt Guus Hiddink."Wir leben doch unter einem Vergrößerungsglas, was rassistische Dinge anbelangt." Hintergrund sei damals ein anderer gewesen.Wenn man den Journalisten aus Holland Glauben schenken will, dann lag entsprechenden Äußerungen ein Konflikt zugrunde, der darin bestand, daß die weißen Spieler von Ajax, so die Brüder Frank und Ronald de Boer, mehr Geld bekamen als Davids und Co.Heute sei das Problem beigelegt, da Spieler wie Bogarde und Reiziger den Verein Richtung Barcelona verlassen oder die anderen mehr Geld bekommen."Wir haben hier ein gutes Auskommen miteinander", sagt freundlich Edgar Davids, der in einer gewalttätigen Gegend Amsterdams aufwuchs.Vorbei sei die Zeit, da der nur 1,69 m große Kämpfer ins Amsterdamer Nachtleben ab- und erst in den Morgenstunden wieder auftauchte.

Vergessen scheinen auch die bösen Sätze von damals."Edgar gehört zu den besten Fußballern Europas", sagt Hiddink, "und deswegen ist er hier." Doch ganz so leicht hatte es sich Hiddink nicht gemacht.Im Vorfeld der WM hatte der Trainer die einstigen Fußballgrößen Johann Neeskens, Ronald Koemann und Frank Rijkaard als "Präventiv-Kräfte" in seinen Stab geholt."Ich glaube, mit Erfolg", sagt Hiddink.

"Wir haben hier ein sehr gutes Turnier gespielt", bekräftigt Hiddink und meint vor allem die Spiele gegen Jugoslawien (2:1) im Achtel- und gegen Argentinien (2:1) im Viertelfinale.Und Brasilien sei seine Mannschaft nach einer großartigen Leistung erst im Elfmeterschießen unterlegen gewesen.Heute wartet im Spiel um Platz drei die Auswahl Kroatiens.Eigentlich wollten sie ja ins Finale, wie Davids sagt."Vom Personal her kann nur Brasilien und vielleicht auch Frankreich mit uns mithalten.Ich sehe da keine andere Mannschaft."

So ganz unrecht hat Davids nicht.Jeder Stammspieler des Oranje-Teams kann auf mindestens ein großes Erfolgserlebnis der abgelaufenen Saison blicken.Overmars und Bergkampf wurden mit Arsenal Englischer Meister, Reiziger und Bogarde mit Barcelona Spanischer, Davids mit Juventus Italienischer und Torwart Van der Saar, Frank und Ronald de Boer mit Ajax Holländischer Meister.Seedorf gewann mit Real Madrid die Champions-League, Winter mit Inter Mailand den UEFA-Cup und mit Stam, der nach der WM für 30 Millionen Mark zu Manchester wechselt, haben sie den teuersten Verteidiger in ihren Reihen."Bis gestern hatten wir hier nur ein Problem", sagt Davids, nämlich das, "daß wir nicht im Finale stehen."

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