Zeitung Heute : "Prochnow schweigt gut"

Tobias Wiethoff

Ein Interview mit Wolfgang Petersen über "Air Force One", Patriotismus und US-PräsidentenTobias Wiethoff TAGESSPIEGEL: Herr Petersen, Ihr neuer Film "Air Force One" war mit einem Einspielergebnis von knapp 180 Millionen Dollar ein Kassenknüller in den USA.Wo stehen Sie denn nun in der Rangliste der amerikanischen Top-Regisseure? PETERSEN: Wenn man wie ich hintereinander drei Erfolgsfilme gelandet hat, ist das natürlich ein Glücksfall, eigentlich der Idealfall.In Hollywood bestimmt sich alles nach solchen nüchternen Werten.Es gibt keine offizielle Rangliste, aber ich schätze, daß ich unter den ersten fünf anzusiedeln bin. TAGESSPIEGEL: In "Air Force One" haben Sie sich nach eigenem Bekenntnis "im amerikanischen Patriotismus gesuhlt".Nun soll der Film im Ausland noch einmal genausoviel einbringen wie in seiner Heimat.Meinen Sie, daß die Liebe anderer Völker zu den USA so weit geht? PETERSEN: Ich glaube, der Bazillus des amerikanischen Patriotismus ist ohne große Schwierigkeiten übertragbar.Das habe ich an mir selbst festgestellt, der ich mich als Deutscher ja vorher in Patriotismus nicht erproben durfte.Aber das Entscheidende ist natürlich der Film selbst, und "Air Force One" ist einfach das Aufregendste, was ich bisher gemacht habe. TAGESSPIEGEL: In Ihrem Film wird der US-Präsident wirklich zum stärksten Mann der Welt: als Actionheld.Ist damit das Genre des Actionfilms an einem Endpunkt angelangt? PETERSEN: Ich wollte in der Tat so etwas wie den letzten großen Action-Film machen.Nach "Air Force One" kann man eigentlich nicht mehr steigern: Als Actionstar habe ich den amerikanischen Präsidenten, als Hauptdarsteller den erfolgreichsten Schauspieler aller Zeiten und als Schauplatz das geheimnisvollste Flugzeug der Welt, das fliegende Weiße Haus.Im Hintergrund steht auch noch der weltpolitische Konflikt zwischen Rußland und Amerika.Mehr geht kaum. TAGESSPIEGEL: Bedienen Sie die Sehnsucht der Amerikaner nach einem starken Mann an der Staatsspitze, der wie in den alten Western für Recht und Ordnung sorgt? PETERSEN: Der Film wird natürlich zunächst als Spaß, als Märchen gesehen.Keiner erwartet ernsthaft, daß Clinton plötzlich die Ärmel hochkrempelt und auf böse Leute einschlägt.Aber sicher verbirgt sich hinter dem Erfolg des Films auch der Wunsch nach ein bißchen mehr Courage in der Politik.Die wachsweiche Haltung Clintons zum Bürgerkrieg in Jugoslawien wurde in den USA doch heftig kritisiert. TAGESSPIEGEL: Der echte Präsident soll sich den Film trotzdem zweimal angesehen haben... PETERSEN: ...ja, aber er hat sich zu der politischen Seite des Films nicht geäußert.Er lobte ihn nur als unheimlich spannend.Clinton ist ja clever: Er weiß, daß "Air Force One" dem Amt des Präsidenten und damit auch ihm selbst etwas Positives bringt.Natürlich ist das Amt auch durch ihn und seine Jugendlichkeit wieder sexy geworden.Zur Zeit von Reagan oder Bush wäre ein solcher Film schwer vorstellbar gewesen. TAGESSPIEGEL: Zeugt Ihr Film vom neuen Selbstvertrauen der Amerikaner? PETERSEN: Eindeutig.Das spiegelt sich in den Drehbüchern ziemlich gut wider.Es gibt nach den wirtschaftlichen Erfolgen der Clinton-Regierung das verbreitete Gefühl: Wir sind wieder stark. TAGESSPIEGEL: Ihr nächster Film soll kein Action-Film werden? PETERSEN: Es wäre sicher gut, jetzt zu beweisen, daß ich in einer anderen Richtung arbeiten kann, risikoreicher, nicht im sicheren Gefilde eines Genres.Mit meinem nächsten Projekt, entweder einer Antarktis-Geschichte oder einem großen Liebesfilm, will ich in diese Richtung gehen.Natürlich denke ich auch immer an die wunderbare Erfahrung mit dem "Boot".Es hat damals große Freude gemacht, mit einer ganzen Schar unverbrauchter Gesichter zu arbeiten.Das hat dem Film eine enorme Authentizität gegeben. TAGESSPIEGEL: In "Air Force One" gibt es eine Reminiszenz an Ihren Erfolgsfilm "Das Boot": Jürgen Prochnow. PETERSEN: Sein Auftritt hat ja etwas von einem Insiderwitz.Wir brauchten für die kleine, aber wichtige Rolle des Kasachenführers Radek einen Schauspieler mit Ausstrahlung und Charisma, am besten einen echten Star.Prochnow sagt im ganzen Film kein Wort, aber wenn er schweigt, ist er besonders gut. Die Fragen stellte Tobias Wiethoff.

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